Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 2 (8.1.1926)
- Date
- 1926-01-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063973-3063975--14251-3081799- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 2 DIE WAHRHEIT Seite 5 um dessentwillen dann die in den beiden anderen Teilen zugegebene Begründung fehlt. Die Verszahl der vier klaren Unterabschnitte bleibt also unverändert dieselbe, hier sieht es so aus: 17—18 und 23—27 die Gefahr, 19a und 28a die Tatsache des Betens, 19b—20 und 28b—30 die gewordene Hilfe, 21—22 und 31—32 die Aufforderung zum Danke. Mit dem Verse 33 wird der Auftakt fortgesetzt, der im ersten Verse eingeleitet wurde. Wiewohl doch gewisse Gruppen in ihrer Art die göttliche Hilfe erlebt haben und für sie danken mögen, können doch alle in den Dankeshymnus einstimmen, denn wer hat aus allem Geschehen nicht die Macht, die Kraft und die Wundertaten Gottes erfahren? Nicht einzelne Personen allein werden gerettet, sondern auch die Menschen überhaupt, auch Landesteile erleben einen so plötzlichen Umschwung. Fruchtbares Land kann zur Dürre werden, Wüstenboden kann saftig werden, Erträge hervorbringen. Hungernde werden gespeist, können in bewohnton Gegenden sich ansiedeln und die Ackerkrume wie den Weingarten bearbeiten. Erinnert das nicht an die „Irrenden" des ersten Abschnittes (vgl. „bewohnbare Stadt" in Vers 4 und 36). Also das Ergebnis der Redlichen, die bereit sind, ( ine göttliche Hilfe dankbar anzuerkennen, also Rechtschaffene genannt zu werden verdienen. Bei dieser Wunderbetrachtung will die Nennung der „Geschlechter" in Vers 41 auf nationale Ereignisse anspielen, so daß Jas Volk im Gegensatz zu dem Bürger tritt. Mit dem letzten Vsrse, der eine allgemeine Ermahnung, in stark paränetischer Form, greift der Dichter vollkommen auf Vers 1 zurück. Ist doch hier wie zu Beginn des Psalmes von der Gnade Gottes und den göttlichen Gnadentaten die Rede. Das Wort „Chesed" :,G n a d e n t a t e n" erinnnert aber auch sehr — und dies sicher nicht ohne Absicht — den stets wiederkehrenden Dankver;, in oder nach welchem die Erlösten für die Gnade Gottes danken sollen, auch dort wird ja das Wort Chesed gewählt, ir- Vers 3, 15, 22, 29 wie in Vers 1 und 43. (Fortsetzung folgt.) Jüdisches Geiiiemdeleben Oesterreich. in Der in unserer Nummer vom 25. Dezember vorigen Jahres an leitender Stelle veröffentlichte Artikel „R e a 1 p o 1 itik" hat nicht nur in Wien, sondern auch in der österreichischen Provinz freudige Zustimmung ausgelöst. Die zahlreichen Zuschriften, die unsere Redaktion erhalten hat und die uns diese Zustimmung ausdrücken, sind ein Zeichen dafür, daß das jüdische Gemeindeleben allmählich wieder zu erstarken beginnt. Diese erfreuliche Tatsache ist auch in der Provinz zu konstatieren. Unter den vielen Schreiben, die wir aus dieser erhielten, wollen wir vor allem die folgenden zwei unseren Lesern zur Kenntnis bringen, weil sie in vortrefflicher Weise zwei verschiedene Seiten des jüdischen Lebens behandeln. Während sich die Zuschrift aus Graz, angeregt durch unseren Leitartikel, vor allem mit den politischen Voraussetzungen der Wiedererstarkung beschäftigt, weist die Zuschrift, die wir aus Linz erhalten haben, auf das wiedererwachende geistige und gesellschaftliche Leben hin. „Die Wahrheit" wäre für weitere Mitteilungen, die sich mit dem jüdischen Leben und Treiben in der österreichischen Provinz beschäftigen, sehr dankbar und würde sie von Fall zu Fall gerne veröffentlichen. * ... * Graz. Sehr geehrte Redaktion! Ihr in der am 25. Dezember v. J. erschienenen Nummer Ihres geschätzten Blattes veröffentlichter Aufsatz über „Realpolitik" hat lebhafteste Begeisterung in zahlreichen Schichten unserer Gemeinde geweckt und man konnte sehen, daß bei richtigem Zugriff die jüdischen Massen sich endlich bewußt werden, wohin die jüdischnationale Bewegung uns geführt hat. Es gibt heute hier unter den pflichtbewußten Juden keinen einzigen mehr, der sich nicht sagte, so geht es absolut nicht weiter. Wenn wir darum heute die Entwicklung unserer Gemeinde betrachten, müssen wir feststellen, daß es ein unverzeihlicher Fehler der braven und aufopferungsvollen Männer war, die Führung der Gemeinde plötzlich aufgetauchten Größen kampflos zu überlassen, die hernach fremdartige Politik inaugurierten. Es wird vieler Arbeit bedürfen, um die Kinder unserer einst blühenden Gemeinde zu bestimmen, das mühselig aufgebaute Erbe ihrer Väter wieder zu verwalten. Wie sollten sie auch Freude an einer solchen Arbeit haben, wenn sie sehen, daß die alten Institutionen notleiden und die tatsächlich außerordentlich tüchtige und brave Beamtenschaft zugrunde geht, weil alle Mittel nur für andere, sicher schöne Zwecke bereitgestellt werden. So z. B. weist der vor einigen Tagen erschienene Jahresbericht der zionistischen Ortsgruppe in Graz aus, daß im Jahre 1925 für den Palästinaaufbau nicht weniger als S 18.503 aufgebracht worden sind. Das ist der dritte Teil des Gemeindebutgets. Und das in einer Zeit schwerster wirtschaftlicher Depression! Für das nächstjährige Budget wird ein noch größerer Betrag für Palästinazwecke angefordert. W'ährend also die wichtigsten Belange der Gemeinde gedrosselt werden, die Ortsarmen in bitterster Not leben müssen, verarmten Existenzen, in unverschuldete Not geratenen Kaufleuten nicht mehr aufgeholfen werden kann, wandert das Geld nach Palästina. Welch verkehrter Standpunkt das momentan ist, mag man einer Zuschrift an die in Berlin erscheinende „Jüdisch-liberale Zeitung" vom 18. Dezember v. J. aus Hamburg entnehmen, die wir hier, weil sie den Nagel auf den Kopf trifft in extenso folgen lassen: „Die Propaganda für den Keren Hajessod wird 'hier sehr intensiv betrieben und ist zweifellos recht kostspielig. Ob sie Erfolge gehabt hat, ist angesichts der wirtschaftlichen Lage zu bezweifeln. Es gilt jetzt ja vielfach als rückständig, wenn man nicht für den Keren Hajessod begeistert ist. Es ist den Werbern abeir doch mehrfach bedeutet worden, daß man nicht verstehe, wo sie den Mut hernehmen, bei der wirtschaftlich schlechten Lage Deutschlands, von der die Juden besonders stark betroffen werden, Gelder für den Keren Hajessod, dessen Wert oder Unwert hier nicht besprochen werden soll, zu sammeln. Die wirtschaftliche Lage der deutschen Juden ist doch so schlecht, daß die Gelder zur Erhaltung ihrer eigenen Institutionen fehlen. Außerdem ist gerade der Mittelstand in diesem Jahre von den vielen Zahlungseinstellungen so betroffen worden, daß nur ganz wenige Familien vorhanden sind, die nicht Arbeitslose oder Notleidende in ihrer Mitte haben. Hier wird natürlich nur von solchen Familien gesprochen, die sich nicht an die öffentliche Wohltätigkeit wenden. Es ist wichtig genug, daß die deutschen Juden sich zunächst einmal selbst erhalten, bevor sie an ein Aufbauwerk außerhalb Deutschlands, sei es auch noch so wichtig, herangehen. Man kann nicht neue Häuser bauen wollen, wenn das eigene Haus zu zerfallen droht. „Brich dem Hungrigen dein Brot, richte auf die Gebeugten" bezieht sich vor allem auch auf den Nächsten im Lande. „Man kann die Chaltizim in Palästina, die dort aufbauen wollen, doch nicht in Not lassen" ist ein bekannter Einwurf der Werber. Gewiß nicht. Man kann aber nur helfen, wenn man allen seinen Verpflichtungen, die man seinen eigenen Familienmitgliedern und den deutschen Institutionen gegenüber hat, voll nachgekommen ist. Das werden nur wenige von sich sagen können. Aus den starken Bemühungen der Werber kann man nur den Schluß ziehen, daß der Keren Hajessod überorganisiert ist, auf großen Unkosten beruht und dringend Geld braucht. Für die Beschaffung von Geld ist nun gerade Deutschland ein sehr ungünstiger Markt, und die Leute, die mit diesen Ausführungen übereinstimmen, sollen auch den Mut haben, dieses zum Ausdruck zu bringen." Daß auch hier alles überorganisiert ist, kann man nicht allein aus den geradezu horrenden Ausgaben ersehen, die die verschiedenen Agitationsredner aus nah und fern beanspruchen, sondern auch aus den kostspieligen Drucksorten, die fast schon täglich uns zugeschickt werden. Während die alten Vereine, ja selbst die Kultusgemeinde nicht in der Lage ist, Rechenschaftsberichte aus Mangel an entsprechenden Mitteln auszugeben, betragen die Drucksorten der zionistischen Organisationen viele, viele Millionen. Nun kommen auch die hiesigen Juden langsam zur richtigen Erkenntnis, daß zuerst die Grazer Institutionen erhalten werden müssen. Erst dann wollen wir an ferneliegende Ziele denken, deren Wichtigkeit nicht bestritten werden soll. Aber so lange unser Haus zu verfallen droht, so lange keinen Groschen für andere Häuser. Aber nicht nur dies, sondern w i r wollen uns auch sonst als gute jüdische Oesterreicher fühlen, die wir uns einen ehrenvollen Platz in unserem Vaterlande zu erobern haben. Und weil Ihr trefflicher Artikel über „R e a 1- Politik" diesem unserem Sehnen entgegenkam, war er für uns eine Tat der Befreiung aus lähmender Lethargie. Wir hoffen, daß die nächsten Gemeindewahlen endlich die reinliche Scheidung bringen werden und die Kompromißpolitik im Interesse unserer Gemeinde ein Ende finden wird! D.