Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 51 (25.12.1925)
- Date
- 1925-12-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 51 Judenschaft Oesterreichs ein Beispiel nehmen können, was Zusammenhalten, Opferwilligkeit und Frömmigkeit betrifft Wir sind überzeugt, daß es den Bestrebungen der ungarischen Juden gelingen wird, den Numerus clausus abzuschaffen. Würde Ungarn aber durch ein Diktat des Völkerbundes gezwungen werden, denselben aufzuheben, dann würde dies dem ungarischen Judentum durchaus keinen Nutzen bringen. Ich hoffe nun, daß Sie die Ueberzeugung gewonnen haben, daß der Klub der Mehrheit recht daran getan hat, seine Vertreter nach Budapest zu senden." Langanhaltender, stürmischer Beifall.) Der Redner befaßte sich nach einer Würdigung der Jugendgruppe eingehend mit den Ausführungen Dr. Scharmanns und schloß seine Ausführungen auf folgende Weise: „Wenn Wilhelm Vaszony, einer der bedeutendsten Männer des heutigen Ungarn, in seinem Toast gesagt hat: „Wir wollen nicht ungarische Juden, sondern jüdische Ungarn sein!", dann können wir in gleicher Weise von uns sagen, daß auch wir deutsche Juden sein wollen. Jakob Wass*ermann, einer der größten Dichter und Denker des heutigen Deutschland, sagt in seiner bekannten Schrift „Mein Weg als Deutscher und als Jude" in bezug auf das Verhältnis zwischen Deutschtum und Judentum: Ich bin Deutscher und ich bin Jude. Eines nicht minder als das andere. Ich liebe mein Judentum, ich iSebe aber auch mein deutsches Vaterland. Diese Worte Wassermanns sind auch der Leitspruch der Union: Wir wollen gute Juden, aber auch gute Deutschösterreicher sein!" (Lebhafter Beifall!) Der Vorsitzende dankte dem Redner für seine überzeugenden Ausführungen und insbesondere für seinen Bericht über die Budapester Reise, erteilte sodann Herrn Baurat Kempler das Wort zu näheren Ausführungen über die von Dr. Ornstein angedeuteten und allgemeinem Interesse begegnenden Vorfälle bei der „Makkabäerfeier", der er beigewohnt hatte. Baurat Kempler teilt mit, daß er bei der besprochenen Makkabäerfeier anwesend war, „da die Wiener Kultusgemeinde zu derselben eingeladen worden sei, und unser Klub auch politischen Gegnern gegenüber Höflichkeiten zu bekunden gewohnt ist. Der zufolge der „Morgenzeätung" dicht gefüllte große Konzerthaussaal war fast vollkommen leer und die Versammlung begann mit einer Verspätung von einer vollen Stunde. Die Sitzung begann mit einer Ansprache des Herrn Dr. Friedman^ der hierauf Dr. Klee das Wort erteilte. Dr. Klee ging in seiner Rede sofort auf das politische Gebiet über undi ich muß wohl sagen, daß schon ein hoher Grad von Kühnheit (Zwischenrufe „Frechheit") dazu gehört in eine fremde Stadt zu kommen und dort im öffentlicher Versammlung über eine öffentliche Körperschaft in nicht wiederzugebenden Ausdrücken zu sprechen. Nach diesen Ausfällen wandte sich Dr. Klee der Loge zu, in welcher das Präsidium der Kultusgemeinde Platz genommen hatte, und zwar Präsident Professor Pick, Dr. Löwenherz, meine Person und Amtsdirektor Doktor Adler, -und sagte, daß er die Gemeinde beglückwünsche zu dem mannhaften Entschluß, nicht nach Budapest zu reisen. Ich habe hierauf natürlSeh sofort den Saal verlassen und überlasse es gerne Ihnen, meine Damen und Herren, sich selbst ein Urteil über ein solches Benehmen^zu bilden, wobei ich noch bemerke, daß Dr. Klee Vizepräsiden der Berliner Kultusgeineindie äst, welche Gemeinde beschlossen hat an der Budapester Feier teilzunehmen." Klubobmann Dr. Ticho führt hierauf zum Kapitel „Miszellen aus der Kultusgemeinde" aus: Ich will nicht über Politik sprechen, da ich der Ansicht bin, daß Politik m der Kultusgemeinde nichts zu suchen hat. Mir ist es daher unbegreiflich, wie man in der Kultasgemeinde politische Ausfälle machen kann und noch unbegreiflicher, wie man es wagen kann, in einer Sitzung dieser Gemeinde Glaubensbrüdier zu beleidigen. Die Israel itische Kultusgemeinde hat lediglich das religiöse Leben der Gemeindemitglieder zu fördern. Wenn unsere Weisen sagem: Auf drei Säulen ruht die Welt auf der Lehre, dem Gottesdienst und der Wohltätigkeit dann haben sie den Aufgabenkreis der Gemeinde umschrieben und wahrlich, es ist ein unerschöpfliches Arbeitsgebiet, das sich uns da bietet. Wäs wäre nicht alles zu tun, um unseren Kindern die Grundsätze unserer heiligen Schrift zu übermitteln, was könnte alles auf dem Gebiete des Unterrichtes geschaffen werden. Ich gebe zu, daß bereits vieles hier geschehen ist und kann insbesondere mit Stolz hervorheben, daß der Jugewdgottesdienst jetzt. In erhebender Form durchgeführt wSrd. Es ist Pflicht der Gemeinde, dafür zu sorgen, daß unsere Kinder in demselben religiösen Geiste erzogen wienden, wie wir von unseren Eltern erzogen wurden. Auch was den Gottesdienst So. den Wiener Synagogen betrifft, so kann man sagen, daß derselbe sich auf einer sehr hohen Stufe befindet Es bliebe nur zu wünschen, daß sich alle Rabbiner und zwar ausnahmlos ihrer hohen\und schönen Aufgabe bewußt werden, wahre Lehrer und Mehrer ihrer Gemeinde zu sein und nicht das hohe Amt das ihnen zuteil geworden ist dazu mißbrauchen, um von der Kanzel herab Parteipolitik zu treiben. Wenn der sorgenbedrückte Jude in den Tieimpel geht, danin will er dort frei von allem Irdischen einige Stunden einzig und allein seinem Gotte widmen und nicht auch während dieser Zeit mit Politik und Alltagsleben belastet werden (Allgemeine Zustimmung). Was die dritte Säule anbelangt, auf welcher die Welt beruht, nämlich die Wohltätigkeit, so hat auch auf diesem Gebiet dtie Gemeinde Vieles und Schönes geleistet dank der Opferwilligkeit der Wiener jüdischen Bevölkerung, welche trotz der grenzenlosen wirtschaftlichen Not des letzten Jahres den Voranschlag der Gemeinde, der mit 16 Milliarden prälimmiert war, noch um eine volle Milliarde übertroffen hat. Das Gebot der Thora, jeder möge nach seinem Vermögen und nach diem Segen geben, den ihm Gott gegeben hat, hier ist es in Wirklichkeit umgesetzt worden und wahrlich, die Wiener Judenschaft verdient ob dieseT Opferbereitschaft das höchsteLob. Meine Damen und Herren! Die Institutionen der Gemeinde wurden von unseren Eltern geschaffen. Es ist unsere Pflicht, diese unseren Kindern ungeschmälert zu erhalten! (Lebhafter Beifall.) Da infolge Krankheit der Vorsitzende der Jugendgruppe Herr Dr. Benno T e n n e t nicht in der Lage war, das Referat über „Hoch'schulantisemitismus" zu erstatten, das für die nächste Versammlung verschoben wurde, und für einen anderen Redner dieser Vereinigung die Stunde schon zu weit vorgerückt war, schloß der Vorsitzende mi!t Dankesworten die Versammlung, für deren Zustandekommen sich auch die Vorstandsmitglieder der Ortsgruppe II, Bethausvorstand S. E r n s t, Bezirksrat Kultusrat E. Hoffmann und Oskan Tone 11 o besonders verdient gemacht haben. Unsere Sisyphus-Arfeeit. Von B. S e g e 1. Sehr geehrter Herr Redakteur! Sie haben mich oftmals aufgefordert, zu den immer von neuem auftauchenden Büchern und Aufsätzen Stellung zu nehmen, die die Echtheit der Protokolle der Weisen von Zion mittels neuer Beweise erhärten, oder die von mir erbrachten Beweise der Fälschung widerlegen. Ich habe Ihrem Rufe bisher nicht Folge geleistet und ich bitte Sie darob um Verzeihung. Aber wozu? Das wäre ja eine endlose Arbeit. In London und Paris erschienen sehr umfangreiche, mit Gelehrsamkeit vollgespickte, sehr kostspielige Bücher, welche die Echtheit der Protokolle und die Existenz des jüdischen Welteroberungsplans „beweisen", jedes der Bücher kündet sich als Vorläufer einer ganzen Serie an, die folgen sollen. In Deutschland und Oesterreich erscheinen alle paar Wochen kurze oder lange Zeitungsaufsätze in unabsehbarer Zahl, die dasselbe predigen. Auf die bisherigen Beweise ihrer Gegner; besonders auf die von mir in meinem Protokollbuch vorgebrachten, gehen diese Geisteserzeugnisse überhaupt nicht ein, oder sie tun sie mit läppischen Witzen oder schamlosen Verdrehungen ab. Sie halten es offenbar nicht im geringsten für nötig, auf diese Beweise einzugehen. Wie kommt das? Einfach darum, weil die Antisemiten ganz genau wissen, daß unsere Argumente im nichtjüdischen Publikum so gut wie ganz unbekannt sind. Das ist unsere Schuld. Wir sorgen nicht dafür, daß unsere Abwehrliteratur auch1 zu denjenigen gelange, für die sie bestimmt ist. Die von