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Die Wahrheit · 1926-01-15 · Heft 3 (15.1.1926) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 3 (15.1.1926)
Date
1926-01-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 3 DIE WAHRHEIT Seite 5 und Verdrehungen, durch Fälschungen niedrigster Art. Denn im Fälschen (nicht allein von Banknoten) sind die Antisemiten Meister: Ritualmord, Kriegsschuld, Friedensschuld, Weltverschwörung, „Protokolle der Weisen von Zion", alles Fälschungen, deren Opfer wir Juden sind. Die Wiener „R e ic h s p o s t" leistet den ungarischen Fälschern (zwar nicht der Banknoten, wohl aber der öffentlichen Meinung) willig Sekundantendienste. Fühlt sie doch mit dem ihr eigenen Instinkt, welchen schweren Schlag die Reaktion nicht allein in Ungarn, sondern auf der ganzen Welt durch die Entlarvung der Rassenschützler als gemeine Verbrecher erlitten hat; und wenn es auch niemand für möglich halten sollte, daß die Juden für den Schaden, der Ungarn durch seine „patriotischen" Bürger zugefügt würde, verantwortlich gemacht werden könnten, sie bringt das Kunststück zusammen. Sie schreibt unter dem Titel „Der andere Skandal" unter anderem folgendes: „Es ist heute schon schwer zu entscheiden, wer unsympathischer und unsauberer ist: der prinzliche Fälscher und seine Helfershelfer oder die jüdischen Bericht- und Gerüchterstatter, die ein gemeines Verbrechen mit zynischer Schadenfreude dazu benützen, die öffentliche Meinung Europas gegen Ungarn aufzuhetzen, nicht nur durch tendenziöse Darstellung der wirklichen Begebenheiten, sondern durch freche Lügen und planmäßige Ehrabschneiderei." Wer ist also schuld an allem? Die „Reichspost" weiß es ganz genau: „Die Juden." Wer wird für den ganzen Skandal, an dessen Aufrollung und Ausweitung natürlich auch die Juden schuldtragend sind, bestraft werden? Auch das weiß die „Reichspost*' bereits im Vorhinein: „Die Haßorgie wird ihre Wirkung verfehlen und sich gegen jene kehren, die sie entfesselt ,haben ..." „Aus Haß kann nur Haß hervorgehen ..." „Man wird die Schuldigen zu nennen wissen." M i t einem Worte, auch die „Reichspost", das Blatt der österreichischen Regierungspartei, betreibt versteckte (oder ganz unversteckte?) Pogromhetze. Der Stein ist ins Rollen geraten und niemand kann heute sagen, wer von ihm im Abwärtsgleiten noch zermalmt werden wird, ob es der ungarischen Regierung noch gelingen wird, ihn aufzuhalten, indem sie die „Untersuchung zum Abschluß" bringen kann, oder ob auch sie durch ihn zerschmettert wird. Vielleicht wird dieser ungeheure Skandal dazu beitragen, Ungarn freizumachen, es auch den Fesseln der Reaktion zu befreien. Vielleicht aber geht der Wunsch der „Reichspost" und aller übrigen rückschrittlichen Kreise in Erfüllung und Ungarns harren Stunden neuer Demütigungen und Knechtschaft. Vielleicht ereignet sich wiederum der in der Geschichte leider nicht unbekannte und von der „Reichspost" prophetisch vorausgesagte Fall, daß die Juden für Verbrechen gezüchtigt werden, die sie nicht begangen haben. Was auch immer geschehen mag, wie sich auch die Geschichte des bedauernswerten ungarischen Volkes gestalten möge, eines zeigt der Fälscherskandal allen, die Augen haben zu sehen, und Ohren haben zu hören: DieSkrupellosigkeit der Rassenantisemiten, die tiefe sittliche Verworfenheit der Feinde d e s J u d e n t u m s. Die Frage aber, ob diese Menschen schlecht sind, weil sie Antisemiten sind, öder aber, ob sie Antisemiten sind, weil sie schlecht sind, diese Frage zu entscheiden, wird man der Zukunft überlassen müssen, einer, wie wir hoffen wollen, besseren, sittlich geläuterten Zukunft, in der es nur echte Sitten, echtes Geld und wahrhaftige Menschen geben wird. Psalm 107. Von Rabbiner Dr. A. Posner, Kiel. (Schluß.) II. Der Kern des Psalmes im Talmud und Mi drasch, iaimud und Midrasch wollen keineswegs lnterpretationstiuellen aes t-salmes sein. In unserem ralie Schemen sie aber den ganzen hsaim ins Auge gefaßt und zusammenohängend geututet zu haben, so datt es sich hier mehr verlohnt, denn irgendwo, diese Steilen naher zu betrachten, jedenlalis mehr als dann, wenn — wie so häufig — ein einzelner Vers Gegenstand talmudischer Erklärung ist. Der Bericht des Talmud in Berachoth 54b deckt sien fast gunz mit dem des Midrasch, z. B. in Midrasch Tehillim (ed. Buber, Wilna 1891, S. 462). In Berachoth heiüt es so: Vier sind verpflichtet, Oott zu danken, 1. die auf das Meer hinausfahren, 2. die in die Wüste reisen, 3. wer krank war und gesund wurde und 4. wer gefangen war im Gefängnisse und wieder herausgekommen ist. Woher stammt die Verpflichtung für die das Meer Befahrenden? Die Antwort geben die Verse 23 bis 31 und nun weraen unvollständig die Verse 23—31 unseres Psalmes zitiert, das heißt die letzte Gruppe wird zuerst genannt Woher stammt die Verpflichtung für die in die Wüste Reisenden? Dies folgt aus den Versen 4—8, der ersten Gruppe des Liedes. Woher stammt die Verpflichtung für die von der Krankheit Genesenen? Nun werden die Verse 17—21 gebracht, d. h. die dritte Gruppe unseres Textes. Woher stammt die Verpflichtung für die aus dem Gefängnis Heimgekehrten? Und nun lesen wir die Verse 10—15 unseres Psalmes, d. h. unsere zweite Gruppe. Im Talmud wird damit zunächst von dem Psalm Abstand genommen. Zwei Beobachtungen sind hier festzustellen: 1. die Reihenfolge des Psalmteiles ist hier geändert, das ist belanglos, läßt jedenfalls nicht etwa darauf schließen, daß dem Talmud eine andere Reihenfolge vorgelegen habe, denn an der erwähnten Midraschstelle werden die Gruppen in folgender Ordnung genannt: 1. die in die Wüste Reisenden, 2. wer aus dem Gefängnis herauskommt, 3. wer ven der Krankheit genesen ist und 4. die das Meer Befahrenden. Ein Plan scheint in der Reihenfolge zu liegen, derart, daß der Talmud erst die häufiger vorkommenden Gefahren, wie Meeresfahrten und Wüstenreisen (daher auch die Mehrzahl) und dann die selteneren Gefahren der schweren Erkrankung und gar der Haftung (daher die Einzahl) aufführt. (Im Midrasch würden nach einem anderen System die Meeresfahrer und in die Wüste Reisenden an die Pole, die anderen in die Mitte gesetzt.) 2. Die vom Talmud aus dem Psalm zitierten Sätze bringen die Gefahr, das Gebet, die Hilfe und die Aufforderung zum Danke, dagegen fehlen die Begründungsverse, bzw. der bei den beiden letzten Gruppen etwas ausgedehntere Dank, es fehlen also die Verse 9. 16, 22 und 32. Den Grund hierfür wird man leicht angeben können. Auf den eigentlichen Dankvers, bzw. die Aufforderung hierzu kommt es dem Talmud in der Hauptsache, um nicht zu sagen, einzig an gemäß der Einleitung: vier sind verpflichtet zu danken, deshalb kann er sein Zitat beenden, wo von der Dankespflicht die Rede ist. Nur auf den setztgenannten Vers 32 kommt der Talmud bald noch einmal zu sprechen. Denn es heißt: Abaje sagte: man muß diesen Dank in Gegenwart von zehn Personen aussprechen, denn es wird ebendort gesagt: sie sollen ihn erheben in der Versammlung des Volkes. Unter Versammlung oder „Gemeinde" sind zumindest zehn Personen zu verstehen, die zum Gebete übliche Zehnzahl. Raschi bemerkt hierzu ausdrücklich, daß der zitierte Vers am Ende eines Unterabschnittes des Psalmes steht. Damit will er das Bedenken lösen, als sei für den Talmud der Psalm hier zu Ende. Werfen wir wieder einen Blick auf die talmudische Einleitung der vier zum Danke Verpflichteten, so begreifen wir auch, weshalb nicht mehr als diese Teile hier angeführt werden. Daß es außer diesen vier Wundertaten noch gar viele gibt, für die auch vielen die Dankespflicht obliegt, betrachtet der Talmud eben hier nicht. III. Folgerungen aus der talmudischen Deutung. Als ein Dank- und Loblied der göttlichen Vorsehung will der Talmud diesen Psalm in seinem Hauptkern aufgefaßt

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