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Die Wahrheit · 1926-01-08 · Heft 2 (8.1.1926) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 2 (8.1.1926)
Date
1926-01-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Nr. 2 Käufe und Verkäufe für seine Rechnung und Gefahr getätigt wurden, schrieb er geheime Berichte an den Kaiser „als Euer Majestät alleruntertänigst ergebener wirklicher Geheimer Rat von Ii o 1 s t e i n." „Brüderlichkeit" Dies ist der Titel eines Romanes, der von einem empfindsamen Menschen erdacht, von einem Dichter gestaltet, das Leben und Treiben innerhalb der deutschen Burschenschaften schildert. In diesem Romane ist auch die Rede von dem einen großen Teil des deutschen Burschentums verseuchenden Antisemitismus, der eine Scheidemauer zwischen Angehörigen derselben Kulturgemeinschaft errichtet. Im Hinblick auf diesen Roman hat nun sein Verfasser, der bekannte Schriftsteller Walter B1 o e m, in einem an das ..Hamburger Israelitische Familienblatt" gerichteten Brief seine Auffassung über Antisemitismus präzisiert und wir bringen mit Vergnügen das Wichtigste aus seinen Ausführungen: „Ich bin Deutscher von Blut, Gefühl, Geschichtsauffassung. Aber ich glaube, daß die Zeit der einseitigen Betonung des nationalen Moments im Geistes- und Seelenleben der Menschheit durch den Weltkrieg ad absurdum geführt ist. Ich bin entschlossen, meine Sonderart des Deutschen ebenso stark und bewußt zu entwickeln und zu bewahren wie mein Rheinländertum. Aber über die nationalen Grenzen hinaus habe ich mich, zumal seit dem Kriege und durch ihn; als Mitglied wie meines Gesamtvolkes, so der Menschheit — und zwar zunächst ihrer „abendländischen" Kulturgruppe — fühlen gelernt. Ich war nie Rassefanatiker, nie antisozialer bürgerlicher Kastenhnensch, nie engstirniger Nationalist . . . Seit dem Kriegsende ist es mir zur unwiderruflichen Ueberzeugung geworden, daß nicht nur wir Deutsche, daß wir Weiße zusammenhalten müssen im Kampfe für unsere Kulturgüter gegen drohende Ueberflutung durch die Barbarei. Muß ich bei-solcher Einstellung noch hervorheben, daß ich den Antisemitismus als rückschrittliche, kultur- und entwicklungsfeindliche Verirrung ablehne und bekämpfe?! Daß mir als Deutscher gilt, wer?n deutscher Geistigkeit und Gesittung Anteil besitzt und fordert, einerlei, welches sein Bekenntnis und seine „Rasse" sein möge?! Aber des Dichters Aufgabe ist es nicht in erster Linie, Thesen zu verfechten und zu Problemen ..Stellung zu nehmen". Er soll gestalten ... So habe ich hineingegriffen in die gärende Gegenwart und Gestalten herausgeholt und widereinander gestellt .... Was für ..Lehren", für „Erkenntnisse", für „Ueberzeugungen" aus dem Tu- und Widereinander dieser Menschengebilde zu gewinnen sein möchten — das zu erkennen und zu würdigen, muß ich meinen Lesern überlassen. Möchten sie das eine fühlen: Hier spricht und bildet ein Liebender — ein Mensch, der alles, was Menschenantlitz trägt, mit gleicher Hingebung und Aufgeschlossentheit umfaßt und keinerlei Gegensätze zwischen seinesgleichen anerkennt als die Stufen der Güte, der Tüchtigkeit, der Schaffensmacht." Das billige jüdische Argument. Der bekannte französische Dramatiker Henry Bernstein hat sich in einem Artikel im „Temps" sehr scharf gegen Bernard Shaw gewendet, der in einer Unterredung mit einem Journalisten von einem „Provinzialismus" der französischen Schriftsteller und einem Stillstand in französischen Drama sprach. Bernard Shaw erwiderte in einem offenen Brief an Henry Bernstein, aus dem die Londoner „Morningpost" einige interessante Auszüge bringt, folgendes: Bernstein solle sich nicht getroffen fühlen, denn er sei Jude, nicht Franzose und könne ebensowenig wie die übrigen Angehörigen seiner Rasse über Franzosen oder Engländer oder Irländer endgültig urteilen. Er sei ja durch und durch Orientale. Inv Vergleich mit dem Volke Israel seien die westeuropäischen Rassen Parvenüs, ja Barbaren. Wenn also Bernstein als Jude und Idealist diese westeuropäischen Rassen verehrt so sei dies nichts als Götzendienst — dais ist eben die edle Schwäche der Juden, ihre Ideale zu Götzen zu erheben. Mag der Kopf eines Franzosen nichts als ein Schafskopf sein, so wird sich der Jude vor ihm bücken und ihn wie das goldene Kalb verwehren. Für den Durchschnittsfranzosen sei Herr Bernstein nichts als ein Eindringling, ein orientalischer Parasit, kurz — ein Jude. Darauf erwiderte Henry Bernstein: Bernard Shaw mußte zwei Monate lang über ein Argument als Antwort nachsinnen, bis er endlich auf das billige jüdische Argument kam. Er, Bernstein, habe bisher in Shaw einen Athleten gesehen, der aus härterem Holz geschnitzt ist als ein Franzose. Auf einmal habe sich der Riese Shaw als sehr menschlich entpuppt. In die Enge getrieben, denunziere er seinen Gegner als einen im Nationalismus Befangenen, als einen „Juden". Bernstein nennt Shaw noch einen „sozialistischen Multimillionär und Antisemiten" und schließt: „Wären Sie, Bernard Shaw, ein Dichter, und nicht allein ein großer Virtuose, zuweilen auch ein großer Schwätzer, Sie würden sich eher mit meinen Argumenten als mit meiner Nase beschäftigt haben." Bernstein unterzeichnet: „Ihr — bei allem Götzendienst — Henry Bernstein." Das „billige jüdische Argument" Shaws kann um so mehr verwundern, als man diesen Schriftsteller bisher nicht von der judenfeindlichen Seite kannte. Gerade in einem seiner letzten Bühnenwerke, der „Heiligen Johanna", fand er einige treffende Worte zur Verteidigung des angeblichen jüdischen Krämergeistes. Und nu^erweist er sich mit seinen antisemitischen Ansichten selbst ^s Krämerseele. Eine peinliche Affäre. In der Bud'apester Gesellschaft erregt eine Affäre, die sich bei einem zu Ehren des dänischen Fechtmeisters Osiier vom Ungarischen Fechtverband veranstalteten Bankett abspielte, großes Aufsehen. Osiier, einer der hervorragendsten Amateur-Fechtmeister, traf in Budapest -ein, um mit dem ungarischen Meister Dr. Alexander Posta ein Match auszutragen. Der ungarische Fechtverband, dessen Mitglieder fast ausschließlich aus ehemaligen Offizieren bestehen, machte schon voriges Jahr viel von sich reden, da er zur Pariser Olympiade den hervorragendsten ungarischen Fechtmeister, den Rechtstnwalt Dr. Eugen Fuchs, nicht entsandte und dies damit motivierte, daß ein Jude die ungarischen Fechter nicht repräsentieren könne. Seither nahm der Fechtverband auch gegen den olympischen Sieger Dr. Posta scharf Stellung, weil dieser anderer politischer Gesinnung ist als die Mitglieder des Klubs. Um ihn aus dem Verband zu entfernen, wurde er vor einigen Tagen zum Professional erklärt. Das Match Osiier-Posta endete mit dem Siege des ungarischen Meisters. Nach dem Turnier veranstaltete der Techtverband zu Ehren des dänischen Gastes ein Bankett, zu dem jeder geladen war, nur gerade der siegreiche Gegner Osiiers Dr. Alexander Posta nicht. Der Däne nahm dies verblüfft zur Kenntnis. Noch erstaunter war er aber, als er aus den Reden, die während des Festessens gehalten und in denen er gefeiert wurde, erfahren mußte, warum man den ungarischen Fechtmeister nicht geladen hatte. Einer der Redner behauptete nämlich in seinem Toast, es sei schade, daß Osiier seinen Säbel gerade mit jenem des Doktor Posta kreuzen mußte, der ein „Judensöldling" und ein des Namens „Ungar" unwürdiger Mensch sei. Der Däne Osiier hörte eine Weile 'erstaunt zu. Dann erhob er sich, um auf die Begrüßungsreden zu antworten. Er wurde mit lautem Jubel und Händeklatschen begrüßt. Osiier aber winkte mit der Hand ab und sagte dann folgendes: „Verehrte Herren, ich habe alle jene Lobeshymnen zur Kenntnis genommen, die man heute hier vorgetragen hat, um mich zu ehren und bin Ihnen auch sehr dankbar. Allerdings wäre ich Ihnen noch mehr verpflichtet gewesen, wenn ich hier auch meinen Gegner hätte begrüßen können, von dem ich überzeugt bin, daß er ein über jeden Tadel erhabener korrekter Gentleman ist. Nun habe ich auch die Gründe vernommen, die die Veranstalter dieses schönen Abends veranlagten, Herrn Dr. Alexander Posta nicht, hingegen mich einzuladen. Nun muß ich Ihnen aber erklären, daß Sie si;h in einem Irrtum befinden. Ich bin unbedingt noch weniger befugt, in Ihrer Mitte zu sitzen, als mein Gentlemangegner Dr. Alexander Posta. Von ihm kann, wie ich höre, bloß behauptet werden, daß er ein „Judensöldling" sei, denn er befindet sich sonst in ganz geordneten konfessionellen Verhältnissen: Bei mir jedoch trifft dies weniger zu. Die Herren wissen anscheinend nicht, wer ich bin. Ich muß es also sagen: Ich bin Arzt in Kopenhagen und — Präsident der Kopenhagener israelitischen Kultusgemeinde. Sie werden daher verstehen, daß ich mich jetzt entferne und nicht weiter Ihre so behutsam verteidigten rassenreinen Kreise störe. Ich empfehle mich!" Der Ehrengast verbeugte sich und ward nicht mehr gesehen. Und das muß gerade den Rassenschützlern passieren! So ein Pech! IR.OTGA5SE-1 wmmmmmmmmmmmmmmmmm

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