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Die Wahrheit · 1926-01-22 · Heft 4 (22.1.1926) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 4 (22.1.1926)
Date
1926-01-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. A Seite 9 Hierzu wäre nur folgendes zu sagen: ErstenYjst es höchst unwahrscheinlich, ob der Schöpfer des Christentums überhaupt gelebt hat; es fehlt hierüber jegliches zeitgenössische Dokument, was umso bemerkenswerter ist, als zu der Zeit, in der er gelebt haben sollte, der Talmud mindestens bereits zwei Jahrhunderte bestand. Vielmehr dürfte sich die Sache so verhalten, daß nicht der von den Christen verehrte Heiland der Schöpfer des Christentums ist, sondern umgekehrt das im Laufe der Zeit aus verschiedenen Sekten entstandene Christentum sich nachträglich seinen Heiland geschaffen hat. Ein Strait darüber, ob dieser nun Semit oder Arier gewesen sei, ist daher vollkommen müßig. Zweitens hat Luther vollständig recht daran getan. Jave oder — wie es in der Bibel heißt — „Jehova" mit „Herr" zu übersetzen. Bezeichnet doch dieser Ausdruck, ebenso wie die Bezeichnungen „El", „Schaddai" usw. den Schöpfer der Welt, den Vater aller Menschen. Auch ein den Anschauungen Luthers Fernestehender wird das große Verdienst desselben um das deutsche Volk sowie überhaupt um den Fortschritt der menschlichen Kultur nicht leugnen können, das sich dieser zumal durch seine Bibelübersetzung erworben hat. Drittens ist die Lehre Zarathustras kein Monotheismus, sondern das gerade Gegenteil eines solchen; sie ist ausgesprochen dualistisch und anerkennt zwei Prinzipien der Welt: das des Guten, dessen Verkörperung Ahura-mazda ist, und das des Bösen, das durch Ahr im an dargestellt wird. Dem unaufhörlichen Kampfe zwischen dem guten und dem bösen Geiste, in welchem bald der eine, bald der andere obsiegt, verdankt nach Zarathustra die Welt ihr Bestehen. Der Glaube an die Welterlösung, der M e s s i a n i s m u s, ist urjüdisch und schon in den ältesten Fassungen der jüdischen Religion, in den fünf Büchern Moses und den früheren Propheten begründet. Was schließlich die Bemerkung von dem „streng jüdischen Spezial- und Lokalgott" betrifft, „mit all seinen rein jüdischen Eigenschaften des Zornes, der Rachsucht usw.", so wäre nur auf den Dekalog hinzuweisen sowie auf die zahlreichen Gesetze, über Nächstenliebe, die sich auch auf den Fremdling, ja sogar auf das Haustier erstrecken soll, um diese Bemerkung als das gemeine und böswillige Produkt niedrigster Gehässigkeit zu entlarven. Die Denkschrift Wilhelms ^es Zweiten gibt dennoch zum Denken Anlaß. Der Gedanke nämlich, daß ein Mensch, wie es ihr Verfasser ist, einst nahezu unumschränkter Herrscher über eines der ersten Kulturvölker der Welt gewesen ist, macht erschaudern. Es wäre wohl an der Zeit, daß dieser Mann, der soviel Unglück über die Welt gebracht hat. endlich als das erkannt wird, was er ist, als ein 'eitler und bösartiger Schwätzer. Bettelbriefe werden heute in «roßer Zahl geschrieben, und zwar sind es meistens berufsmäßige „Schnorrer", die das jüdische Publikum mit Bitten um „Unterstützungen" behelligen. Sie spekulieren dabei auf das gute jüdische Herz und die Leichtgläubigkeit vieler Adressaten und bedienen sich zur Erreichung ihrer Ziele der unglaublichsten Mittel. Das „Hamburger Israelitische Familienblatt" beschäftigt sich nun in seiner Nummer vom 14. d. M. eingehend mit dem Bettelbriefunwesen und warnt seine Leser, auf die Tricks der einzelnen Schnorrergesellschaften m. b. IL — denn um solche handelt es sich — hereinzufallen. Warum genanntes Blatt 'gerade zwei Wiener Firmen dieser Branche als Musterbeispiele anführt, wo es doch sicher auch in Deutschland eine große Zahl von Konkurrenzunternehmungen dieser Art geben dürfte, ist uns unverständlich. Immerhin dürften die Geschäftspraktiken der verschiedenen Schnorrerunternehmungen en gros nicht sehr voneinander verschieden sein und so wollen wir unseren Lesern zur eigenen Darnachachtung das zur Kenntnis bringen, was das Hamburger Blatt über die beiden liebenswürdigen Wiener Bettelbriefstellereien mitteilt, wobei wir diesem die/ Verantwortung für die Richtigkeit überlassen: Da ist ein Herr Erwin Singer. Wien IL, Ybbsstraße Nr. 20. Ein Hamburger Leser unseres Balttes erhielt beim Ableben seiner Mutter im Oktober 1924 von ihm eine wertlose Jahrzeittafel mit einem hektographierten Bettelbriefe zugesandt. Er, der Absender, sei mehrfacher Familienvater und bitte um Geld. Seine weiteren Erfahrungen mit Herrn Singer sohildert uns unser Gewährsmann folgendermaßen: „Ich habe die Jahrzeittafel, obwohl ich natürlich nach deutschem Recht gar nicht dazu verpflichtet bin, unverlangte Sendungen zu retournieren. umgehend auf meine Kosten zurückgesandt und erhalte von dem betreffenden Singer heute schon die dritte Mahnung mit der erpresserischen Drohung, mich auf 3 Mark zu verklagen. Alle Karten sind, wie die anbei Ihnen zugehende, hektographiert, so daß ßie gewerbsmäßige Brandschatzung der Leidtragenden klar ersichtlich ist, Der Mann spekuliert also 'erst auf das Mitleid der Angehörigen, und falls trotzdem keine Geldsendung erfolgt, glaubt er nachträglich durch die Einschüchterung der Unerfahrenen zu seinem Ziele zu gelangen, daß sia lieber die 3 Mark zahlen, als sich verklagen zu lassen." Ueber die Schlußfolgerung des Berichtes gibt es wohl keine Meinungsverschiedenheit. Sie lautet: „Ich bitte Sie, sehr geehrte Redaktion, vor diesem gewerbsmäßigen Schwindler zu warnen, da Sie wohl mit mir der Ansicht sind, daß Leidtragende, die etwas übrig haben, das besser für wirkliche Not in jüdisqhen Kreisen überweisen, als einem Manne, der mit so schmutzigen Spekulationen gewerbsmäßig vorgeht." Nicht ganz so kraß liegt die Manipulation eines Herrn Oser Rein hold, ebenfalls Wien II. (Franz Hochedlingergasse 8). Dieser Zeitgenosse arbeitet nur mit gedruckten Karten, gleich dreisprachig ausgeführt. Der Vorsteher einer westfälischen Gemeinde erhielt von ihm zunächst eine Serie wertloser Bilddrucke (Postkartenformat) zugesandt. Einige Zeit darauf kam dann folgende gedruckte Postkarte: Dringend! P. T. Sandte Ihnen Bilder jüdischer Berühmtheiten, habe bis heute keine Rücksendung und auch nicht die geringste Entschädigung erhalten. Der Verlust trifft mich als Unbemittelten sehr hart, bitte dies gütigst berücksichtigen zu wollen. Oser Reinhold, Wien IL, Franz Hochedlingergasse 8. Vorher hatte es anders geklungen: „Als Verleger der Bildnisse aller berühmten Männer des Judentums erlaube ich mir, auch Ihnen eine Serie hiervon vorzulegen und hoffe, daß Sie in Ehrung dieser Berühmtheiten Anlaß finden werden, diese zu übernehmen. Preis pro Serie 4 S." Auch nach österreichischem Recht ist niemand verpflichtet, unverlangte Sendungen zurückzuschicken, und wir können daher unseren Lesern nur den Rat geben, auf diese in keiner Weise zu reagieren. Das ist das einzige wirksame Mittel gegen einen Unfug, der bereits große Dimensionen angenommen hat. Es gibt wahrlich genug jüdische Institutionen, die der Hilfe dringend bedürfen, als daß das Geld unserer Glaubensgenossen in den unersättlichen Rachen von Berufsschnorrern geworfen werden soll. Das beste Abwehrmittel gegen deren Treiben ist und bleibt der Papierkorb. Die Pamphletisten. Seit den Vorbereitungen zu den letzten Wahlen für den Kultusvorstand treibt im Wiener jüdischen Leben eine Kaffeehausgesellschaft ihr Unwesen, die sich ein eigenartiges Tätigkeitsfeld erkoren hat: die Verbreitung von Lügen, Verleumdungen und Beschimpfungen. Als Objekt für ihre Mißbräuche dient diesen Subjekten die Kudtusgemeinde, deren Vorstand, sowie die ersten Funktionäre und Beamten der Ktfttusgemeinde, als Mittel zum Zwecke benützen sie ein Pamphlet erbärmlichster Art, dias als periodische Druckschrift unter dem Titel „Die Jüdische Gemeinde" mit jener Unregelmäßigkeit das Licht der Oeffentlichkeit erblickt, mit der die Beschaffung des hiezu erforderlichen Geldes möglich wird. Aus jenen Verstecken, die das gegenwärtig in Wirkung stehende Preßgesetz bietet, werden hinterhältig vergiftete Pfeile geschleudert, werden die Angelegenheiten der Kultusgemeinde umgelogen und — wie raffinierte Kridatare die Firma umschreiben lassen, wenn ein Zugriff der Gläubiger droht, so ändert sich der Sitz der Redaktion, der Name des Herausgebers und des verantwortlichen Redakteurs, sobald die Gefahr besteht. Unverantwortliches verantworten zu< müssen. Hat einmal einer dieser Pamphletisten doch unvorsichtig den Kopf zu weit hervorgestreckt und soll ihn die gerechte Strafe ereilen, dann wiederholt sich jener Vorgang, den wir im Großstadtleben, wenn ein Wachebeamter einen Uebeltäter erfaßt, beobachten können: Es finden sich Leute, die j,Auslassen*' schreien. In unserem Falle ls* es gewöhnlich das

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