Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 1 (1.1.1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Österreichische Wochenschrift ihr indische Interessen Pitt dem Beiblatt. VerötienUldiungen der ..Union deutschösterrekhlscher Jvden" Redaktion und Administration: Wien »1 13. - Fernruf 42-2-16 XL II. Jahrgang Wien, 1. Jlnner 1926 Nummer 1 Die Judenfrage in Ungarn, Nur widerstretend und im Bewußtsein, ein dem antisemitischen Sprachschatz entstammendes Wort zu gebrauchen, haben wir den Ausdruck „Judenfrage" an die Spitze der folgenden Zeilen gesetzt; wissen wir doch genant, daß die „Judenfrage" eigentlich gar keine Frage ist, seitdem die allgemeinen und gleichen Menschenrechte proklamiert worden sind. Wenn wir aber dennoch von einer „Judenfrage'4 sprechen, so tun wir es deshalb, weil von gewissen Politikern Ungarns aius parteipolitischen Gründen eine Selbstverständlichkeit, wie es die Gleichberechtigung aller Staatsbürger darstellt, zu einer Frage gemacht wird und hierdurch die allgemeinen Grundsätze der menschlichen Kultur in Frage gestellt worden sind. Die scheinbare Existenz einer solchen Frage, welche bereits längst im Sinne der menschlichen Grundrechte entschieden ist, stellt demnach einen Gradmesser für die politische Reife eines Volkes und das Kulturniveau eines Staates dar. In diesem Sinne und mit diesem Vorbehalt sprechen wir also von der „Judenfrage in Ungarn" und wollen gleich hervorheben, daß es den Anschein hat, als ob sich das ganze politische Leben dieses Landes um diese eine Frage drehen würde; jedenfalls nimmt sie in den Debatten der ungarischen Nationalversarmnliing nach wie vor einen hervorragenden Platz ein und das Für uind Wider in dieser Frage beschäftigt die führenden Politiker des Landes in einem Maße, wie kaum ein anderes Problem. Die Frage der Staatsform, die das wichtigste Problem eines Staates ist und in Ungarn noch nicht entschieden wurde, die Frage des Selbsthestimmungsrechtes, um das Ungarn im Friedensvertrage so wie andere Staaten betrogen wurde, das alles tritt in den Hintergrund, wenn die Numerusclausus-Frage aufs Tapet gebracht wird; denn diese Frage ist der eigentliche Kernpunkt der Judenfrage, an dieser Frage wird es sich vor allem entscheiden, ob der ungarische Staat als moderner Rechtsstaat angesehen, ob die ungarische Nation als Kulturvolk betrachtet werden kann oder nicht. Denn der Numerus clausus ist sowohl eine politische als auch eine kulturelle Frage. Denn wenn bei lernbegierigen Jünglingen, die sich zum Hochschulunterricht melden, allein nach ihrer religiösen Zugehörigkeit gefragt wird und die Entscheidung über, ihre Zulassung zum Hochschulstudium nicht auf Grund ihrer geistigen Reife, sondern auf Grund der Glaubensgemeinschaft erfolgt, welcher sie angehören, dann ist das nicht nur rechtswidrig — „Recht" in einem höheren, allgemeinen Sinne gebraucht —, sondern auch kiüturwidrig. Ministerpräsident Graf Be th le n meinte, man sollte in dieser Wunde nicht herumwühlen, eher sollte man bedauern, daß sie überhaupt vorhanden sei. Nein, Herr Bethlen, wenn ein Körper von einem eitrigen Geschwür befallen ist, dann nützen keine lauen Umschläge und keine homöopathischen Tropfen, sondern das Geschwür muß mit einem scharfen Messer aufgeschnitten werden, damit der Eiter nicht den ganzen Organismus verseuche. Hierzu ist jedoch ein erfahrener und tüchtiger Arzt notwendig, der sich nicht scheut, das Uebel an der Wurzel zu erfassen. Ungarn fehlt es nicht an solchen guten Aerzten, wie die letzten Debatten in der Nationalversammlung gezeigt haben, derzeit jedoch sind Quacksalber und Kurpfuscher am Werke, die aus verschiedenen Gründen eine baldige Heilung möglichst hinauszuschieben trachten. Einer jener tüchtigen Aerzte ist unbestreitbar der ungarische Abgeordnete Paul Sandor, ein Mann, dem es weder an der nötigen Erfahrung und dem großen Wissen, noch auch an Mut gebricht. Er antwortete in so treffender Weise auf die Argumente, deren sich die Rassenschützler zu bedienen pflegen und die sich Unterrichtsminister Graf Klebelsberg in seiner letzten Rede von diesem ausgeliehen zu haben scheint daß wir es uns nicht versagen können, auf die schon besprochene Rede Sandors, die eine politische Tat darstellt, noch näher einzugehen. Paul Sandor zeigte an einigen Beispielen, weiches die Auswirkungen des Numenussclausus-Gesetzes sind, verlas unter anderem das Gesuch eines jüdischen Universitätshörers, des Sohnes eines hundertprozentigen Kriegsinvaliden, namens Isidor S o 11, der im Kriege das Augenlicht verloren hat und infolgedessen erwerbslos ist „Dem Sohne dieses im Kriege erblindeten jüdischen Helden fehlte zur Beendigung seiner Studien nur noch ein halbes Jahr und der junge Mann richtete an die Elisabeth-Universität ein Gesuch, in dem er um Aufnahme bat. Bemerken will ich, daß Volkswohlfahrtsminister Dr. Vass dem Gesuch des jungen Mannes ein in überaus warmem Tone gehaltenes Schreiben beilegte, in dem er die Aufnahme des betreffenden jiumgen Mannes beim Professor Hoor in der wärmsten Weise empfahl und dem betreffenden jungen Manne viel Glück und Erfolg wünschte. Einige Tage später erbrachte das Dekanat seine Entscheidung, wonach der betreffende Petent mit seinem Ansuchen abgewiesen wird." Im Verlaufe seiner Rede kam Paul Sandor auf die Stellungnahme des Völkerbundes zur Frage des Numerus clausus zu sprechen und sagte Erwiderung der Rede des Grafen Klebelsberg »Igendes: \