Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 4 (22.1.1926)
- Date
- 1926-01-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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WAHRHEIT Österreichische Wochenschrift ihr fOdisdie Interessen Nil dem Beiblatt: veröiientlidiungen der ..Union dentschösterreithisther luden4 Redaktion und Administration Wien II.. Helnestfraße *». - Femruf 42-2-16_ XLII. Jahrgang Wien, 22. Jänner 1926 Nummer 4 Kasse und Kultur. Von Regierarügsrat J. Kreppe 1. Wenn man die geistigen und politischen Verheerungen überblickt, die die sogenannte Rassentheorie angerichtet hat und noch immer anrichtet, dann erinnert man sich des Bibelsatzes: „Denn zahlreich sind ihre Erschlagenen und furchtbar ihre Opfer". In der Tat gebührt dieser Theorie, die trotz aller wissenschaftlichen Gegenargumente noch immer ihr Unwesen treibt, ein großer Teil der Schuld an dem Ueberhandnehmen des Völkerhasses und des Völkerverderbens. Das Schlagwort von der „Minderwertigkeit" gewisser Rassen, das von H. S. Chamberlain zu einem Dogma, zu einem Glaubensbekenntnis erhoben wurde, hat viel zu jenen furchtbaren Verheerungen des Weltkrieges beigetragen und dieses Dogma ist es, mit dem heute all diejenigen operieren, die es sich scheinbar zur Lebensaufgabe stellten, die Völker nicht zu einander kommen' zu lassen und die Abgründe zwischen diesen noch mehr zu vertiefen. Verfolgt man den Gang und die Entwicklung der Weltpolitik in den letzten Jahrzehnten und zwar sowohl hinsichtlich der Beziehungen der verschieden Völker zueinander, als auch in Bezug auf die inneren Gestaltungen in manchen Staaten, so erkennt man deutlich die unheilvollen Auswirkungen der Rassentheorie und ihrer Begleiterscheinungen. Wir in Oesterreich wissen davon ein garstig Lied zu singen. Dieses Schlagwort verschärfte im altem Oesterreich die nationalen Gegensätze und ließ die wiederholt versuchte friedliche Auseinandersetzung und Verständigung zwischen den einzelnen Nationalitäten nicht Zustandekommen, bis es zum großen Kladderatatsch gekommen ist. Die Literatur, zur Rassentheorie ist ziemlich reichhaltig. Mit nur geringen Ausnahmen dient sie in der Hauptsache dazu, die verderblichen Auswirkungen derselben zu beleuchten und zu bekämpfen. Leider ist der Erfolg dieser Bemühungen bisher ausgeblieben und es bleibt noch immer der fromme Wunsch übrig, daß die Leiden und Verheerungen, die diese Theorie zur Folge hatte und hat, schließlich doch den verblendeten Völkern die Augen öffnen und sie zur Vernunft bringen. Deswegen kommt der Literatur zur Bekämpfung dieses Unheiles unter allen Umständen eine große Bedeutung zu, mag ihr Effekt sich erst in einem späteren Zeitpunkte auswirken können. Das vor kurzem in dritter, gänzlich neubearbeiteter und vermehrter Auflage erschienene Werk „Rasse und Kultur" von Friedrich Hertz (Verlag Alfred Kröner in Leipzig) gehört unstreitig zu den besten Arbeiten nach dieser Richtung: Obwohl in der Hauptsache zur Widerlegung der Theorien Chamberlains geschrieben, bringt es auch eine solche Fülle von Tatsachen und Materialien, daß es gewissermaßen zu einem Handbuche der Rassenfrage geworden ist. Mit außerordentlichem Fleiße und einer umfassenden Beherrschung des einschlägigen Quellenmaterials hat der Verfasser alle Daten und Tatsachen gesammelt und übersichtlich dargestellt, die die verderblichen Auswirkungen der Rassenpolitik vor Augen führen. Mit Recht verweist Hertz einleitend darauf hin, daß das Anwachsen völkertrennender Instinkte zu den befremdenden Erscheinungen der neueren Zeit gehört. Die märchenhafte Entwicklung des Weltverkehrs hat die räumlichen und geistigen Entfernungen zwischen den entlegensten Völkern verringert; dafür aber haben sich Klüfte zwischen Nachbarn und zwischen Teilen eines Volkes aufgetan. Alle Völker wurden stets' enger in die Weltwirtschaft und Weltkultur verflochten, die Friedensidee und mannigfaltiges, völkerbindendes Organisationsstreben breiteten sich aus. Ihr Widerspiel bildete aber die Rückkehr zu wirtschaftlicher und politischer Absperrung das Aufflammen des Hasses gegen alles Fremde und Andersartige. Die beiden mächtigen Zeitströmungen, Nationalismus und Sozialismus, beruhen auf der Betonung von Gemeinschaftsgefühlen, zugleich aber strebt der Rassenhaß, die nationalen und sozialen Einheiten zu zerreißen. Unser ganzes Denken wird vom Entwicklungsgedanken beherrscht, Wissenschaft und Weltbetrachtung zeigen immer mehr, wie überall die festen Grenzen fehlen, wie alles im endlosen Werden flutet. Im schroffsten Gegensatz hierzu wird die Lehre gepredigt, daß innerhalb der Menschheit, ja innerhalb der Nationen, unüberbrückbare Abgründe liegen unid Rassengegensätze walten, die jedier Versöhnung widerstreben. Die Rasse wird zum politischen Schlagwort, Panslawismus und Pangermanismus wollen die angeblich blutsverwandten Stämme zu höherer übernationaler Einheit zusammenfassen, und schon meldet sich auch ein Panislamismus und ein panafrikanisches Rassengefühl. In weiterer Folge wird nachgewiesen, daß das Rassenargument offenbar in engster Beziehung zu den nationalen Gegensätzen steht, obwohl schon der oberflächlichste Blick zeigt, daß Rasse und Nation keineswegs identisch sind. Wir finden dann eine präzise wissenschaftliche Beleuchtung des Rassenproblems, dler Rassenwertung und der Rasseninstinkte, die schon in den ältesten Zeiten zur Rechtfertigung der Sklaverei und der Adelsvorrechte dienten. Der Rassenglaube und der Nationalismus