Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 4 (22.1.1926)
- Date
- 1926-01-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT in England, Frankreich, Deutschland und Amerika usw. werden beleuchtet und auf ihre verderblichen Folgen untersucht. Es folgt eine Abhandlung über die körpierlichen Verschiedenheiten der Menschenrassen in ihren Beziehungen zum Geistesleben, über Rasse und Seelenleben, „Arier" und „Nichtarier" in Europa, das Problem der RassewnischunK, Rasser> mischung und Völkertod, die neueren Rassentheorien, <ias religiöse Leben bei Ariern und Semiten, die Zivilisation bei Ariern und Semiten, die Fortschrittsfahigkeit der Menschenrassen, über den „Rassencharakter" der Germanen, Voraussetzungen des Kulturfortschrittes und Psychologie und Ethik der Rassentheorien. Hertz kommt zur Schlußfolgerung, daß die Konsequenz der Rasseninstinkte auf politischein Gebiete die Anarchie ist. Schon der extreme feudale Individualismus Gobineaus läßt diesen Zug erkennen. Ebenso feindlich begegnen sie der Demokratie, deren Ziel die Erziehung des Volkes zum nüchternen Denken sein muß. Der Zustand der politischen Lebens des früheren Oesterreich entstand hauptsächlich erst, seitdem durchden Antisemitismus die Auffassung der Nationen als 'Rassen sich verbreitete und ihre naturgemäß psychologischen Wirkungen äußerte. Hieran ist die Monarchie zugrunde gegangen. Der Zustand Deutschlands und andrerer Staaten nach dem Kriege „weist ähnliche Züge eines gegen die eigene Nation wütenden Nationalismus auf. Besonders wir Juden wissen von den unheilvollen Folgen der Rassentheorie ein trauriges Lied zu singen und deswegen kommt diesem Buche vom Standpunkte der Judenfrage eine erhöhte Bedeutung zu. Es ist daher zu wünschen, daß demselben eine weite Verbreitimg zuteil werde. Aus der Gegenwart und Vergangenheit der ungarischen Judenscbaft. Von Dr. Theodor Haas, Brünn. Die Ereignisse, welche sich in den letzten Tagen in dem. unter rein „christlichnationalen" Regime stehenden ungarischen Staate (oder sollen wir schreiben — Königreich?) abgespielt haben und welche erst den Auftakt zu weiteren bedeutsamen Vorkommnissen bilden dürften, haben wieder unsere Aufmerksamkeit auf ein Staatswesen gelenkt, welches seinerzeit geradezu ein Eldorado für unsere Glaubensgenossen gebildet hat und welches sich heute zu einer wahren Höllenqual für die dort wohnhaften Juden gestaltet hat, welche unter einer immer mehr um sich greifenden Entrechtung, wie Numerus clausus, zu leiden haben. Von diesen Erwägungen heraus erscheint es uns angebracht, in die Vergangenheit zurückzugreifen und uns die Entwicklungsgeschichte unserer Glaubensbrüder im ehemaligen Ungarn vor Augen zu führen. Die Zeit, in welche das erste Auftreten der Juden in diesem Staate fällt, ist in tiefes Dunkel gehüllt. Weder der älteste Geschichtsschreiber Ungarns, der Anonymus des Königs Bela, noch auch der zweite Chronist, Thuroczy. machen von den Juden eine Erwähnung und auch die Werke ausländischer Schriftsteller, insbesondere der römischen und griechischen Historiker, erwähnen bei Besprechung des damaligen Pannonien nichts von den dort etwa wohnhaften Juden. Trotzdem erscheint es zweifellos, daß Juden, von denen viele im römischen Heere dienten und vermutlich auch in den längs der Donau operierenden Legionen eingereiht gewesen sein dürften, bereits zur Zeit der Römer in jene Gegenden gelangt sein dürften, und wahrscheinlich auch nach Leistung ihrer militärischen Dienstzeit im Lande verblieben, da sie bereits mit den Verhältnissen desselben vertraut waren. Tatsache ist, daß Juden unter dem Regime der Arpaden bereits Grundbesitz erwerben durften und daß dieselben, allerdings für teueres Geld, unter dem unmittelbaren Schutze der Könige standen. Aber auch der ungarische Adel ließ ihnen seine wirksame Obhut angedeihen, da sie zufolge ihres angeborenen oder anerzogenen Geschäftsgeistes sowie ihrer ausgebreiteten ausländischen Verbindungen die Träger des Handels waren, einerseits die Landesprodukte absetzten, anderseits vom Auslande die damals noch kostbaren Luxusartikel zu beschaffen verstanden. König Bela regelte nach dem Abzüge der Tataren im Jahre 1251 die Rechtsverhältnisse der Juden und gab einen königlichen Freibrief heraus, welcher in 20 Punkten die bürgerliche Stellung der Juden behandelt. Der Jude wurde dortselbst als Eigentum der königlichen Kammer bezeichnet, Aegyptische Finsternis. „Qott sprach zu Moses: Strecke Deine Hand gegen dm Himmel aus, daß Finsternis übet dem Lande Aegypten sei, und es war dichte Finsternis.« 11. 10. 21 Es ist nicht leicht zu sagen, ob in der Reihenfolge, in der die Plagen über Aegypten kommen, eine bestimmte Ordnung, Abstufung oder Steigerung, erblickt werden darf oder nicht. Die letzten beiden, Finsternis und Sterben der Erstgeburt, sind gewiß derart, daß die vorletzte die Vorstufe der letzten bildet Man spricht oft und gerne vom Lichte und weiß den Segen des Lichtes in allen Tonarten zu preisen. Von der Finsternis schweigt man. Man geht ihr gerne aus dem Wege. Nacht gedoppelt und vervielfältigt hört auf Ruhe, und Frieden den Müden zu bringen, wird Quelle der Angst und Sorge, -der Gefahren und des Elends. Der Mensch ist in der Regel an das Licht so gewöhnt, da er das Elend der Finsternis gar nicht zu ermessen vermag. Jedes Unglück ist noch erträglich, solange nicht die schwarzen Schatten der Finsternis jeden Ausblick und jede Aussicht hindern. Wenn das Licht das fahle Angesicht der Krankheit die dürren Knochen des Hungers, die zerrissenien Lumpen des Bettlers und den schmutzstarrenden Körper des Elends zeigt, ist es nicht erbarmungslos. Erbarmungslos ist die Finsternis, die alles einhüllt das Auge blind macht den Fuß schwanken, die Hand herumtappen läßt, ohne das Ziel zu finden und jede Hilfe, jede Abwehr unmöglich macht. „Du wirst herumtappen am hellen Mittag, wie ein Blinder herumtappt in der Finsternis, und nicht ausführen deine Wege . . ." heißt es im Fluche und ist ein Fluch. Finsternis ist eine Plage, der gewiß gleich die zehnte und schwerste folgt — Sterben! Man spricht so oft von »ägyptischer Finsternis"; es ist ein geflügeltes Wort geworden, aber kaum weiß man, was die Finsternis Aegyptens von jeder anderen unterscheidet. Die alten Weisen sagen: „Die Finsternis, die über Aegypten kam, war aus dem Gehinnom, aus der Hölle." Damit wollte sie andeuten, daß alles Schlechte und Böse aus ihr entstanden sei. In ihr fanden alle finstern Gedanken. Triebe und Regungen, die sonst das Licht verscheucht, ihre Brutstätte. Wenn Gott ein Reich, einen Herrscher verderben will ein Volk dem Untergange nahebringen will, schickt er Finsternis ins Land. Finster wird es in den Köpfen und Gemütern, bei den Alten und Jungen, im Hause und draußen. Das Leben wird zur Hölle, die Welt zur Unterwelt und alle unterirdischen Nächte sind am Werke und an der Arbeit Solches Unheil kommt nicht von heute auf morgen. Es bereitet sich vor, entwickelte und entfaltet sich — bis zur vollen Größe des Verderbens. Darum heißt es in der Schrift: „Es war dichte Finsternis im ganzen Lande Aegypten — drei Tage lang." ,JEs sah einer nicht den anderen und niemand konnte sich von seiner Stelle erheben — drei Tage lang." „Die Finsternis, so sagen die Alten, dauerte 7 Tage. Die ersten drei Tage, war sie derart, daß einer, der saß, noch aufstehen konnte, nur sehen konnte einer den anderen nicht. Die anderen drei Tage aber war sie so, daß der, der saß, nicht aufstehen konnte, der lag, sich nicht erheben, und der stand, sich nicht setzen konnte." Die Finsternis, die das Sehen verhindert, ist der erste Grad; die aber jede Bewegung und Betätigung ausschließt und unmöglich macht, ist der zweite und schlimmst« Grad. Das Gleichnis ist nicht mißzuverstehen. Ist Finsternis in einem Lande, so beginnt sie damit, daß einer den anderen