Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 3 (15.1.1926)
- Date
- 1926-01-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Österreichische Wochenschrift ihr tOdlsthe Interessen Mit dem Beiblatt: Veröffentlichungen der ..Union deutschösterreichischer Joden" Redaktion und Administration: Wien H.. M3. - Fernruf 42-2-18_ XL1I. Jahrgang Wien, 15. Jänner 1926 Nummer 3 Parteirat der Jüdischnationalen. Jüdischnationale Konferenzen und Resolutionen haben heute längst nicht mehr jene Bedeutung für das österreichische Judentum wie in der Zeit nach dem Umsturz, als die jüdischnationale Idee auch in Oesterreich zahlreiche Anhänger zählte. In jenen Tagen, als ein „Jüdischer Nationalrat für Oesterreich" gebildet wurde und von „n a t i onalen Minderheitsrechten" und ähnlichem gesprochen wurde, fanden sich tatsächlich viele unter unseren Glaubensgenossen, die bereit waren, ihre in jahrzehntelangem schweren politischen Kampf errungenen staatsbürgerlichen Rechte für sogenannte Minderheitsrechte einzutauschen, die nicht als Ausfluß einer inneren organischen Entwicklung, sondern eines außenpolitischen Zwanges uns auf Grund der jüdischnationalen Auslegung des Friedensvertrages von St. Germain hätten eingeräumt werden sollen. Es wurde so gewissermaßen der Schwerpunkt der politischen Entwicklung nach außen verlegt, das Schicksal der Juden Oesterreichs freiwillig aus der Hand gegeben und von interstaatlichen Abmachungen, beziehungsweise deren Interpretationen abhängig gemacht, die nicht als Produkt freien Uebereinkomrnens, sondern eines durch die Macht der Sieger dem Unterlegenen aufgezwungenen Diktats angesehen werden müssen. Durch den Friedensvertrag, durch welchen Oesterreich im die jetzige traurige Lage gestürzt wurde, sind den Juden», die bis dahin gleichberechtigte Staatsbürger waren, „Rechte" in den Schoß gefallen, die sie nicht brauchten, niemals begehrt und die gar nicht auf sie Bezug hatten, sondern auf jene wirklichen „nationalen Minderheiten", die durch einen, wie selbst die Sieger anerkennen mußten, ungerechten Friedensvertrag von ihrem Mutterland abgesprengt und einem fremden „Nationalstaat" eingefügt wurden. Welche Bedeutung diese Minderheitsrechte besitzen, welcher Wert ihnen zum Schutze der wahrhaft nationalen Minderheiten zukommt, das zeigt das Schicksal der Deutschen i n Sü d t i r o 1 klar und deutlich. Trotzdem es also erstens einer juristischen Basis entbehrte und zweitens politisch unklug war, sich auf derartige Rechte zu stützen, ihnen zuliebe feststehende Berechtigungen preiszugeben, fanden sich Verblendete, die aus sentimentalen Erwägungen heraus die Minderheitsrechte auch für uns Juden in Anspruch nehmen wollten und diese waren gefolgt von einer Anzahl Anhänger, die. lieber den politischen Schlagworten einer maßlosen Agitation als den einfachen Erwägungen der politischen Vernunft Folge leisteten. Hierzu kam die Begeisterung für den Wiederaufbau des HeiligenLandes, welche herrliche und zum Gemeingut fast aller Juden gewordene Idee von den Jüdischnationalen ebenfalls für Zwecke der Landespolitik ausgenützt wurde, obwohl der Aufbau Palästinas mit der Innenpolitik in Oesterreich nicht das mindeste zu tun hatte. Viele unserer Glaubensgenossen unterstützten die Jüdischnationalen deshalb und nur deshalb, weil sie deren Leistungen für den Wiederaufbau Palästinas den Zoll der Anerkennung nicht versagen wollten, ohne sich jedoch mit ihrer gefährlichen Landespolitik zu identifizieren. Es war daher eine politische Irreführung, alle „Z i o n i s t e n" auch als „ J ü d i s c h n a t i o n a 1 e" zu reklamieren, welches Verhalten sich auch späterhin gerächt und einen Keil mitten in das Lager der österreichischen zionistischen Landespartei getrieben hat. Die Bildung der „Freien Zionistischen Vereinigung*', gegen die von Seiten der Jüdischnationalen so erbittert gekämpft wird, ist nur ein äußeres Zeichen einer Abfallbewegung, welche sich im Stillen bereits schon seit Jahren vollzieht. Denn so groß auch die Leistungen des Zionismus in Palästina sein mögen, in der Innenpolitik hat der jüdische Nationalismus vollkommen versagt. Zumal innerhalb der österreichischen Judenschaft ist für ihn kein Boden und, wo eine Pflanze nicht den richtigen Boden findet, kann sie auch durch künstliche Mittel nur schwer und unvollkommen gedeihen. Eine Zeitlang schien es, als ob die Jüd'ischniationalen die Gefährlichkeit ihrer Zolitik erkannt hätten und tatsächlich trat vor einigen Jahren eine gewisse Annäherung zwischen den Standpunkten der zionistischen Landespartei und jener großen jüdischen Organisation ein, die seit 40 Jahren die Vorkämpferin für die Rechte der Juden in Oesterreich' ist; das Ergebnis dieser Annäherung war die „Jüdische Wahlgemeinschaff* und die Kooperation in der Kultusstube. Die Schwierigkeiten politischer und wirtschaftlicher Natur, die mit dem Aufbau Palästinas verbunden sind und von Tag zu Tag größer werden, bewogen nämlich die Jüdischnationalen, jede innerpolitische Initiative zurückzustellen und ihr Augenmerk ganz der Förderung des Wiederaufbaues zuzuwenden. Doch selbst diese gewisse Mäßigung in innerpolittscher Beziehung, welche eine Zeitlang zu beobachten war, konnte den weiteren politischen Verfall der Partei nicht mehr aufhalten; zu groß waren ihre Fehler in der Vergangenheit, zu stark das Mißtrauen, das ihr ein großer Teil der österreichischer!