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Die Wahrheit · 1926-01-15 · Heft 3 (15.1.1926) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 3 (15.1.1926)
Date
1926-01-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 3 benennen, die von Seiten der Religion erhoben werden müssen, um die Ordnung der Welt unter religiösen Gesichtspunkten zu Tegeln. . . . Und nun stand man als Jude beobachtend und horchend dabei, und eine brennende Scham packte einen an, daß nie und nirgends Vertreter des Judentums in ihrer Gesamtheit, als Vertreter der jüdischen Religion, als Stimme des Judentums, den Versuch machen, unsere Gegenwart kritisch zu beurteilen, ihr Richtung und Gesetz zu geben. . . . Wir sind doch stolz darauf, eine Weltreligion zu sein, nicht bloB Stamimesreligion. . . . Hätten wir gar nichts zu sagen zu der Frage des Friedens, des Rechtes und Nichtrechtes auf Krieg, wir, die wir in unseren Propheten Jesaja und Micha die ersten Verkünder eines ewigen Friedens waren? Nichts zu sagen zum Völkerbund, wir, die das erste Gebet geprägt, daß „alle bilden sollen einen Bund, den Willen Gottes zu tun"? Wäre , von uns nichts zu sagen über den Zusammenklang von nationalem Empfinden und einem rechten Internationalismus? Hätten wir nichts zu sagen zu der Frage der Bodenverteilung, wir, die wir in der biblischen Agrargesetzgebung das klassische Beispiel des Bodengesetzes besitzen? Wäre von selten des Judentums nichts zu sagen zu der allgemeinen Aueinandersetzung zwischen Individualismus und Sozialismus?" — Der Verfasser zählt eine Reihe weiterer Probleme auf, die ein Weltkongreß der jüdischen Religion zu erörtern hätte, und gibt der Ansicht Ausdruck, daß ein religiöser Kongreß der Judenheit sich nicht daran wagen dürfe, Einzelheiten der jüdisch-religiösen Praxis zu diskutieren oder reglementieren; auch könnten allgemeine politische Fragen, die die Juden betreffen, nicht erörtert werden; auch ist zurzeit ein Weltkongreß über Palästina kaum möglich, weil diese Frage noch zu sehr ins Politische hineinragt; möglich und notwendig wäre auch heute eine allgemeine Aussprache aller jüdischen Organisationen über Auswanderungs- und Berufsumschichtungsfragen; auch Welthilfskonferenzen der Juden zum Zwecke der allgemeinen Hilfelei'stung an die notleidenden Glaubensgenossen hat es gegeben und muß es in einem noch umfassenderen Maß als bereits bisher geben. Aber all dies ist nicht die Stimme des Judentums, der jüdischen Religion. Der Verfasset kommt zum Schlüsse, daß nicht nur Rabbiner diese Konferenz der jüdischen Religion bilden dürften, aber es müßte Bedingung sein, daß die Teilnehmer bestimmt werden wegen ihres jüdischen religiösen Interesses und als suchende und ringende Juden. Der Aufsatz schließt: ,.Die Pflicht, dem Judentum inmitten der Probleme unserer Zeit zu Jauter Stimme zu verhelfen, ist gegeben. Sie folgt aus der Sendung Israels, aus dem Anspruch und der Tatsache, Weltreligion zu sein. Sie nicht erfüllen, ist sündhafter Verzicht. Wie aber kommt man zur Erfüllung der Pflicht? Welcher Weg kann gegangen werden, wo ist der Weg?" Eine Kriegserlnnerung. Es war anfangs Oktober 1917. Ich lag mit einer leichten Kniewunde im Feldspital des türkischen roten Halbmondes bei Wad el Savar, hinter der sogenannten Sinai-Front. Dieses Spital bestand aus zirka 120 großen Zelten, war sehr gut ausgerüstet, konnte zirka 1600 Verwundete aufnehmen und man konnte dort auch schwere Operationen durchführen. Ein arabischer und zwei türkische Stabsärzte leiteten die Arbeit. Das Spital hatte auch eine Apotheke, ein Laboratorium und drei junge Apotheker verrichteten bei Operationen die nötigen Narkotisierungen. Einer von diesen dreien war ein junger Jude, zirka 18 Jahre alt, man nannte ihn Isaak Efendi. Die Leute hatten viel zu tun, denn an der Front tobte die Schlacht und täglich brachte man zahlreiche Verwundete. ' Bei Tel esch Scherija stand eine deutsche Brigade (unter Kress von Kressen'stein) den Engländern gegenüber. Hinter der Front waren Arbeiterkolonnen von Internierten, als politisch verdächtig erklärten Leuten, meistens aus Rußland stammenden Juden, unter strenger Aufsicht damit beschäftigt. Reserveschützenstellungen auszuheben. Eines Tages wurden diese Arbeiter durch englische Artillerie bombardiert und erlitten große Verluste. Unser Spital erhielt auf einmal über 800 Verwundete mit schrecklichen Wunden, die man gar nicht beschreiben kann. Alle Aerzte und Apotheker wurden mobilisiert, und dennoch konnte man die Arbeit nicht bewältigen; viele starben, bevor sie verbunden werden konnten. Das Unglück wollte es, daß Isaak Efendi, der an Malaria litt, gerade damals Fieber hatte und ich wurde aufgefordert, ihn zu ersetzen. Ich tat das Meinige, obzwar mir diese Arbeit ungewohnt war und ich konnte auch den Anblick mancher Wunden nicht gut ertragen. Demzufolge versuchte man, den Isaak Efendi auf die Füße zu bringen. Er bekam eine Injektion, es ward ihm besser. Er begriff sofort die Situation, meldete sich, zur Arbeit. Nach zwei Stunden mußte er sich •erschöpft niederlegen, aber vor Abend begann er wieder zu arbeiten, arbeitete bei Lampenlicht die ganze Nacht hindurch. In der Frühe fiel er in Ohnmacht, schlief bis Mittag, sodann wachte er auf, nahm eine Portion Chinin ein und begann wieder zu arbeiten. Er war ganz rot im Gesicht, seine Augen glühten, ich machte ihn darauf aufmerksam und wollte ihn ersetzen. Er wollte nicht nachgeben, arbeitete weiter. Ungefähr um 4 Uhr nachmittags ist er wieder ermattet umgefallen, wir brachten ihn in sein Zelt, woselbst er gestorben ist. Ungefähr 500 Meter von der Bahnstation Wad el Savar entfernt, an der Bahnstrecke Wad fei Savar—Jerusalem, haben wir ihn begraben, woselbst sich schon einige Gräber befanden, und am Grab einen großen Steinhaufen errichtet. Vielleicht wird derselbe dort noch heute zu finden sein. Julius Grosz, Bratislava. Politischer Boykott — ein Verstoß gegen die guten Sitten. Vor einiger Zeit hatten verschiedene jüdische Kaufleute in Norden (Deutschland) einen Zivilprozeß gegen den Völkischen Bund wegen Boykotterklärung angestrengt. Die Völkischen hatten nämlich ein Flugblatt verbreitet, in dem es am Schlüsse hieß: „Kauft nicht beim Juden!" In der mündlichen Verhandlung wurde eingehend die rechtlich interessante Frage erörtert, ob derartige Boykottaufforderungen schadenersatzpflichtig machten. In dem jetzt verkündeten Urteil entschied das Gericht zugunsten der Kläger. In der Urteilsbegründung heißt es u. a.: „Ein Verruf lediglich aus politischen Gründen erscheint als ein Verstoß gegen die guten Sitten und verwerflich; insbesondere gilt dies dann, wenn, wie hier, der politische Gegner auch wirtschaftlich getroffen werden soll. Es wäre unerträglich, wenn politische Parteien und Vereinigungen es unternehmen wollten, politische Ziele dadurch zu erreichen, daß die Gegner durch öffentliche Kundgebungen brotlos gemacht oder doch in ihrem Erwerb geschmälert werden." Oesterreich zur Nachahmung! Ein Reichsverband der Deutschen Juden. Am 3. d. M. fanden im großen Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde München Vorbesprechungen zur Schaffung eines Reichsverbandes der Deutschen Juden statt. Die bedeutendsten Männer des jüdischen Lebens in Deutschland hatten sich eingefunden, um in gemeinsamer Arbeit eine Basis zu finden, auf der die sämtliche deutschen Länder umfassende Spitzenorganisation der deutschen Judenheit gegründet werden könne. Nach einem überaus eingehenden Referat Dr. Ismar Freunds (Berlin) wurden in lebhafter, jedoch stets von dem Geiste einmütigen ZusarÄmenarbeitens getragener Debatte die rechtlichen und sachlichen Schwierigkeiten, die bis jetzt der Vereinigung sämtlicher jüdischen Gemeinden und Gemeindeverbände Deutschlands entgegenstanden, erörtert, geklärt und, soweit es bei der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit möglich war, beseitigt. Als das erfreuliche Ergebnis der Verhandlungen konnten die Delegierten am Schlüsse der Besprechungen folgende, mit Einstimmigkeit gefaßte Resolution ihren Verbänden überbringen: „Der Reichsverband soll baldmöglichst ins Leben gerufen werden. Zu diesem Zwecke treten die bereits bestehenden Landesorganisationen mit dem Deutsch- Jüdischen Gemeinde-Bund zusammen mit dem Ziele, alle deutschen Juden der R>eichsorganisation anzugliedern. Andere Gemeinde-Verbände sollen sofort zur Mitarbeit bei der Vorbereitung aufgefordert werden. Der Ausschuß besteht aus je drei Mitgliedern des Deutsch-Jüdischen Gemeinde-Bundes und des Preußischen Verbandes, aus zwei Mitgliedern des Bayrischen Landesverbandes und aus je einem Mitglied der übrigen Vereinigungen. Die von den Verbänden gewählten Vertreter handeln im Auftrag ihrer Verbände." Damit hat die Versammlung das geleistet, was überhaupt in einer ersten Vorbesprechung geleistet werden konnte Die Resolution bietet die Möglichkeit, sofort alle religiösen Richtungen und alle Verbände und Gruppen in der deutschen Judenheit zusammenzufassen und unter einen gemeinsamen Dachverband zu bringen. Sache der einzelnen Verbände wird es nun sein, möglichst rasch ihre Vertreter zu dem konstituierenden Ausschuß zu entsenden und so eine lebensfähige Organisation aller deutschen Juden zu schaffen. WeiCT

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