Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 51 (25.12.1925)
- Date
- 1925-12-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064070--14222-3081769- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 51 DIE WAHRHEIT Seite H .•seier Zöglinge um die Büß- und Gnadenlieder des evangelischen Gesangbuches stand, das entzieht sich unserer Kenntnis; jedenfalls wußten sie das Borkumlied vor- und rückwärts .auswendig, und das genügte ja als Grundlage der christlichen Heüsl'eihre. Vor zwei Sommer sahen sich die Staatsbehörden veranlaßt, »gegen Münchmeyers Treiben einzuschreiten, wenn auch mit der ihnen in solchen Fällen eigenen Milde. Die ^Circhenbehörde, dte Herrn Münchmeyer unmittelbar vorgesetzt ist, tut es erst heute. Jedoch, wie aus der Oldenburger Meldung zu ersehen ist, keineswegs aus politischen, sonde r n aus anderen Gründen. Es ist uns natürlich bekannt, daß ein Pastor nur seine eigene Frau Tcüssen darf, und nicht irgend eine junge Dame, noch dazu nachts und im Krankenhaus. Es ist uns ierner bekannt, daß ein Pastor nicht den Dienstmädchen nachzustellen hat, weder am 17. März 1925 noch an irgend einem anderen Tag. Immerhin ist eine grundsätzliche Einstellung, die auf Vernichtung eines ganzen Bevölkerungsteiles hinaus will, mit der christlichen Weltanschauung und den Pflichten ihrer berufenen Vertreter auch nicht zu vereinbaren, und wir wundern uns, daß es einer -tinsittlichen Handlung bedarf, um eine Kirchenbehörde zum Einschreiten zu bewegen." Hindenburg, der „Judendiener". Richard Kunze, genannt Knüppel-Kunze, der Führer der Deutschsozialen Partei, sprach in Dresden vor seinen Anhängern, wobei er folgendes erklärte: „Wir brauchen eihi Gesetz, nach dem jeder Regierende ins Zuchthaus wandert, wenn er etwas verkehrt macht Hindenburg ist heute von den Juden vollständig eingewickel t." Diese Aeußerung entspricht einer allgemeinen Parole der Völkischen; d'enn in der neuesten Nummer der Zeitung „Hakenkreuz" heiißt es in dem Leitartikel wörtlich: „In der modrigen Stinkluft der Hindenburg-Republik kann nur Lüge. Stunk und Verelendung gedeihen . . . Bei Hindenburg. dem Judendiener, hat das Sklavische, Knechtische die Oberhand gewonnen . . . Wenn wir heute statt Hindenburg einen Juden auf dem Präsidentenstuhl hätten, stände es besser um die deutsche Sache." Ein andermal schickte die gleiche Zeitung, die inzwischen konfisziert wurde, dem „Jungdeutschen", der von völkischer Entartung gesprochen hatte, dütese niedliche Berichtigung: „Ich habe früher einmal das Gesetz aufgestellt, daß bei Miischrassigen mit zunehmendem Alter die niedere Rasse stärker hervortritt und die Oberhand gewinnt, während im jungen Alter die höhere Rasse hervortritt. So hat auch bei Hindenburg als dem Judendiener das Sklavisch-Knechtische die Oherhand gewonnen. Ludendorff dagegen ist reiner Germane." Spanien bleibt im Mittelalter. „Daily Expreß" veröffentlicht eine Erklärung des Genierais Prima de Rivera, des Oberhauptes des spanischen Direktoriums, wonach ein Jude nicht Bürger Spaniens werden könne, es sei denn, daß er zum katholischen Glauben übertrete. Im Spanien leben Juden als Kaufleute und Bankiers, sie sind! aber alle Angehörige eines ausländischen Staates. Ein Verteidiger von Beilis gestorben. Dieser Tage verstarb in Rom der einst berühmte russische Rechtsanwalt J>likolaj Karab'tschewsky, der sich als der Verteidiger des Juden Mendel Beilis ^im Kiewer Ritualmord-Prozeß vom Jahre 1913 in der ganzen Welt einen Namen gemacht hat Karabtschewsky, ein Nichtjude, hat in der Zeit des Zaren- Riegiimes an der Seite der Demokratie gekämpft und sich mit seiner ganzen PrsÖnlichkeit für die politische und wirtschaft- Jiche Gleichberechtigung der Juden in Rußland eingesetzt Nach der bolschewistischen Revolution kam er als politischer Emigrant ins Ausland, und hier schloß er sich dem rechten Flügel der russischen Monarchisten an, die in dem Großfürsten Cyrill den legitimen Herrscher Rußlands sehen. Als legitimer Monarchist bekundete er eine Feindschaft gegen die Juden, die er in seinen vor einigen Jahren veröffentlichten Memoiren beschuldigte, daß sie an der Aufrichtung der Sowjet- Herrschaft ©inen zu großen Anteil genommen haben. Ungeachtet dessen wurde er in den letzten Jahren seines Lebens, .da er ganz mittellos war, von seinen jüdischen Freunden unterstützt, die unter den Kreisen der jüdischen .politischen Emigranten Geldbeträge für ihn aufbrachten Von Woche zu Woche üüüüii C*eltes IBOTGA5SE-1 Chanukafeiern. Am Dienstag, den 15. Dezember 1. J., fand wie alljährlich in der israelitischen Versorgungs- und Siechenanstalt. IX., Seegasse 9, eine Chanuka-Feier statt. Dank dteri Bemühungen des Obmannes Herrn Kultusrat David Dohan, der Bezirksräte Julius Berger und S. Weimer, Kaietier Müller, Fleischhauer S. Kornmehl, war es heuer mög- •lich, den Insassen durch Aufbringung wertvoller Geschenke eine besondere Freude zu bereiten. Nach der guten Jause und der erfolgten Bescherung, fand im Betsaale der Anstalt ei» feierlicher Gottesdienst statt. Die kantorale Funktion versah in erhebender Weise Herr Oberkantor M a t i a s mit Harmoniumbegleitung und unter Assistenz des gesamten Chores des Stadt-Tempels. Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Schwarz hielt die Festpredigt Im überfüllten Betsaale hatten sich die Pfleglinge der Anstalt fast vollständig eingefunden und lauschten mit Andacht den feierlichen Gesängen und Ansprachen. Sie waren voll des Lobes und Dankes für das ihnen Gebotene. Als Festgäste waren nebst den bereits Genannten erschienen: Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Herr Generaloberstabsarzt Dr. Pick begleitet von Herrn Amtsdirektor Fuchsgelb und Herrn Sekretär Meißner, die Kultusräte Herren Dr. Kl ab er, Dr. Bader und Hoff mann; Herrn Börserat Ignaz Glück, Architekt Lindner und Amtsleiter Kraus, vom Verein „Wohlfahrt" Herr David Goldmann, ferner die Herren Bernhard Emgel. Paul Friess, S. Oesterreich, Sandor Schlesinger und viele andere. Allen Spendern und Mitwirkenden sei nochmals herzlichst gedankt Das Arrangement der heuer besonders gelungenen Feier lag in den bewährten Händen des Anstaltsverwalters Josef Popper. Chanuka im grauen Hause. Im Gefangenhaustrakte de» Wiener Landesgerichtes war bisher ein primitiver kleiner Raum zur Abhaltung des Gottesdienstes für die jüdischen Häftlinge zur Verfügung gestanden. Dank der Bemühungen des israelitischen Seelsorgers im Landesgerichte\ Rabbiner Dr. Armand Kaminka, und des Gefangenhausdirektors B i r n s t e i n und dank dem Entgegenkommen der zuständigen Gerichtsfunktionäre konnte am 8. Chanuka-Abende eia neuer, würdig ausgestatteter Betsaal in feierlicher Weise seiner Bestimmung übergeben werden. Zu der feierlichen Einweihung hatten sich eingefunden: Vom Landesgerichte für Strafsachen Wien I. Vizepräsident Hofrat Dr. Schneeweiß, Bezirksrichter Dr. W i 1 d m a n n, Seelsorger Monsignore S upp, Gefangenhaus-Oberdirektor Hof mann, Gefangenhausdirektor B i r n s t e i n, Justizwachkommandant Oberkommissär Rieß, für das Landesgericht für Strafsachen Wien II. Präsident Hof rat Dr. Schreiber, Gefangenhaus- Oberdirektor Dr. Schmidt, von der israelitischen Kultusgemeinde Wien Vizepräsident Dr. Oirnstein, Vorstandsmitglied Justizrat Dr. Adler, Amtsdirektor Fuchsgelb und der Kultusamtsbeamte Dr. Freudmann. Oberkantor Kaufmann leitete, begleitet von einem Männerquartett, mit dem Vortrage des Ma tauwu und den Gebeten zum Sabbateingange die Feier ein. In seiner überaus gehaltvollen Weiherede führte Rabbiner Dr. Kaminka u. a. aus: „Es ist nicht Zufall, daß diese Einweihung gerade aus Anlaß des Makkabäerfestes stattfindet. Die Makkabäer haben für die Religion gekämpft und haben das erstemal der Welt und der der jüdischen Religion nachfolgenden Religionen die Idee vom Martyrium für das Religiöse gegeben. (Bei Römern und Griechen war das Martyrium nur für das Nationale und vergängliche irdische Recht) Dieses Bethaus ist in manchem weniger als ein anderes Bethaus und in manchem mehr als andere Bethäuser. Weniger, weil nur für einen bestimmten und geringen Kreis berechnet; mehr, weil hierher alle mit einem wunden Herzen kommen. Nur die Religion kann euch den Weg zur Rechtsschaffenheit und Gesellschaft bahnen." Am Schlüsse des Gottesdienstes ergriff der Vizepräsident des Landesgerichtes, Hofrat Dr. Schneeweiß, das Wort, wies darauf hin, daß in dieses Haus unglückliche Menschen kommen und daß alles, was das Gesetz zuläßt, für diese Menschen getan wird. Er dankte Herrn Rabbiner Dr. Kaminka für die fast 25 Jahre lange ersprießliche Betätigung als Seelsorger für die jüdischen Häftlinge, für die er sehr viel geleistet habe und dem auch für die Errichtung dieses Bethauses die Anerkennung zukomme. Vizepräsident Dr. O r n s t e i n spricht all denen den Dank aus, welche für diese Institution Interesse bezeugt haben. Die Kultusgemeinde will alles tun, um diesen unglücklichen Men-