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Die Wahrheit · 1926-01-08 · Heft 2 (8.1.1926) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 2 (8.1.1926)
Date
1926-01-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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eint. Wenn Regierung, Volksvertretung und Publizistik sowohl diesseits wie jenseits der Leitha in ihrem Wirken und Schaffen sich diese Wahrheit stets vor Augen halten, wird Oesterreich sich konsolidieren, wo nicht — nicht!" Fischhofs Warnung wurde zu spät, viel zu spät gewürdigt; wäre sie, wären seine Vorschläge rechtzeitig beherzigt worden, dann wäre das Ideal, Oesterreich zu einem Staatswesen zu gestalten, das — eine höhere Schweiz — den Fortschritt und das Gedeihen auf wirtschaftlichen und kulturellen Gebieten, die Wohlfahrt und das friedliche Zusammenleben aller Nationalitäten im Rahmen der großen und mächtigen Monarchie gesichert hätte, erreicht worden. _ .^-uft^gäjJl Adolf Fischhof war aber auch, wie er in jeder Phase seiner politischen und publizistischen Tätigkeit bewies, ein guter Deutscher, dessen Verdienste um das Deutschtum in Oesterreich unvergeßlich sind. Die österreichischen Juden dürften überhaupt manche ihrer Todfeinde, die sich als privilegierte Pächter des Deutschtums aufspielen, daran erinnern, daß gerade die Juden es waren, die sich als die ausdauerndsten Schützer des Deutschtums gegen den slawischen Ansturm bewährten, trotzdem ihre opferwillige Hingebung häufig nur mit verletzender Kälte und schnödem Undank gelohnt wurde. Die österreichischen Juden, deren Loyalität unter der früheren Regierungsform die Probe bestanden hat, bedürfen sicherlich keines Zeugnisses, daß sie die Verfassung der Republik, die ihnen die volle staatsbürgerliche Gleichheit nicht bloß auf dem Papier gewährt, hochhalten und daß sie zu jedem Opfer bereit sind, das der Staat von der Treue seiner Bürger verlangen kann. Die österreichischen Juden, die an dem Lande, in dem seit vielen Jahrhunderten die Gräber ihrer Ahnen sich befinden, mit allen ihren Fasern ihres Herzens hängen, die sich in guten wie in bösen Tagen verknüpft mit dem Schicksale dieses Staates wissen, werden sich von niemanden ihr Oesterreichertum streitig machen lassen. Und besonders wir jungen deutschösterreichischen Juden lassen uns* dieses iRecht nicht rauben. „Denn wir lieben unsere Heimat, in der wir geborenund aufgewachsen s i n d u n d mit deren Geistesu n d K u 1turwelt wir uns eng verbunden fühlen!", heißt es in unserem Programm. Wie könnten wir auch anders? Diese unsere von der Natur so reich ausgestattete Heimat, dieses schöne Land mit seinen Bergen und Tälern, in denen reine Luft weht, die auch nach der Einführung des Arierparagraphen durch keine antisemitische Bazillen verpestet werden kann. Die österreichischen Juden wurzeln in diesem Boden, der auch mit dem Blute tausender jüdischer Helden gedüngt ist, die ihr junges Leben für das Vaterland verhauchten und trauernde Eltern, Gattinnen und Waisen hinterlassen haben. Die Juden fühlen sich jedoch auch in engster Kulturgemeinschaft mit dem Deutschtum, als dessen wahre Vertreter ihnen Männer wie Lessing, Herder, Goethe, Schiller und viele andere erscheinen und nicht die engherzigen und großmäuliger-. Verkünder einer wissenschaftlich als böswilliger Unsinn enthüllten Rassentheorie. Das Ende eines Antisemiten. In verschiedenen deutschnationalen Zeitungen ist in letzter Zeit ein Inserat zu lesen, in welchem die „Durchführung jeder Art von Versicherungen auf arischer Grundlage'4 angezeigt wird. Derjenige, welcher sich hierzu empfiehlt, ist kein geringerer als der Staatsrat a. D. K. H. W o 1 f. Er, der seinerzeit viel genannte deutschradikale Abgeordnete, einst ein Führer der Antisemiten, endet als Versicherungsagent, ein Mann, der sich seine Jugend durch verschiedene Zuckermanipulationen versüßt hat. fristet seinen bitteren Lebensabend dadurch, daß er Versicherungen, und zwar auf ..arischer Grundlage" abschließt. Diese Grundlage, die auch der Grund seiner Lage zu sein scheint, hat er also noch immer nicht verlassen. Jedenfalls ein beachtenswertes Zeichen von Gesinnungstreue, der auch ein politischer Gegner nicht die Achtung versagen kann. Weniger edel ist das Verhalten seiner Anhänger, die ihm einst begeistert zugejubelt haben und ihn jetzt, nachdem er sich für sie aufgeopfert hatte, im Stiche lassen. Hätte sich K. H. Wolf ihrer rechtzeitig versichert, so müßte er sie jetzt nicht versichern. Doch so ist einmal der Welten Lauf. Lügen haben kurze Beine, oft nur so kurze, daß sie nach wenigen Schritten schon ertappt werden. So erging es auch den grandiosen Enthüllungen und Entdeckungen des „Montag mit dem Sportmontag", der zur Verblüffung seiner Leser, in seiner Nummer vom 4. Jänner einen Artikel „Schober und die Juden" brachte, der von Unrichtigkeiten und Widersprüchen nur so wimmelte. Wir würden uns mit den Enten dieses Blattes gar nicht weiter beschäftigen, wenn nicht die Gefahr bestünde, daß diese durch böswillige, vor allem antisemitische Hetzer ausgebeutet werden könnten. Darum müssen sie rechtzeitig vernichtet werden. Falsch .ist es, wenn der „Montag mit dem Sportmontag" behauptet, daß die „Hakoah" den Kindergarten in der Schiffamtsgasse deshalb gemietet habe, um während des Zionistenkongresses in dessen Räumen und Höfen ein Schutzlager gegen allfällige Progrome zu errichten. Wahr ist vielmehr, daß der Kindergarten bereits im August 1924, also zu einer: Zeit, da man noch an keinen Kongreß oder Hakenkreuzausschreitungen dachte, von der „Hakoah" übernommen und zum Klubheim adaptiert wurde. Es ist überhaupt unrichtig, daß die „Hakoah" während des Zionistenkongresses irgendwelche Schutzmaßnahmen getroffen hätte. Dies war schon aus dem Grunde vollkommen überflüssig, weil Polizeipräsident Schober sich für! die vollständige Aufrechterhaltung der Ruhe verbürgt hatte und die Polizei auch tatsächlich mehr als ausreichend war, um die an Zahl weit geringeren Hakenkreuzlerhorden im Zaume zu halten. Schließlich ist es auch falsch, daß die Wiener Judenschaft der „Hakoah" etwas schulde, sondern diese hat ihre Verpflichtungen gegenüber dem jüdischen Kindergarten aus gewissen Gründen nicht erfüllt und ist also ihrerseits etwas schuldig. Der Kindergarten wurdeschließlich nicht zu einem „städtischen Kindergarten" gemacht" sondern vom Vereine „Wohlfahrt" übernommen, der sich der dankenswerten Aufgabe unterzogen hat, ihn seiner ursprünglichen Bestimmung wieder zuzuführen und in seinen Bemühungen die Unterstützungen der weitesten jüdischen Kreise verdient. Zur ganzen Sache sei noch folgendes angemerkt: Selbst Lügen müssen einen Sinn haben; aber so unsinnig zu lügen, ist wirklich sinnlos. Nationaldeutsche Juden sollten doch wenigstens ihre eigene Muttersprache verstehen. Oder wollen sie diese nicht verstehen? Letzteres wäre für einen deutschen und gar für einen „nationaldeutsche n" Juden noch viel, viel trauriger. In der letzten Nummer des Verbandsorganes „Der national deutsche Jude" vom Dezember 1925 wird von einem mit den Wiener Verhältnissen offenbar sehr gut vertrauten „nationaldeutschen" Juden der erste Aufruf der „J u g e n d g r u p p e der Union" an die „Jüdische Jugend Oesterreichs" scharf kritisiert. Doch leider steht die Schärfe dieser Kritik in auffallendem Gegensatze zu der Schärfe des Auffassungsvermögens des Kritikers selbst. Oder sollte der „nationaldeutsche" Jude den Aufruf der Jugendgruppe absichtlich falsch aufgefaßt haben? In dem Aufrufe heißt es nämlich: „W i r lehnen aber auch jene andere nationale Bewegung ab, welche die Bande, die uns mit dem Land verbinden, in dem wir geboren und aufgewachsen sind, zu lockern sucht". Wiewohl nun aus dem Aufrufe klar und deutlich hervorgeht, daß sich ja der ganze Absatz, in dejn sich der zitierte Satz befindet, insbesondere der unmittelbare W^iSääl^ißiäliSUätääil^^H^BBl^H^HBII^^He- . .^>:^^B^4&K*/ifc<^2BeraRä^^

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