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Die Wahrheit · 1926-01-08 · Heft 2 (8.1.1926) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 2 (8.1.1926)
Date
1926-01-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Österreichische Wochenschrift für ihdisdie inieressen Mil dem Beihlatt: Iferöüeriilichungen der ..Union deutschösterreidiisiher Joden* Redaktion und Administration: Wien 11.. HeinestraOe 13. - Fernruf 42-2-16 XL1I. Jahrgang Wien, 8. Jänner 1026 Nummer 2 ilassenantiseiuitisraus. Die Redaktion des Prager unabhängigen Organs für öffentliche Fragen „Die Wahrheit" hat sieh zur Beantwortung €er nach wie vor so akuten Frage: „W a s halten Sie vom Rassen-Antisemitismus?" die unwidersprochen eines der brennendsten und drängendsten Zeit- Probleme ist, an verschiedene maßgebende Persönlichkeit gewendet und gibt in ihrer auch sonst ausgezeichneten Dezembernummer die sehr charakteristischen Antworten , wieder. Heinrich Mann: Was soll man noch sagen zu einer Frage, in der Erkenntnis nicht entscheidet, sobald Neigung und Glauben es anders beschließen? Wer den Juden grundsätzlich für den Quell des Uebels hält, ist nicht daran zu hindern. Er muß nur verhindert werden, seine irrigen Grundsätze in die Tat zu verwandeln. Wer an Rassen-Antisemitismus überhaupt noch glaubt, mag dadurch selig werden. Er wäre auch ohne diesen Glauben schwerlich klüger. Er hat Herkunft und Mechanismus der neueren Gesellschaft -nicht begriffen, wird sie nie begreifen und sucht daher in seiner Not nach „Schuldigen", wo nur Menschentypen sind, die sich mehr oder weniger anpassen. Wozu mit ihm verhandeln? Der Nationalismus ist samt seiner antisemitischen Ergänzung geistig längst erledigt. Er wirkt nur in den Tatsachen plump körperlich noch nach und wird dank dem Beharrungsvermögen, das gerade seine Anhänger kennzeichnet, selbst in einer künftig bis zur Unkenntlichkeit veränderten Welt ohne jeden Zusammenhang mit ihr noch spuken. . Wilhelm Schäfer: In meiner Schrift (Verlag Georg Müller, München) habe ich mich über „Die deutsche Judenfrage" ausgesprochen. Im übrigen habe ich das Vertrauen verloren, daß in dieser Frage Redlichkeit noch etwas vermag. (Den Standpunkt des völkisch eingestellten, aber objektiv «lenkenden bekannten Schriftstellers haben wir bereits in Nr. 43 des vorigen Jahrganges der „Wahrheit" durch einen Abdruck aus der in seinem Schreiben erwähnten Schrift unseren Lesern wiedergegeben.) Siegfried Jacobsohn: Was ich vom Rassen-Antisemitismus halte? Es war in einem deutschen Nordseedorfe. Auf den Strandburgen wehten schwarz-weiß-rote Fahnen; auf keiner eine schwarz-rot-goldene; auf einer eine Hakenkreuzfahne. Dem Besitzer, von dessen Antisemitismus die Leute sich Wunderdinge erzählten, ging man begreiflicherweise aus dem Wege. Da wurde ein Ostjude, ein unverkennbarer, plötzlich so krank, daß keine Zeit, mehr war, eine Stunde weit zum Badeärzte der Inselhauptstadt zu schicken. Also bat man einen — politisch neutralen — Sanitätsrat unter den Kurgästen. Der lehnte ab: er sei zu seiner Erholung hier und nicht, um dem konzessionierten Som~ merkollegen die Saisonkunden wegzufangen. Esblieb nichts übrig, als sich an den anderen Arzt unter den Kurgästen zu wenden: an den Hakenkreuzler. Der kam auf der Stelle. Er behandelte diesen Ostjuden.-Er pflegte ihn. Er saß stundenlang bei ihm. Und verweigerte schließlich die Annahme eines Honorars. Was ich vom'Rassen-Antisemitismus halte? Wenn er sich so äußert, bin ich dafür, bis auf weiteres für ihn zu sein. Jakob Wassermann: Was ich vom Rassen-Antisemitismus und von dieser Zeitkrankheit überhaupt halte, bildet den Inhalt meiner autobiographischen Schrift, und da ich im Kleinen nicht zu wiederholen vermag, was ich im Großen dort ausgeführt habe, muß ich es bei dieser Antwort bewenden lassen. (Die Erfahrungen des Dichters auf dem Gebiete des Antisemitismus sind besonders reichhaltig und aufschlußreich; er hat sie in seiner Schrift von der er oben spricht, „Mein Weg als Deutscher und als Jude", niedergelegt.) Prof. Dr. A. Forel: Man bombardiert mich von allen Seiten mit Anfragen; ich kann nicht mehr. Schreiben Sie einfach folgendes: „Ich halte den Antisemitismus für einen ebenso blödsinnigen als ungerechten affektiven Wahnwitz. Es gibt gemeine Juden und hochethische Juden, wie bei allen Menschen." Rudolf von Delhis: Der Antisemitismus ist vor allem eine außerordentliche Plumpheit. Ein sehr fein verschlungenes Gewebe soll durch Zubauen mit einem Besenstiel korrigiert werden. Denn das Semitentum ist ein Bestandteil unserer ganzen Kultur geworden (von der Bibel an), der völlig unlösbar mit anderen Teilen verschmolz. Stellen wir den jüdischen Geist lieber an seinen richtigen Platz, daß er ein Reizmittel und eine Würze sei für den germanischen Geist. Anderseits: Um so freier die Juden werden, desto mehr werden sie sich differenzieren. Der feste Typ entstand eben doch nur durch die erzwungene Sonderstellung. Der beste Beweis hierfür sind di» spanischen Juden, die ganz „unjüdisch" wirken. Die ruhige Vornehmheit Spinozas etwa, seine völlige Bedürfnislosigkeit und Verachtung des Geldes. Heute Alfred Mombert, der reinste innerlichste Lyriker, der mit Verzicht auf jede Reklame abseits und stolz seinen einsamen Weg geht. Die Juden werden genötigt, Geschäftsleute zu sein und der Typus des Geschäftsmannes hat an sich manche Züge, die im Gesellschaftsleben wenig sym-

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