Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 1 (1.1.1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. l DIE WAHRHEIT Seite 5 Mann namens Steiger und! eine Ballettänzerin namens Pasternak, die nahe beieinander gestanden hatten, um die Vorbeifahrt des Präsidenten zu sehen, und die dann gemeinsam, freilich ohne sich " zu kennen, flüchteten und in demselben Hausflur Schutz suchten. Fraulein Pasternak scheint tatsächlich und gutgläubig im ersten Schrecken den Eindruck gehabt zu haben, daß der ihr Zunächststehende, nämlich Steiger, die Bombe geworfen habe. Sie sagte anderen Geflohenen — und das wird von einer Reihe von Zeugen bestätigt: „Es scheint mir, daß dieser Mann" — nämlich Steiger — „derselbe sei, der die Bombe geschleudert hat." Immer nur sprach sie zu Anfang eine Vermutung aus; es scheine ihr, daß Steiger der Attentäter sei; so die Aussage einer ganzen Reihe von Zeugen, mit denen sie unmittelbar nach dem Ereignis sprach. Es läßt sich somit nicht das geringste dagegen sagen, daß die Lemberger Polizei auf diese Angabe hin Steiger sofort verhaftete. Jetzt trat der Umschwung ein. Hatten die Lemberger Polizeiorgane den Anschlag weder so rechtzeitig aufgespürt, um ihn überhaupt zu verhindern, noch ihn in der Ausführung durch eine Schutzkette um den Präsidenten unmöglich gemacht, so hatten sie doch wenigstens so forsch und so schnell zugegriffen, daß der „Verbrecher", kaum war das Verbrechen begangen, auch schon in ihren Händen war. Es war begreiflich, daß sie keine Neigung hatten, sich die „Beute" wieder entreißen zu lassen, und der rettenden Heldin, Fräulein Pasternak, wäre auch nicht damit gedient gewesen, ihre große Rolle wieder abzugeben. Es scheint durchaus nicht, daß sie bewußt ein falsches Zeugnis später abgelegt hat, wenn sie aus diesem „es scheint" alsdann die positive Behauptimg formte: Steiger hat die Bombe geworfen. Die Polizei drängte auf diese Aussage; die Beamten suggerierten diese Aussage. Was hatte sie 'denn gesehen? Es wurde aus ihrem Vorleben durch Zeugen festgestellt, daß sie hysterisch, daß sie exzentrisch sei, und auf dem schmalen Pfade zwischen „scheint" und „hat" kam sie so unmittelbar zu der sicheren Behauptung: Er hat ... er schleuderte die Bombe. Polizisten der Staatspolizei, die den ersten Vernehmungen der Pasternak beiwohnten, bezeugen ihrerseits diese allmähliche Umformung ihrer ersten Aussagen. So schien man denn den Attentäter zu haben, und man hatte die erste Zeugin für die Tat. Zu einer Tat gehört bei Menschen mit fünf gesunden Sinnen noch eines, und zwar unabänderlich, ganz unabänderlich: nämlich die Motive, die zu einer so furchtbaren Tat, wie es der Versuch eines Mordes ist, führen. Man suchte natürlich auf das eifrigste nach diesen Motiven; sie fanden sich nicht; sie ließen sich nicht finden. War Steiger 'Kommunist, war er Anarchist? Nichts ergab sich; hatte er Anlaß zu persönlicher Feindschaft gegen den Präsidenten? Kein Anhaltspunkt hierfür. Steiger erklärte offen, er sei Zionist, und er gehöre einer in voller Offenheit sich betätigenden zionistischen Organisation in Lemberg an; aber was hat der Zionismus mit der Person des Präsidenten von Polen zu tun? Nichts, gar nichts. So hatte man denn eine angeblich durch eine Zeugin beobachtete Tat; aber es gab kein begreifliches Motiv für diese Tat; nicht einmal theoretisch hätte sich diese Tat begreifen lassen. Und endlich wurde durch eine Reihe von Zeugen erwiesen, daß Steiger den Tag des Attentats vom frühen Morgen an in der harmlosesten Weise verbracht hatte, und daß er für den Abend eine Verabredung hatte, mit seiner Verlobten ins Theater zu gehen; auch ein merkwürdiger Vorsatz für einen Menschen, der auf Mord ausgeht, den Tag so abzuschließen. Im Verlaufe des abschließenden öffentlichen Prozesses tauchte dann noch eine Zeugin auf; aus Wien reiste eine Frau Lodl zu und erklärte, sie habe dasselbe gesehen wie Fräulein Pasternak. Warum sie erst jetzt nach fünf Vierteljahren komme, konnte sie nicht erklären; bei der Konfrontation der Lodl mit der Pasternak ergaben sich die ärgsten Widersprüche und Verwirrungen, die nicht auszugleichen waren, und der Bruder der Lodl erklärte von seiner Schwester, sie habe den „Ruf einer alten Plapplerin". Mit dieser Zeugin, die nach vierzehn Monaten auftauchte, war für die Aufklärung des Prozesses nichts anzufangen. Also folgendes Ergebnis: Zwei Belastungszeuginnen, von denen die eine zunächst eine Vermutung uaid nichts als eine Vermutung ausgesprochen hatte, die sie dann zu einer positiven Behauptung umgestaltete; dies durch Zeugen erhärtet; und eine zweite Zeugin, die von ihrem eigenen Bruder und der Verwandtschaft nicht ernstgenommen wird 'Uind die ihre wichtige Beobachtung länger als ein Jahr für sich behält, und endlich ein Täter, für dessen angebliche Tat sich ein Motiv absolut nicht ermitteln läßt; und das ist das Entscheidende: Eine Tat ohne auffindbares Motiv. * * * Von einer anderen Seite kam Licht in das Dunkel, das um das Attentat gelagert war. & * Am 2. Oktober 1924 überschritt die preußische Grenze von Polen aus ein jüngerer Mann ohne Papiere. Die Grenzpolizei nahm ihn, wie üblich, fest. Und er erklärte nun bei dem Verhör, er sei Ukrainer; er sei aus Polen geflohen, da er das Attentat in Lemberg auf den polnischen Präsidenten ausgeführt habe; und er verlange als politischer Flüchtling Schutz; er heiße Theophil Olszanski. Die Grenzpolizei verhaftete ihn und führte ihn nach Beuthen, wo er zunächst ins Gefängnis kam. Dort wurde er richterlich vernommen und gesetzmäßig: wegen Grenzüberschreitung ohne Papiere zu einer kleinen Freiheitsstrafe verurteilt und ebenso gesetzmäßig als politischer Flüchtling freigelassen. Olszanski ging dann, was er sogleich der Grenzpolizei erklärt hatte, zu Freunden nach Berlin, und hier gab er nochmals an amtlicher Stelle zu Protokoll, daß er als Emissär des ukrainischen Militärkomitees die Bombe in Lemberg geworfen habe, um gegen die Vergewaltigung der Ukraine durch Polen zu protestieren.