Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 5 (29.1.1926)
- Date
- 1926-01-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Nr. Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden" i Wien IX. { Berggasse 4 ■ Postsparkassen - Konto : Nr. 9464 Telephon Nr. 19-2-77 Spanisches. Eine Reihe deutscher Blätter, selbstverständlich auch deutschvölkischer Couleur, haben in jüngster Zeit Ansichten von Wien oder, sagen wir richtiger, Ansichten über Wien veröffentlicht, aus denen der Schmerzensschrei, Wien sei nicht nur verjudet, sondern mache geradezu den Eindruck einer Judenstadt, herausstönt. Ueberraschend berührte diese gewissermaßen orientalische Uebertreibung der arisch-antisemitischen Presse nicht, wohl aber verblüffte die Quelle, aus der sich diesmal die antisemitische Flut ergoß. Ausgerechnet Madrid! In Spanien kann man, das muß zur Entschuldigung gesagt sein, in der Tat nur vereinzelt jüdischen Erscheinungen begegnen, trotzdem darf es nicht geleugnet werden, daß es dasjenige Land der Welt ist, das mit Recht als das verjudetste bezeichnet werden kann. Denn zur Zeit der großen Judenaustreibungen blieben dort hunderttausende Juden zurück, die mit größerer oder geringerer Ueberzeugungstreue, um dem Exil oder dem Tode zu entgehen, die katholische Religion annahmen. „Judenrein" in buchstäblichem Sinne des Wortes war aber Spanien tatsächlich geworden; ob zu seinem Vorteil? Unverfälscht arische Historiker haben die durch die Verhältnisse nur zu begründete Behauptung aufgestellt, daß der Zeitpunkt des Verfalles des einst mächtigen und großen Reiches genau mit dem der Vertreibung der Juden zusammenfällt. Und da muß es nun gerade der Wiener Korrespondent des ziemlich verbreiteten Madrider klerikalen Blattes „E 1_D e b a t e" sein, der vielleicht ohne übertriebene Kenntnis der Judenfrage in Spanien sich gedrängt fühlt, seine offenbar auch nicht sehr tiefgründigen Forschungen über die Judenfrage in Wien seinen Landsleuten mitzuteilen. Der Wiener Bericht des Madrider Herrn macht nicht den Eindruck, wie wenn er in vorgerückter Stunde, in einer durch erfreulichen Genuß eines echten Spanierweines erhöhten Stimmung geschrieben wäre, in der man bekanntlich manches doppelt sieht. Denn der gute Mann 'sieht nicht nur doppelt, er sieht nicht nur zehnfach, er sieht überhaupt nur Juden in Wien. Er führt in seinem Berichte, den wir der Uebersetzung deutscher Zeitungen entnehmen, u. a. aus: „Der Fremde, der bei seiner Ankunft in Wien nicht wissen sollte, wieviel Juden in dieser Stadt wohnen, würde bei dem Anblick der Straßen, der Cafes und der öffentlichen Parks bestimmt annehmen, daß 60 Prozent der Gesamtbevölkerung der österreichischen Hauptstadt jüdisch sind. Wenn man überall so vielen Juden begegnet, so ist das der Tatsache zuzuschreiben, daß die Juden im Besitze des Geld'es und die einzigen sind, die nicht körperlich arbeiten und infoJgedessen in den Straßen, C a f 6 s, Restaurants und Parks zu sehen sind, während die Wiener aus Mangel an Geld und Zeit gezwungen sind, all den Stätten fern zu bleiben, deren Besuch Geld und Zeit e**f ordert. Ferner tragen zu dem Glauben, daß Wien fast ausschließlich von Juden bewohnt sei, folgende Tatsachen bei: daß alle wichtigen Zeitungen Wiens mit Ausnahme der „Reichspost" von Juden verwaltet und redigiert werden, daß Juden die Leiter der. großen Banken, Juden die Mehrheit der Künstler und Schriftsteller, Juden fast alle Theaterdirektoren, Juden die Eigentümer oder Leiter der meisten Industrie- und Handelsunternehmungen und endlich Juden fast alle Aerzte und Rechtsanwälte sind." Also Juden und nichts als Juden. Der Madrider Herr gibt wohl weiters zu, daß Wien, die Zweimillionenstadt, nur rund zweihunderttausend jüdische Seelen zählt (also zehn Prozent und nicht 60 Prozent), verschweigt aber, daß unter ihnen eine leider unverhältnismäßig große Zahl in bitterster Armut schmachtender Familien lebt. Nicht einmal die Mittel der Wiener israelitischen Kultusgemeinde reichen zu der notdürftigsten Unterstützung dieser bedauernswerten Menschen aus, die vor keiner Arbeit zurückscheuen und kaum in Kaffeehäusern, Restaurants etc. zu finden sind. Die „Union deutschösterreichischen Juden", die ihre Aufmerksamkeit selbstverständlich auch dieser Angelegenheit zuwendete, hat in diesem Falle, wie auch sonst oft, zunächst versucht, ohne Lärm zu schlagen eine Korrektur des judenfeindlichen Berichtes zu erwirken. Sie ließ sich hierbei wie immer von dem Gedanken leiten, daß sie dazu berufen ist, den Ruf Wiens im Auslande nicht herabsetzen zu lassen, zumal der Verfasser des Artikels in den Wiener Verhältnissen keinen vereinzelt dastehenden Fall sieht, sondern der Auffassung ist, daß die Lage in den meisten Ländern gleich oder ähnlich ist, und auch gleichzeitig unser Verein die Pflicht hat, die Interessen der Wiener jüdischen Bewohner zu wahren. Zu diesem Zwecke haben wir an Herrn Professor Don Aniceto S a r d o — so heißt der Korrespondent des Madrider Blattes — ein höfliches Schreiben gerichtet, in welchem wir Punkt für Punkt seinen übertriebenen Artikel widerlegten, nachwiesen, daß der äußere Schein trügt, und den Herrn ersuchten, seine judenfeindlichen Ausführungen zu korrigieren. In diesem Schreiben heißt es u. a.: Ihr Artikel über Ihre Beobachtungen in Wien, betreffend die Wiener Judenschaft, liegt uns vor. Wir ersehen daraus, daß Ihre Beobachtungen, auf durchaus falscher Basis beruhen. Es macht auf den objektiven Leser, der die Verhältnisse in Wien kennt, einen sonderbaren Eindruck, wenn Sie behaupten, daß der Fremde in der Hauptstadt Oesterreichs bei seiner Ankunft daselbst nichts anderes als Juden sieht. Wir wissen nicht, welche Stelle Wiens dieser Fremde bei seiner Ankunft gerade betritt, jedenfalls ist es aber unrichtig, daß die Parks, Straßen und Caf6s ausschließlich mit Juden bevölkert sind. Im übrigen selbst wenn an einem gewissen Punkte der Stadt zufällig mehr Juden als Christen versammelt sind, so läßt sich aus. diesem Straßenbilde keineswegs ein Schluß auf die Zusammensetzung der Wiener Bevölkerung ziehen, weshalb auch Ihre Angabe, man glaube, daß 60 Prozent der Wiener Bevölkerung jüdisch sei, absolut den Tatsachen widerspricht Falsch ist auch die von Ihnen gemachte Angabe, daß die Wiener Juden im Besitze des Geldes seien und nicht körperlich arbeiten. Wir weisen darauf hin, daß