Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 3 (15.1.1926)
- Date
- 1926-01-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063973-3063976--14267-3081816- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 DIC WAHRHEIT Fälscher. Noch sind die dichten Schleier, von denen die ungarische Francsfälscheraffäre umhüllt war, nicht voll und ganz gelüftet und niemand weiß, ob sie je restlos fallen werden. Doch das, was bisher aus dem schützenden Dunkel der unterirdischen Politik und der Souterrainlokale ans Tageslicht gezerrt werden konnte, genügt, um zu zeigen, daß wir hier vor einem Abgrund moralischer Verworfenheit stehen. Wollen wir jedoch tiefer in das Wesen dieses in der Geschichte einzig dastehenden Skandals eindringen, dann dürfen wir ihn nicht für sich, als einen einzelnen Kriminaliall von allerdings ungeheurer Dimension betrachten, sondern wir müssen ihn gewissermaßen auf seinen politischen und kulturellen Hintergrund projizieren, d. h. ihn als Glied einer Kette von Erscheinungen auffasssen, die das Produkt einer ins Verbrecherische ausgearteten politischen Depravation sind. Denn genau so wie ein im innersten Marke vermorschter Baum nur faule Früchte produzieren wird, so bringt eine in ihrem Innern angekränkelte Gesellschaft Verbrechen um Verbrechen hervor und was das schwerste Uebel ist, es verwischen sich die Grenzen zwischen dem Verbrecherischen und dem Nicht-Verbrecherischen in einem Maße, daß das Gefühl für das Erlaubte und Verbotene vollständig verloren geht. Der Mantel aber, in welchen die ganze Reihe von Untaten und Abscheulichkeiten, deren letzte der Fälscherskandal ist, eingehüllt wurde, heißt „Patriotismus". Zuerst wurde das edelste Gefühl eines Volkes, die Vaterlandsliebe, verfälscht und verdorben und dann erst kamen fremde Währungen daran, zuerst wurde mit dem Patriotismus ein gefährliches, ja verbrecherisches Spiel getrieben und dann erst das Ansehen, die Ehre und der gute Ruf des eigenen Landes aufs Spiel gesetzt, um die eigenen Interessen, die persönliche Habsucht zu befriedigen. So wurde für jene Kreise, die sich als die erwählten Schichten der Gesellschaft ausgaben, der Patriotismus zum Geschäft und das Vaterland, das heißgeliebte, zum Ausbeutungsobjekt. Denn auch nicht ein Heller jener beträchtlichen Summen, welche die Fälscher und ihr Anhang erworben hatten, wurde für die angeblich idealen Ziele der Rassenschützler verausgabt, alles wanderte in die Taschen dieser sogenannten Idealisten. Aus Rassenschutz ist Rassenschmutz geworden. Zuerst wurden Juden und Sozialisten in grausamster Weise ermordet. Die Täter wurden mit der Begründung freigesprochen, daß sie „in patriotischem Gefühle" gehandelt hätten. (Sollte wohl heißen: „mit patriotischen Gefühlen gehandelt haben.") Hierauf wurden einige Bomben geworfen und zahlreiche Menschenleben (natürlich wieder „nur" von Juden) vernichtet. Die Täter gestanden zunächst, zogen aber dann ihr Geständnis zurück und wurden trotz einwandfreier Beweise freigesprochen. Doch die Krankheit machte unaufhaltsame Fortschritte. Die Rassenschützler und „Erwachenden Magyaren" wußten genau, daß ihnen nichts geschehen könne, und so schwanden alle Hemmungen ihrerseits; Alle Welt zeigt mit Fingern auf die Täter und ihre Anstifter, doch diese werden von der ungarischen Justiz nicht verfolgt, Es Ist klar, daß in den „patriotischen" Gehirnen der Rassenschützler der Gedanke entstehen mußte: Wenn man ungestraft morden darf, warum sollte man denn nicht auch Banknoten fälschen dürfen? Wenn es erlaubt ist, aus „patriotischen Gefühlen" alle, auch die schwersten Verbrechen zu begehen, warum sollte man nicht auch das Fälscherhandwerk ungestraft betreiben können? Die Francsfälschung erfolgte ja auch mit Wissen und Einverständnis hoher (vielleicht auch höchster politischer Kreise in einem staatlichen Institut durch fachkundige Beamte des Staates und sogar der kirchliche Segen würde den Fälschern durch die Person des Feldbischofs Zadravecz gespendet. Die Koffer, in denen die gefälschten Banknoten ins Ausland gebracht wurden, erhielten das Siegel des Ministeriums des Aeußeren, so daß sie auf diese Weise einem internationalen Brauche entsprechend allen Zollrevisionen entgehen konnten. Die falschen Banknoten wurden vorsichtig in den verschiedensten Städten des Kontinents in den Verkehr gebracht. In Amsterdam, Stockholm, Mailand und Breslau „arbeiteten" die Agenten der Rassenschützler und auch die deutschen Hakenkreuzler sollen dem Plane der ungarischen Banknotenfälscher nicht ferne gestanden sein. Für die „patriotischen" Elemente war die Fälschung der Francsnoten, wie diese jetzt durch ihre Presse glauben machen möchten, nichts als die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln (gegen einen Staat, mit dem Ungarn in Frieden lebt?) und die verbrecherische Konterminierung der französischen Währung eine Tat von höchstem' nationalen Interesse. Daß aus dem Kriege mit anderen Mitteln ein Mittel für andere Kriege hätte werden können, was ficht das so patriotisch gesinnte Männer wie Nadossy, Windischgrätz und Konsorten an, was kümmert sie ein Krieg, in dem ihr Vaterland, entwaffnet und bar aller Verteidigungsmittel, einer erdrückenden Uebermacht gegenüber stehen würde. „Ans Vaterland, ans teure schließ' dich an, das halte fest mit deinen ganzen Kräften" und — „fülle dir hierbei die Taschen bis an den Rand," dachten wohl die wackeren Herren, die sich um die mit Volldampf arbeitende Banknotenpresse gruppierten. Aber nicht nur die französische, auch die Währungen anderer „feindlicher" Staaten hätten nach dem Plane der ungarischen Rassenschützler in den Grund gebohrt weräen sollen, doch leider (leider!) ist es zur Durchführung dieses grandiosen (selbst der „Weisen von Zion" nicht unwürdigen) Planes nicht gekommen. Frankreich ließ sich dieses schändliche Treiben nicht länger gefallen, es schickte zwei Beamte nach Budapest, die das Fälschernest aushoben und hierbei einige hohe (höchste?) Herrschaften auf das ärgste kompromittierten. Der Skandal war fertig. Ungarns Prestige, das durch das Verhalten seiner Justiz und durch den Numerus clausus ohnehin bereits gelitten hatte, erhielt einen neuen verderblichen Stoß und wer ist schuld daran? — Der Jud. Während nämlich das liberale ungarische Blatt „Viläg" verboten wurde, weil es die Wahrheit geschrieben hatte, dürfen die ungarischen Rassenschützlerblätter eine wütende Judenhetze betreiben, die die Erbitterung und den Zorn der wahrhaft patriotisch empfindenden ungarischen Kreise über das Treiben der Rassenschützler auf die Juden abwälzen soll. Dies geschieht durch die unglaublichsten Lügen ■"-riialftidTtfi-" "H