Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 5 (29.1.1926)
- Date
- 1926-01-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 5 DIE WAHRHEIT Seite 9 die Wiener christliche Gesellschaft im großen und ganzen, dische. Insbesondere der Mittelstand der jüdischen Bewie nachgewiesen, über mehr Geldmittel verfügt als die jüvölkerung leidet ebenso unter den Unbilden der Zeit wie der christliche. Ihre Bemerkung jedoch, daß die Juden nicht körperlich arbeiten, trägt den Charakter einer offenbaren Tendenz. Es gibt nämlich kein Gewerbe in Wien, das nicht manuelle Arbeiter jüdischer Konfession beschäftigt. In weiterer Verfolgung Ihrer unrichtigen Information stellen wir zunächst fest, daß nicht alle Zeitungen Wiens von Juden verwaltet und redigiert werden. Nebst der von Ihnen als Ausnahme zitierten „Reichspost" sind da noch die „Deutschösterreichische Tageszeitung", das „Weltblatt', die „Wiener Neuesten Nachrichten", „Die Neue Zeitung", die sich in durchwegs christlichen Händen befinden. Ebensowenig entspricht es den Tatsachen, daß Juden die Mehrheit der Künstler, Schriftsteller und Theaterdirektoren darstellen. Ihre Darstellung beruht also auf durchaus groben Irrtümern, weshalb Sie aus falchen Prämissen natürlich unrichtige Folgerungen gezogen haben. Wir bitten Sie darum, in dem von Ihnen vertretenen Madrider Blatte eine Richtigstellung Ihrer Angaben über die Wiener Judenschaft vornehmen zu wollen und erwarten von Ihrer Loyalität, daß Sie uns den betreffenden Artikel mit den richtigen Daten gefälligst einsenden wollen. Wir sind zu dieser Forderung um so mehr berechtigt, als die „Union deutschösterreichischer Juden" ein Verein zum rechtlichen Schutze der österreichischen Judenschaft und zur Abwehr der Angriffe auf dieselbe ist. Und da sich Ihre Ausführungen unverkennbar als ein unberechtigter Angriff darstellen, so ist es Pflicht dieses Vereines, solchen Vorgängen nach allen Richtungen entgegenzutreten. Seit der Absendung dieses Briefes ist ein Monat verflossen, wir haben weder von Herrn Sardo noch von seinem Blatte ein Lebenszeichen. Dieses Verhalten des Korrespondenten ist um so verwunderlicher, als gerade er am wenigsten Grund hätte, seinen so lebhaften, von einer üppigen Phantasie genährten Antipathien gegen die Juden Ausdruck zu verleihen. Denn Herr Sardo ist, wie wir von authentischer Seite erfahren, wohl ein eingefleischter Klerikaler, also der gleichen Gesinnung wie das Blatt, das er in Wien vertritt, er hätte aber trotzdem ausreichende Gründe dafür, mit den Wiener Juden auf gutem Fuße zu stehen. Denn zur Zeit, als er hier Sprachlehrer war, wurde er von Juden in großherziger Weise unterstützt und heute ist er Präsident des Circolo espanol, welcher Klub zum größeren Teile aus spaniolischen Juden besteht. Er ist auch "Vizepräsident zweier Vereine der Wiener auswärtigen Korresoondenten, bei denen es auch eine große Anzahl von Juden gibt. Wir teilen unseren Lesern diesen interessanten Sachverhalt mit, hauptsächlich um an d<esem Beispiele zu zeigen, wie weitverzweigt die Feindseligkeiten sind, mit denen wir österreichischen Juden zu kämpfen haben, und wie schwierig es deshalb ist, ihnen immer mit durchschlagendem Erfolge entgegenzutreten. Oder sollte Herr Sardo jetzt, wenn auch versoätet, sich veranlaßt sehen, unserem höflich' geäußerten Wunsche zur Steuer der Wahrheit Rechnung zu tragen? Oskar H i r s c h f e 1 d. Wahrheiten vom Tage m m &elfe* l-ROTGASSE-1 mm Das Interview, das ein Mitarbeiter der „W i e n e r Morgen zeitung" mit dem Vertrauensmann der Jüdischnationalen im Präsidium der Wiener Kultusgemeinde, Herrn Vizepräsidenten Dr. Josef Löwenherz gehabt hat kann in einigen Punkten nicht unwidersprochen bleiben. Wenn Herr Dr. Löwenherz sich über die ihm zu gering erscheinende finanzielle Unterstützung des Keren H a j e s s o d beklagt und den Grund hierfür in dem mangelnden Verständnis der maßgebenden Personen für diese Institution erblickt, so muß diese Behauptung zurückgewiesen werden. Die über die Leistungen der Kultusge'meinde verfügenden und die Leistungsfähigkeit der Gemeinde genau abwägenden Männer des Präsidiums und Vorstandes sind sich ihrer Verpflichtung gegenüber Palästina eben so sehr bewußt wie ihrer großen Verantwortung gegenüber den schwer notleidenden eigenen Gemeindeinstitutionen. Wer wollte diesen Männern einen Vorwurf darob machen, daß sie sich bemühen, zunächst das furchtbare Elend, die himmelschreiende Not vieler Glaubensgenossen im eigenen Lande zu lindern, und dann erst an die sicherlich idealen und unterstützungswürdigen Bestrebungen in Palästina denken? Herr Dr. Löwenherz sagte in dem Interview wörtlich folgendes: „Sie können also aus den vorhergehenden Ausführungen (welche die Leistungen der Gemeinde auf allen Gebieten behandeln, d. Red.) entnehmen, daß die Wiener jüdische Kultusgemeinde nicht — wie es die Herren von der Union haben wollen — bloß (!) das religiöse Leben fördert, sondern das gesamte soziale Erziehungs- und Wohltätigkeitswesen in ihre Tätigkeit einbezieht." Was wollen die Herren von der Union? Sie wollen gerade das Gegenteil von dem, was Ihnen von Herrn Dr. Löwenherz unterschoben wird. Sollte aber der Herr Vizepräsident der Gemeinde über die Absichten der der Union angehörenden Mitglieder des Präsidiums und Vorstandes wirklich so schlecht unterrichtet sein, als es aus diesen Aeußerungen hervorgeht, dann wollen wir ihn an die Rede erinnern, die Dr. Josef Ticho. der Obmann der in der Kultusgemeinde vertretenen Unionmitglieder, am 16. Dezember v. J. gehalten hat und aus der wir nur die folgenden Sätze anführen: „Wenn unsere Weisen sagen, auf drei Säulen ruht die Welt, auf der Lehre, dem Gottesdienst und der Wohltätigkeit, dann haben sie den Atifgabenkreis der Gemeinde umschrieben, und wahrlich, es ist ein unerschöpfliches Arbeitsgebiet, das sich uns da bietet." Herr Dr. Löwenherz befindet sich aber auch mit sich selbst in einem unlösbaren Widerspruch. In dem objektiven Teil seiner Rede, gesren den übrigens nichts einzuwenden ist, bespricht er die bedeutenden Fortschritte, welche die Gemeinde auf dem Gebiete des Gottesdienst-, Erziehungs- und Unterstützungswesens gemacht hat und die doch in erster Linie nur mit Hilfe jener zustandekamen, welche die Majorität des Kultusvorstnndes bilden, nämlich der Mitglieder der ..Union": im polemischen Teil d-igegen behauptet er. daß diese Herren „bloß" das religiöse Leben fördern wollen. Entweder es wäre richtig, daß die Mitglieder der Gemeinde, sofern sie keine geeichten .Tüd?schnation;den sind, nur für das „religiöse Lebe n" Interesse haben, wie erklärt sich Herr Dr. Löwenherz deren Leistungen auf dem Gebiete des sozialen. Erziehungsn n d W o h 11 ä t i g k ei t s w e s e n s? Oder Herr Doktor I.öwenherz bestreitet die Leistungen der Herren von der ..Union"?»uf dem Gebiete; des sozialen. Erziehung- und Wohltätigkeitswesens nicht, wie kann er es wagen, ihnen das Interesse für diese wichtigen Arbeitsgebiete der Gemeinde abzusnreohen? Doch wir wollen Herrn Dr. Löwenherz aus diesem Widerspruch herausführen. E<i ist in der fnkchen or?er — besser gesngt — engherzigen Auffassung gelegen, die er wie plle ..narionnlen" Juden von Wesen der jüdischen Religion besitzt. Die Religion der Thora besaht nicht wie andere PeHeionen bloß in gottesdienstliehen H^ndluneen. sondern nuch in Thorastudium und werktätiger Nächstenliebe. Dies ither pnt Herr Dr. T öwenberz s>rher ri'."V gemeint. r>K er rnit e;n-r he? ..mfionnle'i'' .TnH^n pHertfip^s begreiflichen fieriwgschätzn'ig ..bloß" vom religiösen Lehm sernch. Minoritätsrechte. Diesmal handelt es sich nicht um die Minoritätsrechte, die die Jüdischnationalen für die Juden der einzelnen Länder begehren, sondern um jene, welche sie als „Majoritätsnation" Palästinas den übrigen im Heiligen Lande ansässigen Völkern gnädigst gewähren wollen. Sind die Juden in Palästina auch noch sehr weit davon entfernt, tatsächlich eine Majoritätsnation zu sein, so spielt diese Tatsache für radikale Nationalisten gar keine Rolle, wie ja überhaupt Jüdischnationale gerne geneigt sind, sich über die realen Tatsachen hinwegzusetzen. Daß durch eine solche jeder Vernunft