Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 1 (1.1.1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 1 DIE WAHRjHErr Seite 9 Oesterreichs Jüdische Jugend | Generalversammlung der Jugendgruppe der Union deutschösterreichischer Juden. Am 17. Dezember v. J. fand in den Räumen der „Union", IX., Berggasse 4, die diesjährige ordentliche Generalversammlung der „Jugendgruppe der Union deutschösterreichischer Juden" statt, die einen bemerkenswerten Verlauf nahm. Herr Jakob Herz-Kuczer eröffnete die Generalversammlung und begrüßte die Anwesenden, darunter für den Zentralvorstand der „Union" Vizepräsidenten Karl Fröhlich und für die Propagandasektion die Beiräte Julius Brückner und Mor. Neumann, ferner den Gesamtansschuß und die zahlreich erschienenen Mitglieder. Sodann überbrachte Herr Vizepräsident Karl Fröhlich der Jugendgruppe die Grüße des Zentralvorstandes und gab der Freude darüber Ausdruck, daß die Ideen und Bestrebungen der „Union" in den Herzen so vieler junger Leute Wiederhall fänden. Er gab schließlich die Versicherung, daß der Zentralvorstand alles tun wird, um die Bestrebungen der Jugendgruppe zu unterstützen. Hierauf verliest Herr Hans Kar eis den Statutenentwurf, welcher einstimmig genehmigt wurde. Nunmehr ergreift Herr Oskar Hirschfeld das Wort zum Rechenschaftsbericht. „Er begann mit dem Tage, da über Initiative der Propagandasektion der „Union", geleitet von den Herren Julius Brückner, Dr. Edmund Korn und Mor. Neumann, einige junge* Juden den schon lange bestehenden Wunsch nach einer Vereinigung, der die jüdische Jugend Oesterreichs erfüllte, durch die mit Genehmigung des Zentralvorstandes der „Union" erfolgte Gründung der Jugendgruppe verwirklichten. Diese Gründung wurde insbesondere durch Herrn Jakob Herz vorbereitet, dem es, unterstützt von seinen Mitarbeitern, gelang, trotz Kürze des Bestandes der Jugendgruppe dieser eine große Anzahl von Mitgliedern zuzuführen, so daß bereits anfangs Februar des heurigen Jahres die konstituierende Generalversammlung stattfinden konnte. Sie galt der Wahl der Funktionäre. Mit dieser Konstituierung wurde der Verein seinem Zwecke, der Entfaltung einer lebhaften Propagandatätigkeit, nähergerückt und diese setzte nun mit aller Kraft ein. Als Propagandamittel dienten Veranstaltungen wissenschaftlicher und politischer, geselliger und sportlicher Natur. In vereinspolitischer Hinsicht kommt vor allem bis zum Herbst dieses Jahres, wo sich eine Neugestaltung der Dinge vollzog, die Teilnahme unseres Schriftführers Benno Low an einem Ausflug des Präsidiums der „Union" nach Wiener-Neustadt in Betracht, die deshalb erfolgte, um die Fühlung mit der Mitgliedschaft in der Provinz enger zu gestalten und zu vertiefen-. Bei der damit verbundenen Jahresversammlung der dortigen „Union"-Mitglieder referierte unser Schriftführer über die Bildung der Jugendgruppe und setzte die Ziele dieser Neugründung mit lebhaften Worten auseinander. Dieser Vortrag hat uns einen schönen moralischen und durch den Beitritt einiger Mitglieder auch einen materiellen Erfolg eingetragen. In wissenschaftlicher Hinsicht verzeichnen wir einige Vorträge seitens hierzu Berufener, so insbesondere gelegentlich unserer Purimfeier den lichtvollen Vortrag seiner Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. J. M. B ac h über Purim, in dem er dieses Fest und die ihm zugrundeliegende Legende von ganz neuen Gesichtspunkten beleuchtete. In geselliger Hinsicht sind zu jener Zeit und auch heute noch schöne Leistungen unseres Klubs zu verzeichnen. Hier gebührt ein Wort des" Dankes demjenigen, dem das Gelingen unserer schonen Veranstaltungen vor allem zu danken ist, Herrn Mor. Neumann, der, unterstützt von einem Vergnügungsausschuß, sich die größten Verdienste um unsere Sache erworben hat. So verzeichnen wir mit größter Befriedigung die in gesellschaftlicher, aber auch in finanzieller Beziehung volle Erfolge darstellenden großen Veranstaltungen, die Neuerscheinung im Wiener Ball-Kalender, den Union- Ba 11 am 21. Februar und unseren großen Festabend mit Akademie und Tanz am 7. November. Der Großteil des Reingewinnes unserer nächsten größeren Veranstaltung (am. 2. Februar 1926 in den Olympiasälen) soll dem Merores- Waisenhaus zufließen. Aber auch unsere kleinen Abende in der Form von Tanzsoirees dürfen nicht unerwähnt bleiben, waren doch diese intimen Veranstaltungen insbesondere dazu geeignet, uns neue Mitglieder zu gewinnen. Alle diese unsere Betätigungsgebiete führten uns vor allem neue Mitglieder zu, so daß deren Stand heute sich auf über hundert beläuft. Dies war die Entwicklung der Dinge bis zum Beginn des Oktobers heurigen Jahres, da der Ausschuß unserer Vereinigung die Notwendigkeit erkannte, in der heurigen Saison in verstärktem Maße in vereinspolitischer Beziehung tätig zu sein. Es wurde zu diesem Zwecke..vor allem der Ausschuß reorganisiert. Dann gingen wir an die Schaffung des Programmes, das wie auch alle anderen ähnlichen Arbeiten von einem Redaktionskomitee, bestehend aus den Herren Dr. Benno Tennet, Hans Kareis und Oskar Hirschfeld, entworfen wurde. Dieses Programm besagt in Kürze folgendes: Wir sind junge deutsch© Juden Oesterreichs und bekämpfen aus dieser unserer Einstellung den Antisemitismus, lehnen aber auch den jüdischen Nationalismus entschieden ab. Dieses Programm eröffnete zugleich eine publizistische Neuerung, nämlich die Jugendbeilage der „W a h r h e i t", in der außer unseren Vereinsmitteilungen auch insbesondere die Stellungnahme von Mitgliedern unserer Vereinigung zu den einzelnen im Aufruf angedeuteten Problemen erfolgt. Dieser unser Aufruf hat, wie wir zu unserer besonderen Freude feststellen können, nicht nur bei denjenigen, an die er sich wendet, sondern auch vor allem in den der „Union" nahestehenden Kreisen starken Wiederhall gefunden. Als besondere Auszeichnung müssen wir es empfinden, daß der verehrte Präsident der „Union" Dr. Jakob Ornstein, ihn in einer unserer Veranstaltungen zum Gegenstand längerer und zustimmender Erklärungen machte. Als weitere Arbeiten des gleichen Redaktionsausschusses kommen die Geschäftsordnung des Ausschusses und die Statuten in Betracht. Durch den Zustrom von Akademikern, insbesondere von solchen, die bereits einer demokratischen Hochschülervereinigung angehören, ist es uns gelungen, der Frage des Hochschulantisemitismus unser besonderes Augenmerk zu schenken, und diesem leidigen Problem war auch das Referat des leider durch Krankheit verhinderten Herrn Dr. Tennet bei der großen „Union"-Versammlung im II. Bezirk gewidmet für deren Zustandekommen wir wohl einen gewichtigen Teil 'füglich beanspruchen dürfen. In der überfüllten Versammlung, deren schöner Verlauf noch allen in angenehmer Erinnerung ist, waren ungefähr 20 Prozent der Anwesenden Mitglieder der Jugendgruppe oder zumindest durch dieselbe eingeladen. Dies spricht wohl beredt genug für unsere Werbekraft. Redner warf noch einen kurzen Ausblick auf ein vor kurzem betretenes Arbeitsgebiet, nämlich den Kontakt mit den gleichgesinnten Vereinigungen des Auslandes. Wir haben hier vor allem unsere jungen Glaubensbrüder in Deutschland, die Jugendvereine des Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens im Auge, denen an dieser Stelle unser brüderlicher Gruß entboten sei, hoffend, daß das von uns gewünschte Zusammenarbeiten auch bei ihnen Wfederhall finden werde. In diesem Zusammenhange sei auch unseres einstimmig gefaßten Beschlusses gedacht, der die Haltung des Zentralvorstandes der „Uniion" in der von jüdischnationaler Seite aus parteipolitischen Gründen in niedriger Weise ausgeschroteten ungarischen Frage restlos billigte." Nachdem der Tätigkeitsbericht unter lauter Akklamation genehmigt worden war, erstattete Herr Rudolf J e 11 i n e k den Kassabericht, aus dem die erfreuliche Tatsache hervorgeht, daß die Bemühungen der Jugendgruppe auch in finanzieller Hinsicht erfolgreich gewesen sind. Auf Antrag des Revisors Richard Donath erteilte die Generalversammlung dem Ausschuß das Absolutorium. Als nächster Punkt stand; die Wahl des Präsidiums auf der Tagesordnung, wobei durch eine Umgruppierung der starken beruflichen Inanspruchnahme des bisherigen Vorsitzenden Jakob Herz-Kuczer in der Weise Rechnung getragen wurde, daß er zum Obmann gewählt wurde, während mit dem Vorsitz Herr Dr. Benno Tennet und mit dessen Stellvertretung Herr Hans Kareis betraut wurde. Die Wahl der übrigen Ausschußmitglieder, die ebenfalls einstimmig erfolgte, hatte folgendes Ergebnis: 1. Schriftführer: Benno Low; 2. Schriftführer: Dr. Franz Josef Weiß; Kassier: Richard Donath? Revisor: Rudolf J e 11 i n e k: ferner gehören dem Aussehusse an: Redakteur Oskar Hirschfeld und als Beiräte Präsident Dr. Jakob Ornstein, Vizepräsident Karl Fröhlich und Dr. Josei T i c h o seitens des Zentralvorstandes, die Herren Julius Brückner, Dr. Edmund Korn und Mor. N e u m a n n seitens der Propagandasektion. Obmann Jakob Herz dankt herzlichst im Namen der Gewählten sowie im eigenen Namen für die Wiederwahl. Herr J e 11 i n e k stellt den Antrag, die Mitgliedsbeiträge mit 2 Schilling für ordentliche und 4 Schilling :\ir fördernde Mitglieder festzusetzen, welcher Antrag einstimmig angenommen wurde. Mit nochmaligem Dank an alle Erschienenen schließt Obmann Jakob Herz die General» Versammlung.