Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 5 (29.1.1926)
- Date
- 1926-01-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 5 bare Politik der Aufbau und die innere Konsolidierung des Heiligen Landes aufs schwerste gefährdet wird, kann auch jenen Juden, die, ohne „national" zu sein, den Wiederaufbau von Erez Jisroel von ganzem Herzen wünschen, nicht gleichgültig sein. Aber nicht nur diese, sondern sicherlich auch alle real denkenden Jüdischnationalen werden sehr erstaunt sein über die Ansichten, die Herr U s s i s c h k i n, der einer ihrer anerkannten Führer ist, in der Eröffnungssitzung der palästinensischen Nationalversammlung bekundet hat. Er hielt nämlich aus diesem Anlasse eine großangelegte politische Rede, in welcher er unter anderem erklärte, daß „die Juden der Qaluthländer den Standpunkt vertreten, daß es im politischen Interesse der Judenheit liege, ein jüdisches Palästina zu besitzen, in dem die Nichtjuden nur Minoritätenrechte besitzen sollen. Wenn man der Judenheit bereits zugesagt habe, ihr eine eigene Heimstätte in Palästina zu schaffen, wäre es vor allem notwendig, der Judenschaft hierzulande die Rechte der Majoritätsnation zu erteilen. Sollte diese berechtigte Forderung der Judenschaft der ganzen Welt nicht erfüllt werden, so ist es unmöglich, von der Judenschaft zu verlangen, die großen Opfer zu tragen, die der Aufbau Palästinas benötigt." Solche Reden halten, heißt Oel in das Feuer gießen, das die arabischen Nationalisten angezündet haben, um damit die jungen jüdischen Siedlungen zu zerstören. Die Rede Ussischkins hat denn auch in Palästina große Aufregung hervorgerufen. Solche Reden schaden aber auch allgemein der Judenschaft aller übrigen Länder, denn sie bieten den Antisemiten, die ja überall unermüdlich am Werke sind, einen passenden Vorwand zu finden, um die Gleichberechtigung der Juden zu beschränken. „Wenn Ihr", so könnten diese sprechen, „den Nichtjuden in Palästina, trotzdem Ihr dort nur ungefähr 20 Prozent der Bevölkerung ausmacht, Minoritätsrechte erteilen wollt, dann dürfte Ihr Euch nicht darüber beklagen, wenn wir, die wir tatsächlich die überwiegende Majorität besitzen, euch ebenfalls nur Minoritätsrechte einräumen." Dies vor allem ist der Grund, weshalb das gesamte Judentum gegen die Worte - Ussischkins den schärfsten Protest erheben und es insbesondere auf das entschiedenste zurückweisen muß, wenn behauptet wird, daß ein derartiges, vollkommen unverantwortliches Postulat „eine berechtigte Forderung der Judenschaft der ganzen Welt wäre". Was die Judenschaft fordert, das sind weder Majoritäts-. noch Minoritätsrechte, sondern die gleichen Menschenrechte für alle, sowohl in Palästina als auch in allen anderen Ländern! Kommunisten gibt es auch in Palästina, und zwar stehen sie ihren Gesinnungsgenossen in Europa in nichts nach, weder in bezug auf den klassenkämpferischen Radikalismus, noch was Entschiedenheit des Auftretens betrifft. So kam es gleich bei der am 11. Jänner erfolgten Eröffnung der jüdischen Nationalversammlung in Jerusalem zu stürmischen Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und den übrigen Parteien, als ein Redner der kommunistischen Fraktion heftige Aneriffe gegen die britische Regierung -und die Palästinaverwaltung führte. Er forderte die "Versammlung auf. gegen das kapitalistische Regime einen energischen Kampf zu beginnen, da eine wahre Autonomie unter einem solchen Regime nicht möglich sei. „Wir Arbeiter", so führte er unter lebhaftem Widerspruche der Majorität der Versammlung weiter aus, „haben mit der übrigen Judenheit nichts Gemeinsames, wir haben in Gemeinschaft mit dem internationalen Proletariat den Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus zu führen." Obige Rede, aus der wir nur diese besonders markante Stelle .angeführt haben, ist ein Beispiel dafür, wie sehr Parteidogmatismus den gesunden Menschenverstand verwirren kann. England, unter dessen Schutze si^h der Wiederaufbau Palästinas vollzieht, wird beschimpft, der böse Kapitalismus, der die . Verwegenheit besessen hat, seine Gelder dem Wiederaufbau zur Verfügung zu stellen, wird in Grund und Boden verdammt und die Gemeinschaft mit dem übrigen Judentum, das die größten Opfer für das Heilige Land gebracht hat, wird vollständig geleugnet. Klassenkampf und Wiederaufbau, das sind zwei Dinge, die sich nicht gut miteinander vertragen. Die Herren Kommunisten in Palästina werden sich für das eine oder für das andere zu entscheiden haben. Eine Reminiszenz. Wie bereits gemeldet, ist vor kurzem das Leibblatt Ludendorffs, „Der völkische Kurier", infolge Mangels an Abonnenten selig in Wotan entschlafen. Mit diesem Hetzblatte verbindet auch unsere Zeitung eine Erinnerung, die heute um so eher aufzufrischen ist, als sich „Der völkische Kurier" in diesem Falle als falscher Prophet erwiesen hat. Gelegentlich einer Ironisierung der Hakenkreuzler durch unser Blatt fiel Ludendorffs Organ wutschnaubend über uns her und betonte, daß „'die dringendste Aufgabe die sei, jüdischen Uebermut zu dämpfen. Erst wenn die Judenfrage gelöst worden ist, dann wird es mit Deutschland besser werden". Es ist sicher sehr traurig, daß „Der völkische Kurier" seine dringende Aufgabe nicht mehr weiter erfüllen kann. Auch die Judenfrage ist nicht in seinem Sinne bisher gelöst worden, dagegen kann und wird es. das hoffen wir, in Deutschland besser werden, wenn der wahre Locarno-Geist dort Platz greift. Wenn es eines der ersten Symptome dieses Geistes war, daß ein Hetzblatt von der Sorte des „Völkischen Kurier" von der Bildfiäche verschwinden mußte, dann können auch wir mit dieser Entwicklung zufrieden sein. Wie der Vater, so der Sohn. Wir hatten bereits wiederholt Gelegenheit, einiges aus der abenteuerlichen 'Laufbahn des in seiner Art berühmten ungarischen Konvertiten und Antisemitenführers Trebitsch-Lincoln zu registrieren. Nunmehr kommt aus London eine Nachricht, die den Sohn dieses Auswurfes seinem Vater würdig an die Stelle stellt. John Lincoln ist nämlich am Weihnachtsabend in der Wohnung seiner Braut von der Londoner Polizei unter dem Verdachte des Mordes verhaftet worden. Die Verhaftung des jungen Mannes erregt in der ganzen Londoner Gesellschaft, in der Trebitsch-Lincoln seinerzeit eine große Rolle gespielt hat — er war Mitglied des englischen Unterhauses —. berechtigtes Aufsehen. Der junge Lincoln hat allem Anschein nadi einen Raubmord verübt, dessen Opfer der steinreiche Londoner Kaufmann C. Rochards ist. Der junge Lincoln war Absolvent einer Militärschule und wurde im Jahre 1921 als Kadett in ein englisches Artillerieregiment eingereiht. Der junge Mann war in den vornehmen Londoner Bürgerhäusern ein gern gesehener Gast. Vor einigen Monaten verlobte er sich mit der Tochter des angesehenen Londoner Bürgers Thomas Brown. Die Hochzeit hätte in wenigen Wochen stattfinden sollen. Nun stellte suh heraus, daß die Familie Brown bisher im unklaren über die Persönlichkeit Lincolns gewesen war. Lincoln hatte seiner Braut und deren Angehörigen erzählt, daß seine Eltern in den Kolonien leben. Die Operette als Verjudungsinstrument. Das ist der Schlachtruf, mit dem die „Linz er Volksstimme", das „Völkisch-antisemitische Kampfblatt der ehrlich schaffenden Stände", gegen die Wiener Operette zu Felde zieht. Sie klagt bitter darüber, daß sich die arischen Volksgenossen von dem jüdischen Machwerke, wie es die Operette darstellt, den guten Geschmack verderben lassen und, statt Opern und klassische Theaterstücke zu besuchen, ihr Geld den jüdischen Operettenschmierern und Theaterdirektoren in den Rachen werfen. Es wäre müßig, sich mit einem von krankhaftem Judenhaß beseelten Sudelschreiber in eine Auseinandersetzung über Kunstfragen einzulassen. Wollen wir auch gar nicht. Wir wollen nur folgendes bemerken: Die Operette besitzt neben der Oper und dem klassischen Theaterstück gewiß volle Existenzberechtigung, bietet sie doch dem während des Tages geistig stark in Anspruch genommenen Berufsmenschen einige Stunden Freude und Erholung und mehr will sie ja nicht. Speziell die Wiener Operette ist in ihrer Art einzig dastehend und hat als solche auch dazu beigetragen, den Ruf Wiens als Kunststadt zu vergrößern, eine Tatsache, die man offenbar in Linz schmerzlich empfindet. Selbst die „Linzer Volksstimme" kann nicht behaupten, daß Johiann Strauß, der Schöpfer der Wiener Operette, ein Jude gewesen sei, und so sagt sie wenigstens, um seine Operetten in den Augen ihrer Leser herabzusetzen, „daß ihre Texte jüdisch angehaucht seien". Ein Beweis für das Kunstverständnis des arisch angehauchten Artikelschreibers. Mit weit größerer Berechtigung als die Operette ein Verjudungsinstrument zu nennen, könnte man die antisemitische Presse und zumal das „völkische Kampfblatt der ehrlich schaffenden Stände in Linz" als Verdummungsinstrument bezeichnen. Betrachtet sie doch alle Weltereignisse in Politik, Wissenschaft und Kunst einzig und allein unter dem Gesichtspunkte der Rasse: arisch gut, jüdisch schlecht. Sie raubt dadurch ihren Lesern jedes objektive Urteilsvermögen und vernagelt ihre Gehirne mit öden Schlagworten. Ein treffendes Beispiel hierfür ist: „Die Operette als Verjudungsinstrument." JAC. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik . Zentrale: . Detailverkauf: Wien II., Glocken gösse 24 Wien IL, Taborsfraße .44