Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 6 (5.2.1926)
- Date
- 1926-02-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 6 3. Teil 12. Buch). „Es wird eine Zeit kommen, 'da man in Europa nicht mehr fragen wird, wer Jude oder Christ sei, denn auch der Jude wird nach europäischen Gesetzen leben und zum Besten des Staates beitragen. Nur eine barbarische Verfassung hat ihn daran hindern oder seine Fähigkeit schädlich machen können." (Ideen zur Philosophie der* Geschichte der Menschheit. 2. Bd., Buch 16, V. 8.) Kant, der auch in der Liste vorkommt, schrieb an Moses Mendelssohn über sein Buch „Jerusalem": „Es i s t n u r ein Mendelssohn. Ich halte dieses Buch für die Verkündigung einer großen, obzwar langsam bevorstehenden und fortrückenden Reform, die nicht allein Ihre Nation, sondern auch andere treffen wird. Sie haben Ihre Religion mit einem solchen Grade von Gewissensfreiheit zu vereinigen gewußt, die man ihr nicht zugetraut hätte und dergleichen sich keine andere rühmen kann." Voltaire hat freilich imanicheflei gegen das Judentum gesagt, aber er tritt stets für Toleranz ein. Gelegentlich sagt er zum Beispiel: „Was ist Toleranz? Die Mitgift der Menschlichkeit. Wir alle sind voll von Schwächen und Irrtümern; verzeihen wir uns gegenseitig unsere Dummheiten; das ist das erste Gesetz der Natur." „Die Juden verehrten ihren Gott, aber sie hatten niemals etwas dagegen, daß jedes andere Volk auch seinen Gott habe." . . . Jakob nahm keinen Anstand, die Töchter eines Götzendieners zu heiraten; Jakob hatte einen eigenen Gott wie Laban den seinigen hatte. Das sind Beispiele; von Toleranz bei dem intolerantesten und grausamsten Volke des ganzen Altertums. Wir haben es in seiner unvernünftigen Wut, aber nicht in seiner Milde nachgeahmt." Voltaires Abneigung hängt übrigens enge mit seinem Hasse gegen das Christentum zusammen, ähnlich wie bei Giordano Bruno, Dühring, Ed. von Hartmann. Der Antisemit Dühring sagt ganz konsequent: Eia Christ, wenn er sich selbst versteht, kann keia ernsthafter Antisemit sein". Bei Schopenhauer liegt gelegentliches Aeußerungen die Abneigung des großen Pessimiste» gegen den vermeintlichen Optimismus des Judetttumes zugrunde. Ob dies zutrifft, ist freilich sehr zweifelhaft. Nebenbei hat Schopenhauer zwei jüdische Freunde David Ascher und Julius Frauenstädt zu seinen Testamentsvollstreckern ernannt. Beide waren die eifrigsten und erfolgreichste« Apostel seiner Lehre. M o 11 k e wird auch als Antisemit zitiert. Aber er hat die betreffenden Stellen, die in einer Schrift über Polen enthalten waren, in seinem Alter ausdrücklich zurückgezogen. Der greise Feldmarschalt schrieb 1884, er habe „allerdings als junger Offizier •iie kleine Schrift über die Zustände Polens verfaßt „oder vielmehr nur" vor fünfzig Jahren aus schoa damals erschienenen größeren Werken zusammengetragen", aber er „erinnere sich dieser Jugendarbeit nicht weiter und lege gar keinen Wert auf dieselbe". Als er um Erlaubnis zur Wiederveröffentlichung der Schrift ersucht wurde, machte er zur ausdrücklichen Bedingung, daß jene Stellen wegbleiben müßten und er hat sich überdies noch wiederholt in ganz entgegengesetzter Weise über jüdisches Wesen geäußert. Ebenso hat Bismarck (siehe Jöhlinger, Bismarck und die Juden) in seiner Jugend einmal ais junger Junker eine Rede gegen die Judenemanzipation gehalten, während er in gereiften Jahren oftmals den entgegengesetzten Standpunkt deutlich kundgab, was zahllose Wutausbrüche der Antisemitenpresse hervorrief. Am 30. Jänner 1872 sprach Bismarck im preußischen Abgeordnetenhaus: „Sobald wir den Staat im konfessionelle Stücke schneij=gpj{ Feuilleton Steine und Mensehen. „Wenn du mir einen Altar'Fvon 7 Steinen machst, so baue ihn nicht von bell au enen; denn hast du dein Eisen darüber geschwungen, so hast duühn entweist " II. 20, 22 La Der Bericht der Offenbarung am Berge Sinai schließt mit der Bestimmung, be'an Bau des Altares kein Eisen zu verwenden. Auch König Salomo hat sie später beim Bau des Tempels gewissenhaft beobachtet und die Heilige Schrift berichtet: „Der Bau des Hauses war aus ganzeni Steinen, wie sie vom Bruche kamen, aber Hammer oder Axt oder irgend eiim eisernes Gerät war nicht gehört, solange das Haus gebaut wurde." Noch heute wird die Thorarolle geschrieben, ohne daß ein Gerät voo Stahl oder Eisen in Anwendung kommen darf. Der Talmud hat diese Vorschrift begründet: .J3as Eisen ist von Gott erschaffen, um die Lebenstage des Menschen zu verkürzern, der Altar aber, um die Tage des Menschen zu verlängern." Eisen ist das Symbol des Kampfes und Streites, der Altar das des Friedens. Kampf tötet, Frieden fördert Leben und! Bestand. Ob es die Stätte ist, die dem Dienste Gottes geweilt iist, oder das Gebot Gottes selbst, „die ganze Thora ist nur um des Friedens willen da." Das Gotteswort ist Gemeingut der Menschen geworden und es gibt heute kein Kulturvolk, das es wagen dürfte, die Worte vom Sfeai zu verleugnen. In diesem Sinne hat die Religion die Welt erobert. Wer nun seinen Blick über die Geschichte der Völker und Religionen schweifen läßt, wird sich einer Wahrnehmung nicht verschließen können. Es gibt kaum ein Blatt in der Weltgeschichte, auf dem nicht von Religions¬ und Glaubenskämpfen berichtet wird. Entweder kämpft eine Religion gegen die andere, oder streiften die Gläubigen wegen der Religion untereinander, oder sie wollen mit Feuer und Schiwert denen, idüe scheinbar keöne Reiligioni besitzen, das Heil des Glaubens bringen. Die ganze Weltgeschichte erscheint wie ein großes Drama, das Glück und Unglück der Menschheit durch Religion und Glauben aufrollt Man ist versucht, an eine Episode zu denken, die im Talmud erzählt wird. In d!er Zeit, da Griechen und Juden auf dem Boden Palästinas kämpften und jene bereits den heiligen Tempel entweiht hatten, trat ein Weib, Mirjam, die Tochter Bilgas, an den Altar, schlug mit ihrem Schuh auf ihn und rief: „Du Wolf, verschlingst die Habe Israels, stehst ihnen aber in der Zeit der Gefahr nicht bei!" Dieses Weib sah bloß .das Elend, das Glaubenskämpfe über die Menschen bringen. Ohne nack Wahrheit und Recht zu fragen, ließ sie ihrem Groll freie» Lauf, schmähte den schuldlosen Altar und wandte süch vom Judentum ab. So könnte Groll und Widerwillen manchen erfassen, wienn er meint, die Religion hätte der Menschheit mehr Unfrieden als Frieden gebracht. Das wäre ein ebensolcher Irrtum, wie der Wahn der lästernden Mirjam, der Tochter Bilgas. Nicht die Religion trägt die Schuld!, sondern die Menschen'. Diese schießen in Ltebe und Haß über das richtige Maß hinaus. Auch Israel muß das Symbol des Antares richtig verstehen. Das glaubenseifrige Volk, das in seiner Gottesbegeisterung gesprochen hat: „Alles, was Gott spricht, wollen wir tun!", soll auf dem Altar schauen, der aus unbehauenen Steinen errichtet, über den kein Eisen geschwungen ist, der entweiht ist, wenn er Leben verkürzt Dieser Altar mußte doch ein Kunstwerk sein, wenn sich die unbehauenen, ungefügen Ste&ne zu einem lückenlosen, festem Ganzen zusammenschlössen. Solches Bauwerk mußte jedes Auge gedankenvoll anschauen und anstaunen. Den Steinen gleich sind die Menschen. Sie alle haben Ecken und Kanten, Härten unri