Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 2 (8.1.1926)
- Date
- 1926-01-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Saite 6 DtE WAHRHEIT Kr. 2 Linz. Wer jetzt den Linzer Tempel, der in einem Jahr seinen 50. Geburtstag feiern wird, betritt, ist angenehm überrascht. Der Wintertempel hat eine durchgreifende Renovierung erfahren. Eine stilvolle und würdige Maierei, eine neu hergerichtete Inneneinrichtung und ein großer Gasofen, der angenehme Wärme spendet, begrüßen den Besucher. Damit hat der Vorstand der jüdischen Kultusgemeinde einen Schritt nach vorwärts gemacht und bewiesen, daß ihm die Hebung des Kultus am Herzen liegt. Dem Tempelvorste'her Herrn Bundesbahninspektor Otto Ü r 1 i k, sowie dem Baureferenten unserer Gemeinde, Herrn Ing. Isidor P o 11 a k, gebührt die Anerkennung, dieses Werk durchgeführt zu haben, an dem sich nun jeder freut. Hat doch schon dieser neue Wintertempei einen sehr schönen Vorhang vor der Bundeslade, eine Spende des Herrn S. Fürst, erhalten. Nicht minder verdienstlich hat unsere altehrwürdige Chewra Kadischa, an deren Spitze als Obmann HeTr Adolf Pick hingebungsvoll wirkt, Neuerungen geschaffen. Wer jetzt in die Lage kommt, einer Beerdigung in Linz beizuwohnen, wird die äußere Renovierung und Innenausgestaltung der Zeremonienhalle am Friedhofe wohltuend empfinden. Der ehedem völlig kahle Raum ist durch Aufstellen einer Kanzel, von Bankreihen für die Leidtragenden, Kandelabern und sonstigen dazu gehörigen Gegenständen in einen Raum umgewandelt worden, der selbst im Leide wohltuend wirkt. Damit, aber auch durch die notwendig gewordene Erweiterung des Gräberfeldes hat sich Herr Adolf Pick gerechtes Lob und gebührenden Dank der Linzer Judenschaft verdient. Es soll nicht verschwiegen werden, daß der Inspirator und stille Mitarbeiter dieser Schöpfungen unser Rabbiner Herr Dr. Viktor K u r r e i n ist, der durch seine Tätigkeit auf der Kanzel und in der Seelsorge jedem Mitglied unserer Gemeinde ein aufrichtiger und fürsorglicher Freund ist. Wie sehr er es aber verstanden hat, auf die hiesige Jugend einzuwirken, hat das Chanukkafest gezeigt. Als ich am Sabbatausgange des 12. Dezember 1925 den Tempel betrat, war derselbe bereits gefüllt und kein Plätzchen mehr übrig. Ich erfuhr bald den Grund. Die Linzer jüdische Schuljugend hatte sich eingefunden, denn der sonst regelmäßig nachmittags stattfindende Schülergottesdienst war mit Rücksicht auf Chanukka auf den Abend verlegt worden. -So war ich zufällig Teilnehmer eines Jugendgottesdienstes, der alle meine Erwartungen übertraf, in erster Linie, was das mustergültige Verhalten und die Andacht der Schuljugend anbelangt. Mit besonderem Geschick verstand es Dr. Kurrein, in einer Exhorte den Schülern die Menorah als ein Wahrzeichen für den richtigen Aufstieg im Leben zu deuten, was auf kiein und groß sichtlich tiefsten Eindruck machte. Ich erfuhr aber, daß eine solche Stimmung nicht nur bei dieser Gelegenheit, sondern auch Sabbat für Sabbat die Jugend erfüllt. Nicht unerwähnt mögen die verdienstvollen Bemühungen der vor kurzem hier gegründeten „Elirmann-Loge" vom Bnai Brith bleiben, die öffentlich zugängliche Vertragsabende veranstaltet, bei denen bereits zwei Redner aus Wien, Herr Dr. Schwarz-Hiller und Herr Dr. Knöpfimacher, gesprochen haben. Diese Vereinigung veranlaßt alles, was in ihrer Macht steht, um über ihren eigenen Kreis hinaus das jüdische Interesse allenthalben zu beleben. Um das gesellige Leben macht sich der Geselligkeitsverein „G1 e i c h h e i t", an dessen Spitze Herr Walter Klein steht, sehr verdient. Wie alljährlich, so veranstaltete derselbe auch heuer einen geselligen Abend, und zwar im Volksgartensaale, wo sich die beste Gesellschaft einfand. Kunstkräfte der hiesigen Gemeinde, wie Herr Direktor H a r b a n d, die Herren Kapper, Treichlinger, Richter, Frau Schließer und Frl. Westreich haben hierbei reichliche Lorbeeren geerntet. Außerdem veranstaltet dieser Verein jeden Sonntag einen Vergnügungsabend. Der Verein kann allseitiger Sympathien sicher sein. Der hiesige jüdische Turn- und Sportverein ist dank der Bemühungen seines Obmannes, Herrn Ing. Isidor P o 11 a k, wieder zur Blüte gelangt und kann auf eine rege turnerische Betätigung unter Leitung eines tüchtigen Berufsturnlehrers hinweisen. Auch der Jugendbund ist nun in guten Händen. Der Oktavaner Fritz Kafka, der ihn leitet, scheint es recht gut zu verstehen, die hiesige jüdische Jugend zu vereinen und ohne Politik und Entfremdung vom Elternhause der Jugend das zu bieten, wofür sie Lust und Liebe hat. In unserer K e h i 11 a regt sich also jüdisches Leben. Dieser biedere jüdische Geist wird selbst die Lauen und Gleichgültigen wieder zur Teilnahme aufrütteln und das Zusammengehörigkeitsgefühl wesentlich stärken. Hierzu dürfte auch „D i e W a h r h e i t" vieles beitragen, da sie in den besten jüdischen Familien allwöchentlich ein willkommener Gast ist. . . _ KI. Glossen. Ludendorffs „Völkischer Kurier" ist infolge Mangels an Abonnenten eingegangen. Der unselige Mann hatte einst .die Macht, viele tausend Soldaten, als der große Krieg längst verloren war, ganz unnütz in den Tod zu treiben. Die Unglücklichen mußten für Ludendorff sterben. Vielleicht bedrückt ihn heute die Erinnerung daran. Aber daß er heute nicht einmal die Macht hat, ein paar tausend Deutsche zum Abonnement seines Blattes zu kommandieren, dürfte ihn auch nicht sehr erfreuen. * * * Herr K. fi Wolf, der einst gefeierte Führer der Deutschnationalen, hat sich, oder richtiger gesagt, wurde von seinen Parteigenossen schon vor längerer Zeit von dem öffentlichen Schauplatz der Politik zurückgezogen. Vielleicht waren es die vielfach süßen Erinnerungen an die Vergangenheit Wolfs, die es seiner Partei peinlich erscheinen ließen, ihn immer wieder in der überwältigend komischen Rolle eines Verkünders deutscher Sitte und arischer Keuschheit auftreten zu sehen. Vielleicht hätten sie ihm gerne alles verziehen, wenn die anderen alles — vergessen hätten. Aber das war eben nicht, der Fall. Die deutschnationalen Herren haben, wie es scheint, Herrn K. H. Wolf gegenüber sich nicht die Losung erkoren: „Leben und leben lassen!" und so will der Herr Staatsrat a. D. sich fürderhin als Versicherungsagent betätigen. Er wird Versicherungen auf arischer Grundlage durchführen, das heißt so viel, er möchte seinen eigenen Lebensunterhalt sichern, indem andere ihr Leben durch ihn versichern lassen. Als Geschäftsmann hat Wolf, das muß anerkannt werden, aufgehört, ein bornierter Parteimann zu sein. In den Inseraten, in denen er sich dem p. t. Publikum empfiehlt, steht kein Wort davon, daß es Juden verwehrt sei, sich auf — arischer Grundlage das Leben versichern zu lassen. * * * Auch ein zweiter antisemitischer.,Held, der einst — gleich K. H. Wolf — mit scharfen Worten die jüdische Unsittlichkeit zu geißeln liebte, scheint die Freude am Kampf und Streit verloren zu haben. In mehrfacher und rührender Weise bekundet Herr v. Millenkovich diese seelische Wandlung. Man wird es zu würdigen wissen, wenn ein Mann wie er, voll Selbstverleugnung seinen Beleidigern verzeiht, anstatt sie rachedürstend auf die Anklagebank zu schleppen. Wahrhaftig, die Lehre, es sei besser, zu den Verfolgten als zu den Verfolgern zu gehören, ist leichter zu verkünden als zu befolgen. Sehr sinnig war es, daß Herr v. Millenkovich auf den neubetretenen Friedenswegen wandelnd, kürzlich im Tierschutzverein eine Vorlesung über Vogelschutz hielt. Ein internationales und interkonfessionelles Thema, das sicherlich jedem fühlenden Herzen sympathisch ist, mit dem aber lange nicht solche gewaltige Effekte zu erzielen sind, wie wenn der Redner zum Beispiel mit Hinblick auf die jüdischen Wüstlinge die Notwendigkeit des arischen Mädchenschutzes fordert. x * * * Der Doyen des diplomatischen Korps in Budapest, Nuntius Cesare, Orsenigo, hielt am Neujahrstage eine Ansprache an den Reichsverweser Herrn v. Horthy, in der er unter anderem sagte: „Schon B^k^^aaMtf^*?^ wrjstü-1