Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-01-29 · Heft 5 (29.1.1926) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 5 (29.1.1926)
Date
1926-01-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3063978--14297-3081848
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 5 Als nach dem Weltkriege die B a 1 i o u r - D eklaration den zionistischen Wünschen Erfüllung zu gewähren schien, da setzte sich die begreifliche Begeisterung in einen stark zunehmenden Nationalisr.ius um. Auch hier ist es wieder sehr interessant, wie das Arabertum darauf reagierte. Die Balfour- Deklaration hat zunächst die Araber kaum beunruhigt. Denn in Wirklichkeit war durch sie den Juden in Palästina nur die Gleichberechtigung, nicht aber eine privilegierte Stellung gegenüber den Arabern zugesichert. Sie sollten ein nationales Heim in Palästina haben dürfen, was in gleicher Weise den Arabern gestattet war und nichts anderes bedeutet, als daß sie ihre kultureilen Angelegenheiten selbständig regeln dürfen. Die Araber haben daher die Balfour-Dekiaration selbst zunächst nicht bekämpft. Noch im Jahre 1919 hatte Emir Feisul, der spätere König, eine Sympathieerklärung an Prof. Frankfurter, einen amerikanischen Zionisten, gerichtet, in der es hieß: „Wir arbeiten zusammen für einen neugestalteten und wiederauflebenden Orient und unsere beiden Bewegungen ergänzen einander." Die Araber wurdenerststutzig, als der nationalistische Zionismus offen dieHerrschaft in Palästina verlangte. Und es waren nicht nur einige extrem Radikale, sondern der Präsident der zionistischen Organisation, Prof. Weizmann, der das Wort aussprach, •daß Palästina so jüdisch werden solle wie England englisch. Zionistische Führer verlangten eine jüdische Militärmacht, die jüdische Legion in Palästina, ganz im Stile eines imperialistisch gerichteten Nationalismus. Man kann sich vorstellen, wie solche Aeußerungen auf die Araber wirken mußten. Was leichter, als ihnen klarmachen, daß die Juden ihnen das Land abnehmen wollten, das ihnen seit einem Jahrtausend eine Heimat geworden war. So entstand als Gegenwirkung der national-jüdischen Propaganda eine rasch wachsende arabische Nationaibewegung, die in einer heftigen judenfeindlichen Hetze zum Ausdruck kam und sich sogar im Pogromen in Jaffa und Jerusalem Luft machte und noch heute ungemindert andauert. Dabei muß man sich vor Augen halten, was die Verständigung mit den Arabern für die Palästina-Kolonisation bedeutet. Denn die Araber bilden nicht nur in Palästina die sechs- bis siebenfache Uebermacht. In den großen Länderstrecken von Aleppo bis Aden und von Mekka bis Bagdad ist eine große arabische Nation erstanden, die das kleine Palästina von allen Seiten umfaßt. Einfachste politische Klugheit gebietet es, mit den 30 Millionen Arabern eine Verständigung zw suchen, um nicht von ihnen erdrückt zu werden. Denn die britischen Bajonette sind ein recht ungeeigneter Untergrund für die jüdische Aufbauarbeit. Aber statt Verständigung hat jüdischer Chauvinismus Haß gesät. Statt weiterer Ausführungen möchte ich einige Zionisten selbst reden lassen, die wohl nicht in den Verdacht kommen werden, daß ihr Urteil zu Ungunsten des Zionismus befangen sei. Es handelt sich um Aeußerungen, die in der zionistischen „Jüdischen Rundschau" erschienen sind, die — was anzuerkennen ist — selbst vielfach ihre warnende Stimme erhob. Dr. L e w i t e aus einer Kolonie bei Haifa (J. R. 1921 Nr. 62) schrieb: „Die Mohammedaner haben zu jener Zeit (der Besetzung durch die Engländer) eine Anlehnung an die Juden gesucht, fanden jedoch bei den letzteren weder Verständnis noch Entgegenkommen .... Ijgpjl Feuilleton |hpi Vier Parteien. Moses sprach tu dem Volke: Fürchtet euch nicht! Haltet stand und schauet die Hilfe Gottes die er euch erweisen wird, denn wie ihr heute die Aegypter sehet, werdet sie nicht ferner sehen bis in Ewigkeit. Gott wird für euch streiten, ihr aber sollt ruhig sein. 31 14, 13, 14 Das Wunder von der Spaltung des Schilfmeeres hat seit jeher als ein Ausnahmsfall der Natur alle Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Ein Wunder zu erforschen ist gewiß sehr interessant, aber nicht minder interessant ist es, die Menschen, die ein Wunder erleben, zu beobachten und zu studieren. In der Regel zeigt das Verhalten des Menschen ein Spiegelbild dessen, was in seinem Innern vorgeht. Wohl hat man. gelernt, im Alltagsleben Gedanken und Innenleben vor der Welt zu verbergen, im regelmäßigen Gange der Ereignisse durch die Außenseite die lieben Nächsten über das, was uns bewegt, möglichst im unklaren zu lassen. Aber bei gewaltigen Katastrophen, in Augenblicken, in denen es auf Tod und Leben geht, fällt die Maske. Die wahre Natur offenbart sich und Jeder gibt sich zu erkennen, wess' Geisteskind er ist. Darum ist es lehrreich, das Augenmerk auf das zu lenken, was die Ueberlieferung von dem Verhalten Israels angesichts des Wunders berichtet. Als unsere Vorfahren, so heißt es, am Meere standen, bildeten sie vier verschiedene Gruppen. Die eine sprach: „Wir stürzen uns ins Meer!", die andere rief: „Wir* wollen nach Aegypten zurückkehren." Die dritte erklärte: „Wir werden mit den Aegyptern kämpfen!" Die letzte sagte: „Wir werden Lärm anheben!" — Diesen vier Willensäußerungen trat nun Moses entgegen, und seine Worte, die er an das Volk richtete, haben auf die vier verschiedenen Meinungen Bezug. Jenen erstgenannten, die sich ins Meer stürzen wollten, rief Moses zu: „Haltet stand!", den anderen, die Rückkehr nach Aegypten forderten, verkündete er: „So wie ihr die Aegypter heute sehet, werdet ihr sie nie mehr sehen!" Den dritten, die Krieg wollten, bedeutete er: „Gott wird für euch kämpfen!" Jenen letzten, die Lärm anhebeo wollten, erklärte er: „Ihr sollt schweigen!" — So hat jener bedeutsame Tag am Schilfmeere dem Führer viererlei Meinungen, Charaktere und Entschlüsse seines Volkes kundgetan. Vier Anträge liegen vor. Moses hört die Antragsteller an und steht ihnen Rede und Antwort. Er kannte die Menschen. Im entscheidenden Augenblicke lernt man sie wahrhaft kennen. In erster Linie stehen die, die bei eintretender Gefahr alles gleich verloren geben, die sich sozusagen ins Meer stürzen wollen. Ihre Tüchtigkeit besteht im Verzweifeln nur den Mut verlieren. Sie hatten niemals einen Standpunkt, sind daher auch nicht imstande, dafür zu kämpfen oder zu leiden. Sobald es heißt, Schwierigkeiten überwinden, haben sie Ziel und Halt verloren. Ihnen gilt das Wort des Führers: „Ihr müßt feststehen!" Man muß einen Standpunkt haben. Gegner und Feinde hat jeder Mensch auf Erden. Schwierigkeiten und Hindernisse gibt es überall; wer aber keinen Standpunkt vertritt, ist verloren! — Neben diesen stehen die Rückschrittler, deren Losung und Parole bei jeder Gefahr und jedem Gegner lautet: „Zurück nach Aegypten!" War das Alte schlecht, hat die Vergangenheit niemand befriedigt; war alles, was man erlebt hat, Sklaventum, Qual und Leid, tut nichts. Besser ist das alte Mizraim mit allem Elend als kämpfen, Gegner besiegen, Hindernisse aus dem Wege räumen müssen. Das sind die Menschen mit dem großen Trägheitsmomente. Sie sind mit dem Alten und Aeltesten, dem Vorzeitischsten und Unmodernsten zufrieden, wenn sie damit nur jedem Kampfe der Parteien, jedem entschiedenen Auftreten ausweichen können. Ihnen ruft der Führer zu: Ihr, die ihr heute die Mizraim sehet, werdet sie nicht mehr sehen!" Das sei ein Befehl gewesen, sagen die alten Erklärer und heißt: „Ihr dürft die Aegypter niclrt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.