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Die Wahrheit · 1926-01-01 · Heft 1 (1.1.1926) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 1 (1.1.1926)
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Dieses Geständnis des Ukrainers gab die Begründung der Tat — Protest gegen die polnischen Unterdrücker — und eine solche Begründung der Tat war bei Steiger nicht zu ermitteln; erklärlicherweise. Die Tatsache der Verhaftung Olszanskis an der deutschen Grenze wurde auch in Polen bekannt; aber der Staatsanwaltschaft dort schien es nicht geboten, diesen ukrainischen Spuren nachzugehen; sie war zufrieden, Steiger in ihren Fängen zu haben. Genau wie im Dreyfus-Prozeß war in kurzem alle Welt, die sich mit der Angelegenheit beschäftigte, von der Unschuld Steigers überzeugt, und ebenso von der Stichhaltigkeit der Angaben Olszanskis — nur die Staatsanwaltschaft in Lemberg bequemte sich nicht zu diesem Standpunkt. Die führenden Personen der ukrainischen Kolonie in Berlin, deren Lage eine schwierige war, haben dann in durchaus korrekter Weise sich schließlich zu dem Entschluß durchgerungen, als eine Verurteilung Steigers in den Bereich der Möglichkeit rückte, nochmals in Uebereinstimmung mit Olszanski, diesen zu entsprechenden Erklärungen über seine Tat vor der deutschen Polizei und! vor ministeriellen Amtspersonen zu veranlassen. Olszanski machte nochmals dieselben Aussagen, die er vor den Grenzpolizisten und vor dem Richter in Beuthen gemacht hatte, und diese Aussagen wurden hierauf vom Auswärtigen Amt in Berlin nach Warschau und von der polnischen Regierung von Warschau nach Lemberg an das Gericht übermittelt Die Lemberger Polizei war freilich nicht zu überzeugen, und' einer ihrer erleuchteten Vertreter machte im Gerichtssaal die tiefsinnige Bemerkung: Olszanski sei in Lemberg niemals in irgendeiner Wohnung gemeldet worden: folglich sei er überhaupt nicht in Lemberg gewesen. Eine Polizei, die verlangt daß politische Attentäter ihren Aufenthalt polizeilich anmelden, ist den unsterblichen shakespeareschen Polizisten an die Seite zu stellen. Als Ergebnis konnte sich von zwei Möglichkeiten schließlich nur eine ergeben. Freispruch von Steiger, wenn die Geschwornen die Wahrheit erkennen wollten, Verurteilung von Steiger, wenn die antisemitischen Leidenschaften und der enge Geist Lemberger Provinzialvoreingenommenheit und partikularer Selbstherrlichkeit triumphierten. Europäische Vorurteilslosigkeit hat den Sieg davongetragen, zugleich dank der hingebenden Tätigkeit der Verteidiger; und dem Zolaschen Satz beim Dreyfus - Prozeß: La verite est en marche, kann man heute den Satz hinzufügen: Unabhängige leidenschaftslose Gerechtigkeit nimmt Besitz auch von den östlichen Staaten Europas; freilich hat ein Unschuldiger länger als ein Jahr unter Todesdrooung im Gefängnis verbringen müssen. Daß die Antisemiten Polens den Versuch machen werden, ihre Leidenschaften nach dieser Enttäuschung in Pogromen austoben zu lassen, ist nicht ganz unwahrscheinlich. Der polnischen Regierung würde alsdann die Aufgabe zufallen, auch ihrerseits den Beweis zu erbringen, daß Polen zu Europa gehört Es ist aus vielen Gründen nicht zu bezweifeln, daß dieser Beweis nötigenfalls erbracht werden würde. Diplomatische Berichte über Isak Noa Mannheimer anläßlich seiner Anstellung in Wien, Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. (Fortsetzung.) Aus Hamburg langte vom Minister-Residenten Freiherrn v. Binder folgendes Schreiben ein: Ifambiuirg, 10. Dezember 1825. Durchlauchtig hochgeborener Fürst! Ich habe die Ehre, den Empfang Hochdero Reskripts vom 24. November zu bestätigen und bin heute in den Stand gesetzt, folgende zuverlässige Notizen und Berichtigungen über den in Frage stehenden israelitischen Prediger Isak Noa Mannheimer Ew. gehorsamst vorzulegen. Erwähnter Isak Noa Mannheimer war bis 1823 k. dänischer Katechet für 'Kopenhagen und die Umgegend, legte aber seine Stelle nieder, um einem Ruf als Prediger bei der Synagoge in Berlin zu folgen, von welchem Amte er sich einen günstigen Erfolg seines Eifers zum Nutzen seiner Glaubensgenossen versprach. Nicht sein Kontrakt lautete auf fünf Jahre, sondern eine Bedingung bei seiner Ausstellung war, daß im Falle der israelitisch-deutsche Gottesdienst eine unvorhergesehene Störung erleiden sollte ihm auf fünf Jahre sein Gehalt gesichert würde, weil er eine feste Stellung gegen eine unsichere vertauschte und es unter solchen Umständen nicht gewiß wäre, wie bald er eine neue Anstellung finden würde. Die Störung des israelitisch-deutschen Gottesdienstes erfolgte auch wirklich ein halbes Jahr nachher, als Isak Noa Mannheimer seine Predigerstelle in Berlin versehen hatte, ohne daß er Veranlassung dazu gegeben haben soll, weil er nicht allein wegen seines persönlichen Charakters uind Betragens die Achtung seiner Glaubensgenossen hatte, sondern auch wegen seines Rednertalentes von der orthodoxen Partei, welche seine Predigten fleißig besuchte, sehr geschätzt war. Der deutsch-israelitische Gottesdienst, welcher weder modern ist, noch anstößige Innovationen hat und sich bloß dadurch unterscheidet, daß er sich der deutschen Sprache, statt der bisher üblichen, aber unverständlichen hebräischen, bedient, ist weder von ihm ausgegangen, noch in Berlin angeordnet worden, da derselbe schon seit zehn Jahren daselbst stattgefunden und von Seite der Gemeindevorsteher in die Hauptsynagoge nach Beendigung des alten, gewöhnlichen Gottesdienstes eingeführt worden war. Die Aufhebung dieses Kultus ist nicht nach einer vorhergegangenen Untersuchung der preußischen Regierung erfolgt da derselbe von dem Minister Schinkmann nicht nur gebilligt, sondern unbedingt autorisiert war, sondern eine unmittelbare Kabinettsorder des Königs verbot mit Uebergehung des Ministeriums die fernere Ausübung desselben. Nachdem auf diese Weise für Isak Noa Mannheimer der als möglich gedachte Fall eingetreten war und demselben vorläufig in Berlin nichts zu tun blieb, ging er nach Hamburg, woselbst seine Verlobte wohnte und lebte hier ganz zurückgezogen. Er hatte nie um eine Anstellung in dieser Stadt angesucht, weil bei dem hiesigen neuen Tempel ohne- * «

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