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Die Wahrheit · 1926-01-01 · Heft 1 (1.1.1926) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 1 (1.1.1926)
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Heitel DIE WAHRHEIT Nr. 1 „Ich freue midi, diesem) rassenschutzlerischen Minister zu seinem Siege verholfen zu haben, und ich bin überzeugt, daß sich die gesamte patriotische Judenschaft mitfreuen wird. Wir glauben, daß die Lösung, die diesmal in Genf getroffen wurde, die denkbar beste ist. und zwar hauptsächlich deshalb, weil durch diese Entscheidung die Frage des Numerus clausus wieder zu einer inneren ungarischen Angelegenheit geworden ist. Wir wären unglücklich gewesen, wenn die Frage, ob das Gesetz über den Numerus clausus mit den Bestimmungen des Friedensvertrages zu vereinbaren ist, an den Ständigen Internationalen Gerichtshof geleitet worden wäre. Dies wäre gegen unsere Interessen geschehen, und man hätte den Schein irgendwie gegen uns ausgenützt. Sagt man denn nicht schon heute, daß unsere Deklaration, die der Regierung zum Siege verhalf, eigentlich nichts anderes war, als^ ein taktisches Mittel? Das ist aber ein aufgelegter Unsinn, denn hätten wir die Position der Regierung schwächen wollefi, so hätten wir eine andere Taktik gewählt, und der Regierung nicht die Waffen in die Hand gegeben. Ich muß dabei der Ansicht Ausdruck verleihen, daß die Entscheidung des Völkerbundes nicht allein im ungarischen Interesse erfolgt ist, sondern auch darum, weil man befürchtete, daß die Numerus-clausus- Bewegung sich Nach dem Westen ausdehnen könnte. Wir haben uns jede Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten schon von jeher verbeten und haben uns bei den jüdischen Organisationen stets dagegen verwahrt, daß in unserem Interesse auch nur ein einziger Schritt unternommen werde. Graf Klebelsberg hat sich nicht gescheut, als Argument für den Numerus clausus den Bolschewismus anzuführen, die Hauptwaffe, mit welcher die ungarischen Rassenschützler gegen das Judentum zu Felde ziehen, und Paul Sandor hat nicht ermangelt, auch hierauf die richtige Antwort zu erteilen: „Wenn Graf Klebelsberg", sagte Paul Sandor in seiner Rede, „diese Angelegenheit mit dem Bolschewismus vermengt, um einen wohlfeilen Applaus zu ernten, so ist dies eine Frivolität, die in der Geschichte des Parlamentarismus beispiellos dasteht. (Bewegung im ganzen Hause.) Der Herr Minister erklärte hier, es seien galizische Juden gewesen, die uns den Bolschewismus an den Hals gebracht haben. Nein, es waren keine galizischen, es waren glaubensabtrünnige ungarische Juden. Aber haben diesenicht auch 47 ungarische Juden ermordet, weil sie Gegenrevolutionäre waren, darunter einen sechzehnjährigen Studenten, der Szamuely seine Niedertracht ins Gesicht geschleudert hatte? Mußte» die Juden unter dem Öruck des Bolschewismus nicht ebenso leiden wie jeder andere in diesem Lande? Wegen einiger niederträchtiger Juden die gesamte ungarische Judenschaft zu brandmarken, ist ein Frevel, unwürdig eines ungarischen Ministers." Paul Sandor nannte also die Anspielung des Grafen Klebelsberg auf den Bolschewismus in offener Sitzung der ungarischen Nationalversammlung eine „Frivolität". Jawohl, Herr S t r i c k e r, so sprach der. Mann, umgeben von Rassenschützlem und „Erwachenden Magyaren", den Feuilleton IwPl Der Segen der rechten Hand. Israel streckte seine Rechte aus und legte sie auf das Haupt Ephraims, der der j fingere war. ...!. 48, 14. Wie ein Fatum zieht sich durch das ganze Leben des Stammvaters Jakob die auffallende und sanderbare Eigenart der ungleichen Liebe. In seiner Kindheit bevorzugt die Mutter den Knaben, während der Vater den Bruder Esau liebt Herangewachsen, vor die Wahl einer Lebensgefährtin gestellt, liebt er die jüngere Tochter Labans, Rachel, und besitzt schließlich, weil Laban nach Brauch und Sitte die jüngere Tochter nicht vor der älteren verheiraten will, zwei Frauen, eine geliebte und eine ungeliebte. Als Vater zieht er Josef den anderen Kindern vor und hat Schuld an dem Unfrieden unter den Kindern. Als Großvater, der die Enkel segnen soll, gibt er den Segen der rechten Hand dem jüngeren Ephraim, während sich der ältere Menasse mit dem der linken begnügen muß. Als hätte er aus seinem eigenen Leben nichts gelernt, weist er den Einwand Josefs, der aus leicht begreiflichen Gründen keine Bevorzugung bei seinen Kindern wünscht und auf das Geburtsrecht hinweist, zurück, bleibt dem Hinweise Josefs gegenüber taub und legt mit Bedacht die Hände so. daß tatsachlich Ephraim dem Menasse bei dem Segen am Sterbelager vorgezogen wird. Dieses Verhalten des Stammvaters steht in offenkundigem Gegensätze zu dem wichtigen Prinzipe, daß Eltern nicht ein Kind dem anderen vorziehen sollen, sondern jedem Kinde gleiche Liebe und gleiches Recht gebührt. Denkt man über das Verhalten des Patriarchen länger nach, so wird man finden, daß Jakob «einen grundsätzlichen Standpunkt vertritt. Er ist Gegner des Vorrechtes der Geburt. Einst hatte er sich die Erstgeburt erkauft und sich den ihm demzufolge gebührenden Erstgeburtssegen erschleichen müssen. Warum mußte das sein? Auch die Kinderstube ist nur ein Miniaturbild der großen Welt. Wie hier, so gibt es auch draußen im Leben Vorrechte, Bevorzugung von Menschen, Klassen und Geschlechtern, die sich seit Jahrhunderten mit dem Adelsprädikat der „besseren Meuchen" ausstatten, lediglich, weil sie auf ihre Geburt abhebea Was ist Geburt, was ist Erstgeburt? Ein Zufall, verständlich in der Kinderstube, unverständlich auf der Bühne des Lebens. Jakob ist der erste, der sich gegen den Standpunkt der Geburtsvorrechte auflehnt Segen, Rechte und Ertrag im Leben dürfen nicht von dem Zufall der Geburt, sondern müssen vom ehrlichen Verdienste abhängen. Fähigkeit gibt Recht; Kenntnisse, Kraft und Leistung berechtigen zu Amt und Würde. Stammvater Jakob ist Begründer und Verfechter der Lehre von der persönlichen Tüchtigkeit, die sich am deutlichsten in dem jüdischen Glückwunsche „jejaschär koacho, Gott stärke Deine Kraft" ausdrückt. Erfolge und Leistungen sind nicht Gabe eines launischen Glückes, sondern Werk persönlicher Kraft und Fähigkeit. In Israel feiert- und verherrlicht man nicht das Glück als Spenderin großer Taten, sondern anerkennt die wirkende Kraft, kann sich wohl über das Masol, das Glück, freuen»; gewürdigt und bewundert wird aber die „Gewura", die Kraft der Segen der rechten Hand gebührt dem, der die Kraft der Rechten besitzt, mit der linken muß sich bescheiden, wer nur über die Kraft der Linken verfügt Als Samuel den Nachfolger Sauls aus den Söhnen Isais wählen sollte, wollte er dem Gewohnheitsrechte der Geburt folgen und den ältesten wählen. Aber weder dieser, noch die anderen waren ..die richtigem, sondern auf David, den jüngsten, war die Wahl Gottes gefallen und der weise Salomo sagt: „besser ein Kind, arm und weise, als ein König, alt und töricht" Der Talmud scheut sicsh nicht den mit einem Geburtsmakel Behafteten, der ein Gelehrter ist, dem Hohenpriester, wenn er

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