Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 51 (25.12.1925)
- Date
- 1925-12-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Hr. 51 DIE WAHRHEIT Seite 5 den antisemitischen Agitatoren in die Massen geworfenen Schlagworte und Lehren wirken sich ganz ungehindert aus. Unsere Widerlegungen kennen sie nicht, den sie kommen nicht zur Geltung. Jetzt z. B. kristallisiert sich der Protokollglaube zu der populären Vorstellung von der Weltverschwörung der Juden, das wird nach und nach zu einer förmlichen Volkspsychose, die mit der Zeit so schwer zu entwurzeln sein wird, wie früher einmal der Blutaberglaube, und die vielleicht noch einmal nicht weniger Opfer fordern wird. Die „Weltverschwörung der Juden" ist etwas so wages, allgemeines, daß man nicht gezwungen ist, sich darüber genaue Rechenschaft zu geben, und es läßt der Phantasie freies Spiel, hat also unendliche Reihe für die Masse. Diese Weltverschwörung der Juden ist imstande, alles Unangenehme, das in der Welt vorkommt, zu. erklären, ebenso wie der Blutaberglaube seinerzeit alle Fälle des rätselhaften Verschwindens von Kindern und alle unaufgeklärten Morde beleuchtete. Wir geben uns offenbar keine Rechenschaft, was das heißt, daß unzählige Organe der Landbevölkerung und der städtischen Intelligenz, der akademischen Jugend, die nach wenigen Jahren im Rechtsleben, im wirtschaftlichen Leben, in der Politik, in der ganzen Oeffentlichkeit maßgebend sein wird, daß in allen diesen Organen seit einigen Jahren jeden Tag in den verschiedensten Tonarten versichert wird, die Juden bilden eine geheime Weltverschwörung, um alle Völker zu unterjochen und auszubeuten! Es ist ja ganz ausgeschlossen, daß von all dem nicht ein fester Niederschlag in die Volksseele sich einbette. Wie wird sich das in der nächsten Generation schon auswirken? .... Als vor 40 Jahren der wiedererwachte Blutaberglaube im Tisza-Eszlarer-Prozeß seinen Höhepunkt erreicht hatte, und mitten in einer erleuchteten Zeit eine Gefahr für das ganze Judentum zu werden drohte, da erhob sich der verewigte Dr. J. S. Bloch und zerrte den Hauptlügner mit eiserner Faust vor die Schranken des Gerichtes, das heißt, er behandelte ihn so, daß jener gezwungen war, gegen Bloch die Ehrenbeleidigungsklage zu erheben. Das Gericht holte das Gutachten der berufensten deutschen Gelehrten ein — und das Ergebnis war für den Kläger derart, daß er schmählich den Kampfplatz verließ. Wir machen uns heutzutage keinen Begriff, was für einen Eindruck das in der ganzen Welt machte. Der Blutaberglaube ist damals im Bewußtsein und im Gewissen der aufgeklärten Schichten in allenLändern tatsächlich für alle Zeiten totgeschlagen worden/Natürlich lebt er noch im Glauben der dunklen Massen fort. Aber die paar großen Ritualmordprozesse, die seither stattgefunden, standen im schroffen Widerspruch zum Bewußtsein der 1 e i t e n d e n Schichten. Es ist bemerkenswert, daß im Kijewer Beilis-Prozeß (1913) einer der schärfsten Judenhasser der Redaktion des antisemitischen „Kijewlanin", Schul gen, die Regierung, die diesen Prozeß angezettelt hatte, so 'scharf angriff, daß er sich einer gerichtlichen Verfolgung aussetzte. Der Mann fühlte damals schon, daß die Blutbeschuldigung dem Bewußtsein des modernen Menschen widerspricht und die Anstifter nur blamiert. Das ist das Verdienst des Dr. Bloch. Sogar die Protokolle, die alle möglichen Verbrechen den Juden als Selbstbekenntnis in den Mund legen, schweigen gänzlich vom Ritualmord. Seit sechs Jahren tobt durch ganz Mittel- und Osteuropa ein wütender antisemitischer Sturm, aber nirgends ist es zu einem Ritualmordprozeß gekommen. Dagegen hat der arme Steiger die Wirkungen der polnischen Protokollpropaganda auf so schmerzliche Weise zu spüren bekommen! ... Wir sehen: Der Blutaberglaube ist tot. Der Protokollaberglaube ist lebendig! Es gab nur eine Möglichkeit, diesem letzteren einen Todesstoß zu versetzen; indem man die Gewissen aufrüttelte und das Bewußtsein der Allgemeinheit erschütterte, so daß in die weitesten Kreis* die Erkenntnis gedrungen wäre, daß die Protokolle Schwindel seien, die Märchen von der Weltverschwörung der Juden Lug und Trug, und die Partei, die sich solcher Mittel im politischen Kampf bedient, die nichtswürdigste aller politischen Parteien ist. Dieser Kampf könnte vor den Schranken des Gerichtes ausgefochten werden. Den Protokollaposteln ist dann auch alle mögliche Gelegenheit geboten worden, ihre „Ehre" vor dem Richter zu verteidigen. Sie haben denn auch jedesmal beschlossen, daß sie mich verklagen werden, sind aber jedesmal tapfer ausgekniffen. Dasselbe ist auch dem Dr. I. Stanjek gegenüber geschehen. Unter diesem oder jenem Vorwand wurde der Prozeß vereitelt. Die antisemitischen Gruppen, welche hohe Geldlöhne dem versprachen, der die Beweise für die Fälschung erbrachte, konnten nicht verklagt werden, weil sie inzwischen zu existieren aufgehört hatten. Es war also die Möglichkeit nicht vorhanden, durch öffentlichen Prozeß und Gerichtsspruch im großen Publikum die Ueberzeugung hervorzurufen, daß es lange Jahre durch einen unerhört frechen Schwindel vorgeführt wurde. Es blieb noch ein anderes einfacheres, aber weniger wirksames Mittel übrig, die Argumente der Protokollgegner ins breite Publikum zu tragen: die Presse. Hört man nicht fortwährend, daß die ganze große Presse in den Händen der Juden stecke? Werden wir Juden nicht fortwährend für die wirklichen oder vermeintlichen Sünden dieser „judenliberalen" Presse verantwortlich gemacht? Man hätte meinen sollen, daß diese Presse nicht müde würde, unsere Abwehrliteratur zu besprechen, um sie dem breiten Publikum bekannt zu machen. Weit gefehlt! Man findet in dieser Presse zwar häufig Broschüren aus dem „Hammer-Verlag" über Rußland angepriesen und hie und da, wo es schon zu arg wird, wird ein verschämter Protest gegen die antisemitische Tendenz angebracht. Aber eine Abwehrbroschüre gegen die antisemitischen Lügen in bezug auf Rußland ist in diesen Blättern noch nie e r s c h i e n e n. Es ist daher kein Wunder, daß beispielsweise die grauenhafte Hetzbroschüre „Der Blutrausch des Bolschewismus", die im Frühjahr 1921 erschien, schon nach vier Monaten das 40. Tausend erreichte, die gegen sie gerichtete Abwehrbroschüre „Die Nutznießer des Bolschewismus" heute nach beinahe sechs Jahren noch nicht in 10.000 Exemplaren verbreitet wurde. Die Vorstellung, daß der Kommunismus vom Judentum herstamme, der Bolschewismus und die Tscheka vom