Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-01-15 · Heft 3 (15.1.1926) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 3 (15.1.1926)
Date
1926-01-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3063976--14266-3081815
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 3 DIE WAHRHEIT____Seite 3 s.i-ri.i^:-_;.,■■.„.■, ■^rzaa^J.tr.T.rr- -z=.rx^s=^ - ^^oicfrr.ja-r—'—---■•—<- -rr* »r—--------- — ,. , —.■-..p -^.^ . .. , . j ■ ... , , ■ _„, , „. reich" Minderheitsrechte verkündigte. Diese Zeit wird auch 'dadurch nicht wieder herbeigeführt werden können, daß der zionistische Parterrat alte, gefährliche Schlagworte aus der politischen Versenkung hervorholt. Mit Entschiedenheit und Entrüstung muß es jedoch zurückgewiesen werden, wenn Herr Dr. Friedmaon der „Union" den Vorwurf macht, „daß sie für wirkliche jüdische Arbeit in der Kultusgemeinde kein Interesse hat". Allerdings hat die „Union" kein Interesse daran, daß die Kultusgemeinde zum Forum politischer Kämpfe gemacht werde, sie hat auch kein Interesse daran, daß sie zum Gegenstände demagogischer Agitation werde und zum Schauplatz politischer Ausfälle gegen Glaubensbrüder. Sie kann und wird es nicht dulden, daß man in der Gemeindestube Glaubensbrüder oder Nachbargemeinden beschimpft und beleidigt. Wenn Herr Doktor Friedmann das unter „wirklicher jüdischer Arbeit" versteht, dann hat die „Union" an ihr kein Interesse. Wohl aber hat sie nach wie vor ein Interesse daran, dieKultusgemeinde zu einem Stützpunkt des religiösen und geistigen Lebens der Wiener Judenschaft a ti s z u g e (Stalten. Hier liegt ein unerschöpfliches, die höchsten Ideale befriedigendes Tätigkeitsgebiet vor und nur Böswilligkeit kann behaupten, daß die Union an einer solchen wirklichen jüdischen Arbeit kein Interesse besitzt. Was aber das „unwürdige Verhalten der der „U n i o n" angehörigen Kultusvorstände anläßlich der Budapester Jubiläumsfeierlichkeiten" betrifft, so kann Herrn Dr. Friedmann nur erwidert werden, daß selbst ein großer Teil der Parteigenossen Herrn Dr. Friedmanns diese „unwürdige" Haltung für viel würdevoller gehalten haben als die Stellungnahme der zionistischen Vertreter in der Kultusgemeinde in dieser Angelegenheit. Wie merkwürdig dieses Verhalten war, beweist Lucien Wolf selbst in seinem dann ist er ein wahrer Friedensfreund und liebt die Menschen und die Gesellschaft. Der Starke und Mächtige, der sich in seinem Tun ünd seinen Wünschen von diesem Zartgefühl und dieser Rücksichtnahme leiten läßt, besitzt den schönsten Schmuck und die lebenswerteste Tugeind. Für den Schwachen oder den Geringeren ist die Beobachtung dieses Grundsatzes eine Pflicht der Selbsterhaltung. Im Staatenleben nennt man das, was das Wort Moses sagt, „Toleranz", Duldsamkeit gegen die Sitten und Anschauungen anderer, im persönlichen Umgange Taktgefühl. Man kann sich großer Verfehlungen schuldig gemacht haben, viele v/irklich« Fehler und Laster besitzen, die Welt wird nachsichtig und verzeihend den Schuldigen nijht mit fhreim Hasse, mit ihrer Antipathie verfolgen. Wer aber gegen dieses ungeschriebene Gesetz, „es ist nicht schicklich, also zu tun" sich versündigt, wird so leicht keine Verzeihung erlangen. Er wird die Welt als unversöhnlichen, nach- (trägeris^hen Richter kennen Ismen. Er bleibt den andern unerwünscht, unsympathisch, mag man ihn brauchen, oder er noch soviele andere Vorzüge besitzen. Man kann nicht ungestraft das ungeschriebene Gesetz „es ist nicht schicklich, also zu tun" verachten. K. Brief an das Joint Foreign Comitte (veröffentlicht in der „M o r g e n z e i t u n g" vom 3. Jänner). „Die Entscheidung des Völkerbundrates ist insoferne günstig, als sie ein Diktat vermieden hat, was auch ein Aufflammen der Volksleidenschaft in Ungarn vermiede n". Das ist eine nachträgliche Rechtfertigung der ungarischen Juden durch Lucien Wolf, der als Anreger dieser Aktion des Völkerbundes damit selbst anerkennt, daß die imgarischen Juden mit Recht auf dieses gefahrliche Moment Rücksicht genommen haben. Den gleichen Geist des Radikalismus atmet auch die auf dem Parteirat einstimmig gefaßte Resolution, die zwar in ihrer Form weniger schroff als die Reden, inhaltlich ebenso entschieden ist wie diese. Ihr Wortlaut ist folgender: MD er Partei rat beauftragt die zionistischen Mandatare der Kultusgemeinde, die Folgerungen des zionistischen Gemeindiprogramines, insbesondere die Forderung nach der Mitarbeit im Aufbau Palästinas, m»ch der Ausgestaltung der jüdisch-kulturellen und sozialen Einrieb.tunig&n und nach Praktischer Durchsetzung der im Friedensvertrage und somit auch staatsgrundgesetzlich den Juden gewährleisteten Minderheitsrechte mit a 1iem Nachdruck zu vertreten. Die Mandatare werden ermächtigt, ihre Stellung zu den Parteien des Kultus vorstand es nach deren Verhalten zu den oben entwickelten programmatischen Forderungen einzurichten und darnach das Maß der Mitverantwortung der zionistischen Vertretung für die Führung der Gemeinde zu bestimme n." Nach dem bisher Gesagten erscheint es überflüssig, sich mit diesem Dokument der Verständnislosigkeit für die wirklichen Bedürfnisse der Wiener Judenschaft näher auseinanderzusetzen. Es kommt uns nur seltsam vor, daß diese Resolution e i nstimmig gefaßt wurde, wiewohl in der zionistischen Landespartei neben berufsmäßigen Agitatoren auch Männer Sitz und Stimme haben, denen trotz ihrer parteimäßigen Einstellung Verständnis und Verantwortungsgefühl nicht abzusprechen ist. Sollte der Sieg des Radikalismus ein so vollkommener sein, daß selbst jene wenigen Männer, denen auch der politische Gegner den Zoll der Achtung nicht versagte, zum Schweigen verurteilt wurden? Wie dem auch sein mag, eines geht hieraus mit zwingender Notwendigkeit hervor: Die „Union" wird die Kampfansage der Jüdischnationalen — denn nichts anderes bedeutet diese Resolution — mit der gleichen politischen Entschiedenheit beantworten, die diese aus welchem Grund immer an den Tag zu legen scheinen. Denn sie muß getreu ihrem Programm Stellung nehmen gegen den Nationalismus überhaupt und zumal gegen •den Nationalismus der Juden und es mit allen ihr zu Gebote stehenden politischen Mitteln verhindern, daß die Gefahren, welche Minoritätsrechte für das» österreichische Judentum bedeuten und die schon längst gebannt schienen, neuerdings heraufbeschworen werden. Damit wird s:e nur ihre Pflicht gegenüber den jüdischen Staatsbürgern unserer Republik erfüllt haben. Sollte der eben abgehaltene zionistische Parteitag hierzu den Anstoß gegeben haben, dann können auch die nichtnationalen Juden, welche die überwiegende Mehrheit der österreichischen Judenschaft bilden, mit seinem Ergebnis zufrieden sein.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.