Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 6 (5.2.1926)
- Date
- 1926-02-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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WAHRHEIT Österreichische Wochenschrift fflr iüdisdie Interessen mit dem Beiblatt: Veröffentlichungen der ..Union dentschösterreichischer Juden _Refraktion und Administration Wieg» MM.. HcIlICStrQac 13. - Fernruf 42-2-16 XL1L Jahrgang Wien, 5. Februar 1926 _Nummer 6 Genius und Antisemitismus. In der vorigen Nummer der „Wahrheit" hat Herr Dr. A. Posner (Kiel) eine Anregung gegeben, die alle Beachtung verdient: Er hat darauf hingewiesen, daß von antisemitischer Seite große Männer unseres Geisteslebens oft ganz fälschlicherweise als judenfeindlich hingestellt werden, indem irgend eine Aeußerung aus dem Zusammenhang gerissen; entstellt und verdreht und dann als Beweis für die antisemitische Einstellung des Betreffenden ausgegeben wird. Gegen diese Methode müsse Stellung genommen werden und — so regt Herr Dr. Posner an — wir müßten über den Nachweis der Entstellungen und Verdrehungen hinaus der antisemitischen Zitatensammlung eine andere entgegenstellen, in welcher solche Aeußerungen zusammengestellt sind, die eine objektive und freundliche Einstellung der betreffenden Personen zum Judentum erkennen lassen. Unser Blatt hat der Zitatenfrage, die in der Abwehr des Antisemitismus eine große Rolle spielt, stets seine besondere +■ Aufmerksamkeit zugewendet, wie dies aus zahlreichen Artikeln und Notizen hervorgeht. Es handelte sich dort gewöhnlich um die Widerlegung der landläufigen Zitatenverdreluuigen und Zitatenfälschungen der Antisemiten. Wie wichtig aber die Anregung Dr. Posners für die Bekämpfung des Antisemitismus ist. soll hier ausführlich an einigen Beispielen dargelegt werden. In der „Deutschösterreichischen Tageszeitung" war kürzlich ein seitengroßea, mit fettesten Lettern schreiendes, auch in den Räumen der Universität plakatiertes Manifest abgedruckt, das die überwältigende Entdeckung verkündigte, daß „die ersten Denker und die freiheitlichsten Geister aller Nationen Antisemiten waren". Als solche Gesinnungsgenossen führt das Manifest unter anderen Goethe, Herder, Luther, Kant, Moltke, Bismarck. Schopenhauer, Voltaire an. Von diesen Größen werden Aussprüche mitgeteilt, die offenbar das Einzige sind, was der Verfasser des Aufrufes von ihnen^weiß und diese hat er offenbar aus irgend einem Pamphlet abgeschrieben. Natürlich kann man mit Zitaten, die aus •dem Zusammenhang gerissen und ohne Rücksicht auf damalige Zeitverhältrasse oder momentane Stimmung verwendet werden, alles beweisen. Goethe schreibt gelegentlich: „Die Deutschen sind im einzelnen achtbar, im ganzen miserabel", an anderer Stelle (Eckermann, 3. Mai 1827) meint er, es können noch ein paar Jahrhunderte hingehen, daß man von den Deutschen wird sagen können, es sei lange her, daß sie Barbaren gewesen. Schopenhauer und Nietzsche haben über die Deutschen in vielen Aussprüchen so unerhört scharf, bitter und verächtlich geurteilt, daß die größten Deutschen- Iiasser in Paris oder Prag kaum Aergeres sagen können. Darf man sie deshalb als „Gesinnungsgenossen" der deutschfeindlichen Chauvinisten ansehen? Dies alles ist ja selbstverständlich. Aber gerade das Selbstverständliche ist heute am meisten in Gefahr, tibersehen zu werden. Ein paar Zitate sind daher wohl am Platz. L u t h e r, den die Antisemiten als Kronzeugen anführen, hat als 40jähTiger Mann ein Buch geschrieben „Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei", in dem er sich in den kräftigsten Ausdrücken gegen die Judenhasser wendet. Dort heißt es unter anderem: ..Unsere Narren, die Papisten, Bischöfe, Sophisten und Mönche, — die groben Esels — haben bisher also mit den Juden verfahren, daß, wer ein guter Christ gewesen, hätte wohl mögen ein Jude werden. Un!d wenn ich ein Jude gewesen wäre und hätte solche Tölpel und Knebel den Christenglauben regieren und lehren gesehen, so wäre ich eher eine Sau geworden, als ein Christ. Denn sie haben mit den Juden gehandelt, als wären es Hunde und nicht Menschen . . . Darum wäre meine Bitte und mein Rat» daß man säuberlich mit ihnen umgehe und aus der Schrift sie unterrichtet. Will man ihnen helfen, so muß man christlicher Liebe Gesetz an ihnen üben, sie freundlich annehmen, mit lassen werden und arbeiten, damit sie Ursache und Raum gewinnen, bei uns und um uns zu sein." Goethe hai sich über das Judentum oftmals geäußert und Dr. W. Bode — neuerdings Teweles — hat aus seinen Aussprüchen folgende charakteristische zusammengestellt: „Aber ich hasse die Juden nicht. Was sich in meiner früheren Jugend als Abscheu gegen die Juden in mir regte, war mehr Scheu vor dem Rätselhaften, vor dem Unschönen. Meine Verachtung, die sich wohl zu regen pflegte, war mehr der Reflex der mich umgebenden christlichen Männer und Frauen. Erst später, als ich viele geistbegabte, feinfühlige Männer dieses Stammes keirnei: lernte, gesellte sich Achtung zu der Bewunderung» die ich für das bibelschöpferische Volk hege, und für den Dichter, der das hohe Liebeslied gesungen." Selbst Herder, der Apostel der Humanität, wird plötzlich zum Antisemiten gestempelt! Es genügt wohl, aus seinen Schriften ein paar Stellen anzuführen: „Israel war und ist das ausgezeichnetste Volk der Erde; in seinem Ursprung und Fortleben bis auf den heutigen Tag, in seinem Glück und Unglück, in Fehlern und Vorzügen, in seiner Niedrigkeit und Hoheit so einzig, so sonderbar, daß ich die Geschichte, die Art, die Existenz dieses Volkes für den ausgemachtesten Beweis der Wunder und Schriften halte, die wir von ihm haben und wissen." (Briefe, das Studium der Theologie betreffend, I. Teil, 12. Brief und „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit",