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Die Wahrheit · 1926-01-22 · Heft 4 (22.1.1926) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 4 (22.1.1926)
Date
1926-01-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Dt£ WAHRHEIT Hr. 4 beätnte, der mdt uns fuhr, hat gewiß noch immer mehr Herz für sein verlorenes Deutschland als für seine neue Heimatzugehörigkeit Das drückt sich auch darin aus, daß noch immer die meisten Reisenden mit einer gewissen bangen Scheu um sich schauen, wenn sie sprechen, weil sie noch immer An>- gebereien fürchten. Trotzdem muß man sagen, daß viele, auch diejenigen, die durch und durch deutsch gesinnt sind, auf die französischen Behörden nicht schlecht zu sprechen sind und sie alle betonen, daß die Franzosen ihnen dein üebergang nicht sehr erschwert haben. Zeigte also hier das Bild noch immerhin eine gewisse Sprachenmischung, änderte sich dies mit einernmäle, als wir Mülhausen — jetzt Mulhouse genannt — verließen: wo viele Franzosen in unseren Wagen einstiegen!. Obschon Mülhausen, früher gewiß die bedeutendste Fabriksstadt im Elsaß mit etwa 100.000 Einwohnern, meinem Empfinden nach jetzt zugenommen und reicher geworden zu sein scheint, ist doch noch das Deutschtum dort zu tiefst verwurzelt. Allerdings Schulen und Aemter, so erzählte uns die in unseren Abteü eingestiegene geistig hochstehende Lehrerin, sind ganz französisch geworden. Und nuni rollt der Zug über die überaus fruchtbare, flache Ebene nach Beifort, der von ihrer Festung her bekannten Stadt an der Savoureuse. Diese Festung, die früher die Lücke zwischen Vogesen und! Jura beherrschte, das sogenannte „Trouee de Beifort", wird vielleicht jetzt nach dem Pakte von Locarno seine Bedeutung einbüßen. Für uns Oesterreicher aber hat die Stadt insoferne eine historische Bedeutung, als sie ja einst zum österreichischen Sundgau gehörte, bis sie im Westfälischen Frieden an Frankreich gekommen ist. Bald hinter Beifort tauchen rechts die Vogesen auf und noch immer rollt der Zug durch Dörfer und Städtchen, die uns aus der Geschichte nicht unbekannt sind: Ronchamp; Lure; Colombier; Vessul, der Hauptort des Departements Haute Saone. Erst vor Langres verlassen wir das Becken der Saone und kommen in das seit den Jetzten Kriegen besonders bekannte Tal der Marne und an Langres vorbei nach Chaumont, dem Hauptorte des Departements Haute Marne und dann, nachdem wir die Aube überschritten haben, nach Bar sur Aube, wo wir auf enimal nicht unbekannte Klänge mit deutschen und französischen Wörtern gemengt laut aneinanderprallen hören. Was gübts? Eine polnische Arbeiterin, die einige Stunden vorher von Paris nach Basel fuhr, um von dort in die Heimat oder in die Tschechoslowakei zu gelangen, weil ihr der Lohn an Frankreich zu gering erschienen war, wurde von der Grenzkontrolle in Basel wieder rückbefördert, weil sie keine Ausweispapiere hatte. Da sie kein Geld hatte, fuhr sie schwarz zurück, bis sie vor Troyes vom Schaffner endlich angehalten worden war. Nun begann die Komödie! Sie verstand kein Wort Französisch, er, der Schaffner, kein Wort Polnisch. Wie das ganze geendet hätte, wenn nicht meine Frau den Dolmetsch abgegeben hätte, weiß ich nicht. So viel aber weiß ich, daß der Schaffner durchaus nicht aufbrausend oder gar grob war, ihn verdroß nur, daß sie sich iustament den schnellsten Zug und den besten Abteil für ihre Schwarzfahrt ausgewählt hatte- Doch war diese Frau nicht die einzige Schwarzfahrerin, denn in Troyes wurde auch noch ein gutgekleädeter junger Mann auswaggonäert, dem die Fahrt in Barzahlung anscheinend auch zu hoch erschienen sein mag. Beide wurden vom diensthabenden Beamten auf den nächst abrollenden Personenzug verwiesen, ohne daß ihnen sonst ein Haaar gekrümmt worden wäre. Der Schaffner, der übrigens wie bei allen französischen Bahnen die Karten nur selten kontrolliert — man sieht sehr oft während der ganzen Fahrt gar nicht den Schaffner — wodurch ja allein die Schwarzfahrten möglich gemacht werden, meinte wohlwollend: fast in jedem Zuge sitze so ein armer Teufel, was soll man mit ihm machen? Nicht ohne gewissen Neid hörte ich diese von warmer Menschenliebe durchtränkten Worte, weil ich mir dachte, wie viel Geld würden unsere jüdischen Gemeinden in, Oesterreich jährlich ersparen, wenn auch unsere wandelnden Bettler so fahren könnten! (Fortsetzung folgt.) Glossen. Die deutsche Studentenschaft an ' der Wiener Universität, d. h. jene Studentenschaft, deren Großteil ihr Deutschtum nicht in der Pflege deutscher Wissenschaft, sondern in der Bekundung antisemitischer Gesinnung erblickt, hat vor einigen Tagen im der Aula eine Gefallenen- Denkfei er veranstaltet. Natürlich nicht eine Denkfeier zu Ehren der antisemitischen Studenten, die bei den Prüfungen gefallen, sondern zur Erinnerung an die Jünglinge, die in dem großen Kriege auf dem Felde der Ehre ihr junges Leben verhauchten. Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, daß diese Nachbeter der antisemitischen Lügenpresse die Tatsache, daß die deutschen Juden zu den Todesopfern, die der Krieg erheischte, eine weit das perzentuelle Verhältnis überschreitende Zahl lieferten, einfach ignorieren. In ihren Augen sind die Juden nur Lieferanten, die im Kriege reich wurden, während ihre Söhne nicht in dem Schützengraben, sondern am Graben und auf der Ringstraße zu finden waren. Umso sympathischer erschien mir daher der antisemitische Student, der, ein neuer Bileam, ausgezogen war, die Juden zu beschimpfen und sich in jugendlicher Unbesonnenheit zu bemerkenswerten Hieben gegen die Antisemiten in Wort und Schrift hinreißen ließ. IVLan traut seinen Ohren nicht, wenn man ihn deklamieren hört: „Die Dankbarkeit ist die erste Pflicht des Kulturmenschen . . . Darum Kampf und Fluch jenen Elementen, welche die heiligsten Gefühle verletzen und morgen über die losziehen, die gestern für das ganze deutsche Volk geblutet haben und gestorben sind!" Wie wahr gesprochen! Wie treffend! Tausende und abertausende jüdische Familien, die in nie versiegenden Tränen ihrer auf dem Schlachtfelde verbluteten Söhne gedenken, werden diesem antisemitischem Sprecher recht geben, während die Hakenkreuzlerpresse ihm fluchen müßte. * * * Das hakenkreuzlerische Tagblatt, das eifrig bemüht ist, auch bei dem eiligsten Leser dien Eindruck zu wecken, daß er das allererste Blatt Wiens vor Augen hat, brachte neulich wieder eine Glanzleistung zustande. Der Appellsenat hat die Arreststrafe des Offiziers, der einen harmlosen Passanten auf der Straße als „Saujuden" apostophierte und sich auch im Gerichtssaal höchst antisemitisch gebürdete, in eine Geldstrafe umgewandelt. Darob großer Jubel im Hakenkreuzlerblatt. Das wäre noch immerhin begreiflich. Aber was sollte der ebenso dumme als giftgeschwollene Ausfall gegen die freisinnigen Wiener Zeitungen, die sich bei dieser Gelegenheit angeblich einer unverzeihlichen Schändlichkeit schuldig machten. Worin diese bestand? Sie haben in dem Berichte über die erstrichterliche Verhandlung „verschwiegen, daß der Richter, der das Urteil gefällt, aus Kolomea gekommen war!" Welche Nichtswürdigkeit! Ein Gerichtssaalbericht ohne genaue Angabe des Ortes, wo der Richter, bevor er nach Wien versetzt wurde, seinen Amtssitz hatte . . . Es mwß allerdings zugegeben werden, daß die „Dötz", die sonst auch niemals im Gerichtssaalbericht sich über die Herkunft eines Richters äußert, in diesem Falle die Frechheit hatte, den Richter wegen — Kolomea zu verhöhnen. Aber

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