Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 1 (1.1.1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIB WlAffKrlTO Nr. 1 päischen Unterrichts min isters ein bezeichnendes Licht wirft. Graf Klebelsberg behauptete, der Numerus clausus, der sich bekanntlich nicht gegen die Juden richte, habe den „Zweck, die Heranzüchtung (Züchtung, Rasse: alles Ausdrücke, die sich für einen Schweinezüchter besser eignen würden denn für einen Unterrichtsminister) eines geistigen Proletariates zu verhindern, da Leute, die ein Diplom erworben haben und dann im Erwerbsleben keine Stellung finden, durch ihre Unzufriedenheit zum Sauerteig revolutionärer Gärungen werden." Nach dieser Auffassung wäre also Unbildung ein sicheres Vorbeugungsmittel gegen revolutionäre Ansteckung und Mangel an wissenschaftlicher Erkenntnis und geistiger Kultur würde gegen jedwede Umsturzgelüste immun machen. Demnach müßte jede Politik, die revolutionäre Gefahren von einem Staate fernhalten wollte, darauf gerichtet sein, das Volk in Unwissenheit zu belassen, seine Bildung auf ein Mindestmaß zu beschränken und jede Aufklärung zu verhindern, weil diese gleichbedeutend wäre mit „revolutionärer Verseuchung". Dies ist auch die Politik der Regierungen während des Mittelalters und bis spät in die Neuzeit hinein gewesen, dies war das Streben Bachs und Metternichs und aller reaktionären Politiker ihrer Zeit, dfe nichts so gehaßt haben wie die Schule. Es ist die gleiche reaktionäre Politik, welche Ungarn ins Mittelalter zurückstoßen will und die Errungenschaften der liberalen A e r a, welche Ungarn groß und frei gemacht haben, verachtet. Diese Politik schadet nicht allein der jüdischen Bevölkerung Ungarns, sondern dem Ansehen, welches das Land in der Welt genießt. Will Ungarn wieder groß werden und innerhalb der Nationen eine geachtete Rolle spielen, dann muß es die Tradition jener Zeit wieder aufnehmen, allen Bürgern gleiche Rechte zuerkennen, sowie diese ihre Pflichten gegenüber dem Staat in gleicher Weise erfüllen. Dann wird es keine „Judenfrage" mehr in Ungarn geben und keinen Numerus clausus an seinen Hochschulen, dann werden auch die Nachbarstaaten keinen Vorwand finden, um die durch den Friedensvertrag ihnen zugesprochenen ungarischen Volkskreise zu entrechten. Solange aber Ungarn seinen eigenen Staatsbürgern die gleichen bürgerlichen! Rechte vorenthält, hat es nicht das moralische Recht, über die Bedrückung seiner Volksgenossen in anderen Ländern Klage zu führen. Dies alles zeigt, welche Bedeutung die „Judenfrage" für Ungarn besitzt und warum sie im Mittelpunkte des Interesses aller am Wohlergehen dieses Landes interessierten Kreise steht. Wenn es daher der ungarischen Judenschaft, an deren Spitze so bedeutende Männer stehen wie Paul Sandor, Wilhelm Vaszony, Bela Fabian und andere, gelingen sollte, die Abschaffung des Numerus clausus aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln zu erkämpfen, dann werden sich unsere wackeren ungarischen Giaubensbrüder nicht nur um ihr eigenes Land, sondern um den Fortschritt und die Freiheit ein großes Verdienst erworben haben. Darum verfolgen auch wir österreichischen Juden den schweren Kampf der ungarischen Judenschaft mit unseren wärmsten Sympathien und mit gespanntester Erwartung. Denn dort wird es sich entscheiden, ob Kultur und Fortschritt über die finsteren Mächte des Hasses und Rückschrittes siegen werden. Steiger — Olszänski. Der Lemberger Attentatsprozeß. Von Dr. Paul Nathan. In Lemberg ist in der vorletzten Woche ein Prozeß zu Ende gegangen, bei dem es sich um die Freiheit und vielleicht um das Leben eines jungen jüdischen Kaufmanns handelte; ein Ereignis, das jenseits des Kreises der unmittelbar Beteiligten ein gros- - seres Interesse nicht hätte hervorrufen müssen. In diesem Falle war aber das Interesse ein großes; annähernd ein so großes, wie bei dem Dreyfus-Prozeß in Frankreich. Die Ursache ist eine offenliegende. Es ging nicht darum, ob der angeklagte Jude Steiger verurteilt werden würde; vielmehr hatten die polnischen Antisemiten dafür gesorgt, daß die Anklage gegen eine einzelne Person zugleich zu einer Anklage gegen die Juden in Polen wurde, und eine Verurteilung des Juden Steiger würde voraussichtlich zu einer moralischen Anklage gegen die Masse der Juden in Polen und in weiterer Auswirkung zw Pogromen in einem Ausmaß geführt haben, deren Schreck und Furchtbarkeit nicht abzuschätzen ist. Auch dieser Prozeß hätte die Bedeutung haben können wie das Steinchen, das eine weithin verheerende Lawine in Bewegung setzt. So lohnt es sich denn, die charakteristischen Züge dieses Prozesses wenigstens in knapper Form festzuhalten'. Am 5. September 1924, also vor jetzt fünf Vierteljahren, stattete der Präsident der polnischen Republik der Stadt Lemberg einen Besuch ab. Die Ansicht über die Ungefährlichkeit eines Aufenthaltes des Präsidenten in Lemberg war innerhalb der kompetenten Behörden geteilt Die politische Polizei in Warschau hielt den Besuch für nicht unbedenklich; die örtliche Polizei in Lemberg glaubte sich starkmachen zu können, jede Gefährdung des Staatsoberhauptes auszuschließen. Es fand darauf die Fahrt nach Lemberg statt, und als der polnische Präsident durch die Straßen fuhr, ward gegen ihn eine Bombe geschleudert, die glücklicherweise niemanden verletzte. Erwiesen war somit, daß die politische Polizei in Warschau die Lage einsichtiger beurteilt hatte als die Lemberger örtlichen Polizeibehörden; und damit ergab sich ein Gegensatz, eine Rivalität zwischen den beiden Behörden, die auf die Weiterentwicklung der Untersuchung nicht ohne Folgen geblieben ist. Die Lemberger versuchten sich' herauszupauken; das schien ihnen zunächst vorzüglich zu gelingen. War das Attentat freilich nicht verhindert worden, so hatte man doch den Attentäter angeblich im Handumdrehen erwischt, und das geschah folgendermaßen: Nach dem Bombenwurf, der zum Heile aller so ungefährlich verlaufen war, flüchtete zunächst, wie erklärlich, alle Welt. Wer konnte wissen, welche Verheerungen die Bombe noch anrichten würde! Unter den Flüchtenden befand sich auch ein jünger