Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-01-29 · Heft 5 (29.1.1926) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 5 (29.1.1926)
Date
1926-01-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3063978--14302-3081853
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 5 DIE WAHRHEIT Seite 7 Inwieweit an den Francfälschungen deutsche Hakenkreuzler'unmittelbar beteiligt sind, ist noch nicht klar, denn Prinz Windischgrätz und Polizeichef Nädossy, die allein darüber Bescheid wissen, schweigen. Sicher ist jedenfalls, daß Nädossy die engsten Verbindungen mit nationalsozialistischen Kreisen unterhielt. Er hat im Interesse der deutschenHakenkreuzler schon einmal die internationale R e p u t a t i o n Ungarns aufs Spiel gesetzt, als er seine schützende Hand über die Erzberger-Mörder Schulz und Tylessen hielt, die sich monatelang unbehelligt in der unmittelbaren Nähe von Budapest, in der Tetenyer-Villa Julius Gömbös* aufhalten durften. Es sei hier kurz an die damaligen Vorgänge erinnert: Ein Journalist entdeckte die Mörder und erstattete, ehe er ein Wort darüber veröffentlichte, die Anzeige. Die Polizei rührte aber nicht an die Gäste, indem die verschiedenen Polizeidirektionen die Kompetenz zum Vorgehen gegen sie einander zuschoben. Schließlich sah man sich aber unter dem Druck der heimischen und der ausländischen öffentlichen Meinung doch gezwungen, Detektive nach Teteny zu schicken. Inzwischen hatte Tylessen das Weite gesucht. Schulz wurde verhaftet, es vergingen aber volle sechs Wochen, bis es gelang, seine Identität mit dem Erzberger- Mörder nachzuweisen — und dann wurde seine Auslieferung verweigert. Auch hier hatte Nädossy die Hand im Spiel. Es ist nicht anzunehmen, daß sich seine Beziehungen zu den deutschen Gesinnungsgenossen seither wesentlich gelockert hätten. Glossen. Wie ethisch läuternd und das Rechtsgeiühl kräftigend der Antisemitismus wirkt, hat man wieder einmal an einem Fall ersehen, der vor wenigen Tagen einen Preßburger Strafsenat beschäftigte. Der Präsident der tschechoslowakischen Republik, Masaryk, ein Denker und Gelehrter von hoher Geisteskultur und vornehmer Gesinnung, ist selbstverständlich frei von konfessioneller Borniertheit. Ebenso selbstverständlich aber ist, daß der antisemitelnde Pater Hlinka von einem Staatsoberhaupt etwas ganz anderes erwartet und so kam es, daß er in seinem Leiborgan zur Persiflierung der Stellung, die Masaryk in der Judenfrage einnimmt, ihm den Titel „Tateleben4' verlieh. Pater Hlinka mußte sich infolgedessen in einem Prozeß wegen Beleidigung des Präsidenten Masaryk verantworten. Er wurde freigesprochen und zwar mit der Begründung, daß der betreffende Artikel keine unerlaubte Kritik Masaryks enthalte und die Bezeichnung „Tateleben" nicht beleidigend sei, da sie unter den Juden allgemein üblich ist. Die Richter, die dieses Urteil fällten, brauchten nicht zu wissen, daß „Tateleben" bei dem überwiegend großen Teil der Juden, die den Jargon lange nicht so kultivieren wie viele Antisemiten, nicht nur nicht üblich, sondern ganz und gär ungebräuchlich ist. Ueberraschender ist allerdings, daß gelehrte Richter, wenn auch nur vorübergehend, vergessen konnten, daß der animus injurandi, die Absicht zu beleidigen, selbst einem harmlos klingenden Worte einen verletzenden Beigeschmack verleihen kann. Oder wollte vielleicht Pater Hlinka seiner verehrungsvollen Gesinnung für Masaryk durch die Wahl dieses Wortes Ausdruck geben? Statt vom Pater Hlinka vom „Tateleben Hlinka" zu reden, könnte einem noch im Jargon befangenen Juden leicht passieren, aber ich möchte diesem doch nicht wünschen, wegen dieser Verdeutschung vor Richtern zu stehen. * Se. Exzellenz, der ungarische Ministerpräsident Graf Bethlen, hat einen sensationellen Erfolg errungen. Er durfte sich nach der vielleicht von ganz Europa mit Spannung erwarteten Dienstag-Sitzung der Nationalversammlung sagen, daß es ihm gelungen sei, die in schroffstem Gegensatz zu einander stehenden Parteien, die Rassenschützler und die „verjudete" Opposition zu einer Meinung, zu einem Urteil über ihn zu zwingen. Der Ministerpräsident hatte mit scharten, von der sittlichsten Empörung beseelten Worten, die ganz genau wie jene klangen, mit denen er so od schon, wie zum Beispiel nach der Ermordung der Redakteure Somogyi und Bacso, nach den Bombenattentaten usw., die strengste Ahndung der Verbrechen versprochen hatte, auch die bei der Francfälschung in Frage kommenden Täter gebrandmarkt und deren erbarmungslose Verfolgung angekündigt. Die Opposition verlangt nichts anderes. Aber aus dem Hagel von Beschimpfungen, mit dem sie die Zusagen des Ministerpräsidenten begrüßte, ergab sich nur die eine Antwort: „Exzellenz, wir glauben Ihnen kein Wort!'' Und was taten die Rassenschützler, in deren offiziellen Presse bereits klipp und klar erklärt worden war, die Banknotenfälscher sind edle Patrioten, die mit erhobenem Haupt unter jubelnder Begeisterung den Kerker verlassen werden? Wie nahmen die Rassenschützler die ihre Schützlinge diffamierenden Erklärungen Bethlens, seine grimmigen Drohungen auf? Auch sie erinnerten sich an frühere Strafankündigungen und Drohungen des Ministerpräsidenten. Und mit stürmischem Beifall, mit unaufhörlichen tijenrufen begleiteten sie jede seiner Tiraden. Auch sie bekundeten damit voll inniger Herzensfreude: „Exzellenz, wir glauben Ihnen kein Wort!" Väzsonyi und Gömbös, sie waren einig in dem Urteil über Bethlens Erklärungen. Se. Exzellenz, der Ministerpräsident mag sich aber in der Erkenntnis dieses Erfolges schließlich doch gesagt haben: „Mit der Opposition wäre ich vielleicht noch fertig geworden, aber wie ich die Lobesraserei der Rassenschützler überstehen werde ... ist eine andere Fraee!" * Michael Franzia-Kiss, der bei Kecskemet dreiunddreißig unschuldige Menschen eigenhändig ermordet hat und von Sr. Durchlaucht Horthy in Würdigung seines „patriotischen Ueberschwanges" amnestiert wurde, ist am Tage nach der großen Bethlenschen Parlamentsrede zum Vizeoräsidenten eines großen Vereines gewählt worden. Auch aus diesem Detail ist zu ersehen, welchen Eindruck die Erklärungen des Ministerpräsidenten gemacht haben und wie namentlich sein liebenswürdiges Zugeständnis wirkte, daß die frühere Nachsicht gegen gewisse „Patrioten" vielleicht nicht ganz am Platze war. Der Mensch, der dreiunddreißigmal den Galgen verdient hat, erhält noch nachträglich Ehrenstellen. Als ob damit dokumentiert werden sollte, die Amnestie Horthys ward keinem Unwürdigen zuteil; sie galt vielmehr einem Menschen, dessen Gewissen durch 33 Mordtaten — nicht belastet wurde. Ego.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.