Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 2 (8.1.1926)
- Date
- 1926-01-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 ____ ____ DIE WAHRHEIT Nr, 2 pathisch sind. Diese Züge werden nun bei den Juden geradezu gezüchtet Und weiter: Sie lernten nicht befehlen, denn sie mußten stets auf der Hut sein vor brutalen Herren. Dadurch entstanden bei ihnen ganz ähnliche Eigenschaften wie bei der unterdrückten Frau: List, Schlauheit, Schauspielerei als Waffen. Zusammenfassend: Wir können den jüdischen Geist sehr wohl gebrauchen als Schleifstein, als dialektische Feinheit, als Witz, als psychologische Kritik. Aber das organischere, konkrete Denken der Deutschen muß natürlich führend bleiben. Reine Rassen sind ja überhaupt ein Wahn; längst ist jedes Volk hundertfach gemischt Die Theorie von den reinen Germanen ist wissenschaftlich völliger Unsinn. Suchen wir lieber den realen Menschen zu steigern, lebendige Kultur zu schaffen, ohne die Plumpheit eines unhaltbaren Vorurteiles. Literarischer Antisemitismus. Von Ernst Wilhelm Neumann (Berlin). In Deutschland gilt es in gewissen Kreisen als eine besonders schöne Geste, bei jeder sich bietenden Gelegenheit sein Deutschtum herauszustreichen. Merkwürdigerweise glaubt man dies am besten dadurch tun zu können, daß man auf die Juden heftig schimpft. So gilt jeder hierzulande als guter Deutscher, der für jedes Unglück, das über das Reich hereingebrochen ist, die Juden verantwortlich macht. Mögen sie hundertmal in den Zeiten der tiefsten Not wie alle anderen ihren Mann gestanden haben, entscheidend ist das nicht für die teutonischen Besserwisser. Man braucht jemand, dem man die Schuld in die Schuhe schiebt. Angesichts dieser Tatsachen erscheint es gar nicht weiter verwunderlich, daß sich auch eine literarische Richtung herausgebildet hat, die für die Beschwernisse und Nöte der Kunst, der Wissenschaft und der Dichtung wieder die Juden verantwortlich macht. Und auf diesem Gebiete finden sich! wiederum alle, die gerne etwas sein möchten, aber aus mancherlei geistigen Gründen nichts werdet! können, in traulichem Verein beisammen und machen, die Juden für ihre literarische Unbedeutendheit verantwortlich. Adolf Bartels wäre sicherlich schon zum literarischen deutschen Heros erhoben worden, wenn nicht die Juden wären und sich nicht soviel Nichtjuden finden würden, die in der Beurteilung Bartelsschen Schaffens mit den Juden übereinstimmten. Oho, ich höre den Einwurf, daß Bartels ja gar nichts geworden wäre, wenn nicht die Juden sein würden, auf die er schimpfen kann. Das ist aber auch nur jüdische Mache, denn Adolf Bartels hat auch Bücher geschrieben, in denen er nicht auf die Juden schimpft, die allerdings kein Mensch gelesen hat. Das ist aber wiederum nur eine jüdische Mache, denn diese Bücher sind — man kann das bei Adolf Bartels selbst lesen — von „hohem literarischen Werte." Einen besonders triftigen Gründl der es rechtfertigt, auf die Juden zu schimpfen, erblickt der literarische Antisemitismus darin, daß nach seiner Meinung fast alle größeren Zeitungen und Zeitschriften sich in jüdischen Händen befinden, die systematisch, absichtlich die jüngeren Talente unterdrücken. In den Redaktionen dieser * Blätter sollen nur Juden sitzen, die wohl ein jüdisches Talent zum Worte kommen lassen, nicht aber einen Christen, oder, was noch schlimmer ist, einen „Deutschen". Feuilleton Der Kastengeist. »Und es geschah in jenen Tagen als Mose groß war, ging er zu seinen Brüdern bin an 8 und sah ihre Lastarbeiten. ... * II, 2, 11 Pharaos, und wie der König, so das Volk. Alle waren sie Menschen mit steinharten Herzen, steif wie die Mumien, rätselhaft wie die Sphinxe, in Kasten geteilt und gereiht, deren Seelen- und Geistesleben, starr und kalt, in dem Glauben an die Seelenwanderung die Schichtung der Menschen und den Kastengeist über den Tod in die Ewigkeit fortsetzte. Darum ist es kein Wunder, daß die ägyptische Königstochter schon das eine Mal, da sie hinausgeht, um im Flusse zu baden, eine weltbewegende Entdeckung macht. Sie findet ein weinendes Kind, ein Kind von den Hebräern. Wäre sie nur öfter hinausgegan- Von jenem, edelsten Fürsten der Weltgeschichte, dessen'v gen, wäre der König hinausgegangen, sie hätten finden können Namen die Juden mit besonderer Dankbarkeit nennen dürfen, Viele weinende Männer und Frauen, ein ganzes Volk, weinend weü ihm die Menschheit die Abschaffung der Leibeigenschaft, fird seufzend. Aber der Kastengeist Aegyptens hat solches die Juden das Geschenk des Toleranzpatentes danken, wird erzählt, daß er von Zeit zu Zeit die Gemächer seiner Königsburg in schlichter Bürgerkleidung verlassen habe und sich unter die Bevölkerung zu mischen pflegte, um sich selbst zu überzeugen, was im Volke vorgehe, was seine Untertanen zu klagen hätten. Er wollte ein wahres, lebenstreues Bild seines Volkes gewinnen, um richtig und zweckdienlich helfen und bessern zu können. Vielleicht hat dieser Kaiser und Fürst der Menschlichkeit und Duldung jene Stelle der heiligen Schrift gelesen, die von Moses sagt: „Er ging hinaus zu seinen Brüdern und sah ihre Lastar^eiten." Obwohl Moses im Palaste Pharaos weilte, verließ er ihn, um das Elend und die Arbeit Israels zu sehen. Auch jener Fürst ging hinaus, nach seinem Volke zu sehen und hat darin seine ganze Regierungsweisheit geoffenbart In der ganzen Geschichte von der Knechtschaft Israels in Aegypten oder im Berichte von dem Befreiungswerke ist aber nirgends zu lesen, daß Pharao seinen Thron und Palast verlassen hätte, um nach dem Volke zu sehen. Er residiert in seinem Palaste, regiert von seinem Palaste und draußen, weitab seufzt und schmachtet, hungert und leidet ein Volk. Er sieht es nicht, hört es nicht. Denn er war König von Aegypten, dem Lande der Pyramiden und Obelisken, der Sphinxe und Mumien, dem Landes des Totenkults und der Kasten. Wie die Steine die Wahrzeichen des Landes waren, so -waren sie es auch für die Menschen. Verhärtet war das Herz Verboten. Jeder blieb in seinem Kreise, in seiner Kaste, getreu dem Wahrzeichen Aegyptens, der Pyramide. Denn eine Pyramide ist ein Bau aus Stein, in mächtiger Höhe, in gewaltiger Stärke, undurchdringlich und unzerstörbar; im tiefsten, Innern dieses Baues ist eine kleine Kammer, in die kein Sonnenstrahl, kein Hauch des Lebens dringt, die Grabkammer, in der ein Toter liegt, ein toter ägyptischer König. Wie im Tode, so ins Leben! Sie waren Pyramiden-Menschen; im Innersten die Herzkammer, in die kein Sonnenstrahl drang, kein Hauch des Frühlings hineinwehte, wo nur ein kalter, stummer Toter lag! Aus diesem Volke der Aegypter führt Moses sein Volk. Die erste Ursache, die Moses zu dieser Tat veranlaßte, steht in der Geschichte geschrieben: „Moses ging hinaus zu seinen Brüdern" und „er ging hinaus am zweiten Tage". Zweimal hat Moses den königlichen Palast verlassen und ist zu seinen Brüdern gegangen und zwei große Erfahrungen hat er gemacht: „Er sah, daß kein Mann da war"; es fehlte an Männern, die Herz und Hand haben und zweitens: „Siehe, zwei hebräische Männer stritten"; diese Menschen konnten in ihrem Elend, in ihrer Not noch untereinander streiten und hadern. Solcher Zustand war die Folge des Landes, in dem sie unglückliche Sklaven waren. Der Kastengeist Aegyptens hatte auch sie erfaßt. Sie konnten nicht männlich zusammenhalten, miteinander fühlen und denken. Jeder lebte für sich, sorgte für sich, hielt sich für den ersten und duldete keine Autorität; niemand ließ