Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 3 (15.1.1926)
- Date
- 1926-01-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 3 Judenschaft entgegenbrachte. Die politische und wirtschaftliche Entwicklung, die sich in Oesterreich in den letzten Jahren vollzogen hatte, führte viele Anhänger der Jüdischnationalen zu jenen Parteien, denen sie infolge ihrer Weltanschauung oder ihrer politischen und wirtschaftlichen Einstellung am nächsten standen. Aber gerade der Abfall der g emäßigten Elemente führte dazu, daß die radikale Strömung, die eine stärkere Betonung des nationalen Momentes fordert, innerhalb der zionistischen Landesorganisation immer mehr Einfluß gewann und schließlich zur tonangebenden Richtung wurde. Diese Tatsache offenbarte der am 3. d. M. abgehaltene Parteirat der österreichischen zionistischen Landesorganisation und dies ist auch der Grund, weshalb wir uns mit ihm ausführlicher beschäftigen wollen. Die Reden, die auf-dieser Tagung gehalten wurden, nicht minder die Resolution, die gefaßt wurde, zeichnen sich durch eine bemerkenswerte Schärfe aus und — was uns am wichtigsten scheint — die Minderheitsrechte, die unter dem Zwange der politischen Notwendigkeiten zwar nicht aufgegeben, aber immerhin zurückgestellt worden waren, werden nunmehr neuerdings gefordert. Die „Wiener Morgenzeitung" spricht von einer „klaren nationalen Auffassung", die bei der Tagung zum Ausdruck kam, und in der Tat läßt die Rede, die Oberbaurat Stricker gehalten hat, an Klarheit und Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Das ganze nationale Pr o g r amm," sagte er, „auch das der jüdischen Minderheitsiechte, muß energisch verfochten werden." Auch der Präsident des zionistischen Direktoriums Dr. Desider Friedmann sprach die Ansicht aus, „daß der n at iai ale Charakter der Bewegung stärker als bisher betont werden müsse". Dr. Friedmann beschäftigte sich auch mit dem Verhältnis der Jüdischnationalen zur „Union deutsch österreichischer J u d en" und betont hierbei, „daß es notwendig sei, eine reinliche Scfieidumg durchzuführen, um das zionistische Programm mit Nachdruck zu vertreten". Nicht allein die „Union", sondern alle österreichischen Juden, die Wert auf Ehrlichkeit und Geradheit im politischen Kampfe legen, werden Herrn Dr. Friedmann dankbar sein für sein offenes Bekenntnis, dem sicherlich mehr Aufrichtigkeit zuzumessen ist als allen vergangenen und zukünftigen Beteuerungen der jüdischen Solidarität. Sie werden es nur bedauern, daß dieses Bekenntnis nicht schon früher erfolgt ist, was sowohl den Interessen des nationalen als auch denen des niohtnationalen Judentums förderlicher gewesen wäre. Wenn Herr Dr. Friedmann in seiner Rede die Behauptung aufstellt, „d a ß d i e S t e 11 u n g n a h m e d e r ,U n i o n* d i e Argumentation ist, die bereits vor dreißig Jahren zu hören war" und damit offenbar ausdrücken will, daß diese bereits überholt sei, dann haben wir darauf zu antworten: Jawohl, die Einstellung der „Union" ist dreißig Jahre alt, sie ist sogar noch viel älter und ist dennoch noch imtmer richtig. Es sind die gleichen Prinzipien, die den Juden nach jahrhundertelanger Knechtschaft die Freiheit gebracht, die Tore des Ghettos geöffnet, die Ghettomauern niedergerissen und den Juden die Menschenrechte gegeben haben. Es ist die Argumentation der politischen Freiheit und des Fortschrittes der menschlichen Kultur, für den das Judentum in Vergangenheit und Gegenwart so viel geleistet hat. Das Programm des jüdischen Nationalismus hingegen, das geistige Ghettomauern wieder errichten möchte, es ist viel jüngeren Datums umd dennoch bereits politisch abgebraucht. Wie eine längst entschwundene Zeit erscheinen uns jene Tage, wo ein „Jüdischer Nationalst für Oester- Feuilleton Es ist nicht schicklich . . .Mose sprach: Es Ist nicht schicklich, also zu tun, denn einen Greuel für Mizraim opfern wir demEwigen.unsTem Ootte. Siehe, wDrden wir den Greuel für Mizraim vor ihren Augen opfern,sollten sie uns nicht steinigen?* II, 8, 22 R. Tanchum lehrte, der Mensch solle einen Brauch oder eine Uebung nicht abändern oder von herrschenden Gepflogenheiten abweichen, denn als Moses in die Himmelshöhen hinaufstieg, aß er nicht, als wäre er einer der Himmlischen, und als die Engel zu Abraham kamen, nahmen sie an dem Mahle teil, als wären sie Menschen. Man soll sich nach dem Orte und der Gesellschaft, wo man sich befindet, richten. Die Umgebung, in der man lebt, hat ein Recht, von dem einzelnen Rücksicht auf ihre Sitten, Gebräuche und Anschauungen zu verlangen. Man freue sich zur Zeit der Freude, man trauere zur Zeit der Trauer, lehrt der Talmud und R. Akiba pflegte, wenn er mit der Gemeinde betete, aus Rücksicht auf diese seine Gebete abzukürzen. Der Grundsatz lautet: Man soll den Ortsbrauch nicht ändern, damit kein Zwist entstehe. Moses erhält von dem störrischen Pharao die Erlaubnis. Gehet, opfert eurem Gotte im Lande! Moses weigert sich, von dieser Erlaubnis Gebrauch zu machen und begründet sein Verhalten mit den Worten: „Es ist nicht schicklich, solches zu tun! Ueber Nutzen und Vorteil, über Königswort und Wille, über Gottesdienst und Freiheit steht ein Gebot: „Es ist nicht schicklich, also zu tun." Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, das sich aber mit erstaunlicher Macht durchzusetzen vermag, mit Steinigung droht und die Drohung» vielleicht gegen die Ueber- . treter wahr zu machen imstande ist. Der bedeutende Erklärer der heiligen Schrift, Abraham ibn Esra weist ganz richtig darauf hin, daß auch Josef solche Rücksicht auf seine Umgebung nahm, als er seine Brüder nicht mit den Aegyptern zusammen speisen ließ, da es für diese ein Greuel war. mit den Hebräern zu essen. Diese Rücksicht auf die Anschauungen anderer ist Pflicht der Höflichkeit, aber sie wird erstes Gebot des Anstandes. der Lebensklugheit und des Friedens für den Gast und dem. Fremden gegenüber dem Volke des Landes. Rücksichtslosigkeit gegen die allgemeinen Gewohnheiten ist schon im eigenen Kreise und unter seinesgleichen höchst unerwünscht und störend, im Kreise nicht Gleichgesinnter oder bei Menschen von verschiedenen Sitten und Anschauungen ist sie eine stete Ouelle der Feindschaft und des Haders. Im Grunde geht aller Kampf und alle Feindschaft unter den Menschen darauf zurück, daß der eine ohne Rücksicht und Verständnis den andern nicht in seiner Art und Weise belassen will. Ob es sich um nationale Eigentümlichkeiten oder um religiöse Bräuche und Uebungen oder um von Ahnen und Vätern ererbte Rassenmerkmale handelt, die Unduldsamkeit, das bewußte und absichtliche Handeln gegen das. was dem anderen wert und heilig ist, ist der Stein des Anstoßes. „Es ist nicht schicklich, also zu tun." Darin liegt oft die größte Weisheit, die klügste Vorsicht und die schönste Friedensliebe. Ist erst der Mensch soweit, daß er diesem ungeschriebenen Gesetze, dessen Beobachtung der Gradmesser für Erziehung und Bildung ist, persönliche Vorteile, Befriedigung seines Ehrgeizes und seiner Eitelkeit oder seine Bequemlichkeit zu opfern imstande ist, >i/:>#M£i«aMfc*MOB ..v» <«MMfc«air' L