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Die Wahrheit · 1926-01-29 · Heft 5 (29.1.1926) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 5 (29.1.1926)
Date
1926-01-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Österreichische Wochenschrift fflr tttdisdie Interessen Mit dem Beiblatt: Veröffentlichungen der ..Union deiitschösterreidiisdier Joden" Redaktion und Administration: Wien II., ileineslraße 13. - Fernruf 42-2-16 XL1I. Jahrgang Wien, 29. Jänner 1926 Nummer 5 Jüdischer Nationalismus und Jadenhaß. Von ür. Karl Löwenstein, Aachen. Der Nationalismus trennt die V ö 1k e r. Es liegt in seinem Wesen, daß er nicht nach dem sucht, was alle Menschen miteinander verbindet und sie zusammenführt, sondern daß er das Gegensätzliche und Trennende betont und fördert. Jedes Volk sucht seine Eigenart anderen Völkern gegenüber hervorzuheben und auszuschmücken und rühmt sich der wirklichen oder scheinbaren Besonderheiten, die es von anderen unterscheidet und ihnen voraus zu haben glaubt. Ueberschätzung des eigenen Wesens, Mißachtung der anderen führen zur gegenseitigen Entfremdung, zur Verständnislosigkeit von Volk zu Volk, von Mensch zu Mensch. Und Druck erzeugt Gegendruck. Der Nationalismus der einen steigert den Nationalismus der anderen. So entzündet sich in steter Wechselwirkung ein Nationalismus am andern. Der jüdische Nationalismus ist hierfür ein lehrreiches Beispiel. Hat doch erst der Antisemitismus, also der nationalistisch begründete Judenhaß, den Gedanken eigenen jüdischen Volkstums in den westeuropäischen Ländern aufkommen lassen. Ohne die Dreyfusaffäre wäre H e r z 1 nie zur Gründung der zionistischen Bewegung gekommen. Und auch heute noch erhält das Nationaljudentum durch den Antisemitismus stets neue Antriebe. Ebenso stark tritt aber auch die G e g e n w i rkung zutage. Der jüdische Nationalismus fördert wiederum die Absonderung und die Entfremdung von den Nichtjuden. Der nationale Absonderungsprozeß, von nichtjüdischer Seite begonnen, wird von jüdischnationaler Seite unterstützt und verstärkt. Wie sehr jüdischer Nationalismus den Judenhaß entfacht und gesteigert hat, dafür gibt es Beispiele in großer Zahl. Es ist verständlich, daß wohl nirgends der jüdische Nationalismus hemmungsloser aufgetreten ist als in P a 1 ä s t i n a* Daher mag zunächst einmal am palästinensischen Beispiel gezeigt werden, wie schnell jüdischer Chauvinismus bei den früher so judenfreundlichen Arabern schärfsten Judenhaß erzeugt hat. Die jüdische Kolonisation, die in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts begann, ^war ursprünglich auf religiöser, hum a n i t ä re rund wirtschaftlicher Grundlage aufgebaut. Sie galt als unpolitische Angelegenheit und wurde besonders von mohammedanischen Arabern mit ausgesprochener Sympathie begrüßt, was begreiflich ist, da sie Geld ins Land brachte. Fast drei Jahrzehnte lang haben nichtzionistische Persönlichkeiten und Organisationen ein System von landwirtschaftlichen Kolonien und ein bedeutsames Schulwerk geschaffen, ohne den geringsten Widerspruch bei den Arabern zu finden. Da begann 1907 die zionistische Organisation, die bisher nur Propaganda- und Sammeltätigkeit ausgeübt hatte, ihre praktische Palästinaarbeit. Sie setzte ein Palästinaamt ein, schuf hebräische Schulen auf jüdisch-nationaler Grundlage und gründete besonders in den jüdischen Stadtvierteln von Haifa und Jaffa (Tel Aviv) Zentren jüdisch-nationaler Propaganda. Die ungünstige Gegenwirkung auf die Araber zeigte sich unerwartet schnell. Hören wir, was Dr. Tschlenoff, eines der fünf Mitglieder der zionistischen Weltexekutive, also einer der prominentesten zionistischen Führer, nach fünfjähriger zionistischer Arbeit in Palästina über die Wirkung der nationalistischen Arbeit schrieb:*) Noch dringlicher ist die Frage: ist dieses System der Isolierung, zu dem die Errichtung eigener Judenviertel führt, als gesund zu bezeichnen? .... Die jüdischen Stadtviertel sind eine Wiederholung der alten Ghettos, wenn auch mit dem Unterschiede, daß sie freiwillig und nach hygienischen Grundsätzen errichtet werden. Sie trennen uns hermetisch von der übrigen, hauptsächlich arabischen Bevölkerung, mit der gemeinsam uns die Aufgabe zuiällt, das weitere Schicksal Palästinas zu gestalten. Dagegen führt die scharfe Absonderung zur Entfremdung und bereitet einen Boden, auf dem jedermann seine Saat ausstreuen kann und diese kann wieder unerwünschte Früchtebringen. Unsere strenge Absonderung zieht noch eine andere innere Folge nach sich, die wir unbedingt vermeiden sollten, — sie begünstigt den Chauvinismus und den nationalen Fanatismus .... Eine gewisse Hypertrophie als Folge eifrigen Kultivierens ist allzu begreiflich. Aber wie oft geschieht es, daß dieses berechtigte Streben, eine nationale Sphäre zu schaffen und nationale Lebensgrundlagen zu legen, zum Chauvinismus und selbst zur Unduldsamkeit führt. Die Einwohner von Tel Aviv würden wahrscheinlich sich wundern, wollte man sie fragen, ob sie eine Wohnung an einen Nichtjuden vermieten oder seinen Sohn in ihr Gymnasium aufnehmen würden. Und doch hat die Alliance richtig und weitsichtig gehandelt, als sie die Türen ihrer Schulen den wenigen Arabern oder Türken, die da anklopfen, gastfreundlich öffnete. Was aber auch jetzt zu vermeiden ist, das ist der Kultus des Fanatismus, der bisweilen sowohl von lokalen, als auch von herbeigereisten Agitatoren propagiert wird; eine solche Propaganda ist nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich." *) Tschlenoff. Fünf Jahre der Arbeit in Palästina. Jüdischer Verlag. Berlin 1913. S. 47 ff.

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