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Die Wahrheit · 1925-12-25 · Heft 51 (25.12.1925) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 51 (25.12.1925)
Date
1925-12-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 51 DIE WAHRHEIT Seite 3 Herren: Wir wollen das werden, was im Deutschen Reiche der „Ccntralver ein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" ist. Denn auch wir Österreichische Juden sind deutsche Juden, auch-%wir bekennen uns zur deutschen Kulturgemeinschaft." Hierauf hielt Herr Dr. Rudolf Scharmann einen Vortrag über „das Problem des deutschen Juden". Die ungemein tief durchdachten, gedankenvollen Ausführungen des Redners, die auf zahlreichen historischen und literarischen Anführungen fundiert waren, machten auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck und reicher Beifall belohnte den Vortragenden am Schlüsse seiner Rede für seine Ausführungen. Präsident Dr. Jakob Ornstein eröffnete seine Rede damit, daß er die auf Grund des zahlreichen Besuches dieser Versammlung vollauf berechtigte Hoffnung aussprach, daß ihr noch viele weitere solcher Abende folgen werden. „Meine Damen und Herren! Gestatten Ste* daß ich Sie aus dem hohen Gebiete des Geistes, in dem Sie soeben verweilt haben, auf das reale Gebiet des gegenwärtigen Lebens und Wirkens unserer Gemeinde führe. Ich bin mir dessen bewußt, daß es nicht möglich ist, das Thema: Israelitische Kultusgemeinde auch nur einigermaßen erschöpfend an einem Abend zu behandeln. Wollte ich ausführlich über die Vorgänge in unserer Gemeinde berichten, dann müßten wir wohl wie einst jene Weisen, von denen in der Hagadah berichtet wird, bis zum Morgengrauen hier bleiben und auch dann, glaube ich, hätte ich Ihnen nicht alles gesagt. Ich kann Ihnen daher nur einen kurzen Ausschnitt unserer Tätigkeit im Dienste der Gemeinde geben, gewissermaßen „Miszellen aus der Kultusgemeindestube". Und so werfe ich, gleich in medias res übergehend, in die Masse meiner verehrten Zuhörer das Wort: Budapest, das in den letzten Tagen geradezu zum Schlagwort geworden ist. Dies dank der Agitation der Jüdischnation a 1 e n." Der Vortragende beleuchtete sodann die Verschiedenheiten in der verfassungsmäßigen Fundierung der Gleichberechtigung der Juden in Oesterreich und in Ungarn und zeigte, warum die vor nunmehr 30 Jahren erfolgte Rezeption der jüdischen Religion in Ungarn für das ungarische Judentum von fundamentaler Bedeutung geworden ist. „Wenn nun die gesamte ungarische Judenschaft die dreißigste Wiederkehr dieses denkwürdigen Tages und gleichzeitig den 125jährigen Bestand der größten jüdischen Gemeinde Ungarns feierlich begangen hat und die Wiener Israelitische Kultusgemeinde seitens der Budapester Schwestergemeinde zur Feier dieses Doppeljubiläums eingeladen worden ist. dann wäre es d i © p r i m 11 i v s t e Pflicht der Höflichkeit gewesen, djiese Einlassen. Wie der Talmud sich ausdrückt, denken sie sich: „Wer wird gegen mich zeugen, mich verraten?" Doch derselbe Talmud warnt, denn „die Steine des Hauses, die Balken des Daches sind Zeugen." Wände haben Ohren und einen „Geist" glfbt es, mit Namen Asmodai, der durch alle Mauern schaut. Ob dieser ein guter oder ein böser Geist ist, läßt sich nicht feststellen,, aber In der Zeit der Not ist er sicher der Geist des Neides und der Mißgunst und wird nichts Gutes erzählen von dem, was er gesehen hat. Ein anderer Talmudlehrer behauptet, daß zwei Engel den Menschen begleiten und Zeugnis abgeben, ob er an der Not aller wahrhaft Anteil genommen hat. Ein dritter sagt „die Seele des Menschen", ein vierter, „die Glieder des Mensohen sind die Zeugen, di© aussagen." Auch das ist richtig; denn das Gehaben und Benehmen, die unsichtbaren Begleiter der Person, die seelische Verfassung, die sich bemänteln, aber nicht ausschalten läßt und schließlich der Zustand dies Körpers ist und bleibt für den, der darbt oder sich des Wohllebens erfreut, ein Beweis zu seinen Gunsten oder Ungunsten. Josef hat bekanntlich von Pharao den Namen Zofnat Paneach erhalten. Dieser Name will saugen, daß sein Träger das Verborgen© kennt, tiefe Weisheit besitzt und im die Geheimnisse der Welt einzudringen imstande ist. Wenn durch nichts anderes, so hätte sich Josef diesen Ehrennamen durch sefn Verhalten in der Zeit der Not, „Brot entsprechend den Kindern" den Seinigen zuzuteilen, verdient. Er hat hinsichtlich der Verpflegung in der Zeit des Hungers das größte Geheimnis der Volksseele für alle Zukunft offenbart Wenn alle Augen Brot suchen, ist die „volle Schüssel" eräie böse G^be. denn ,4er Mensch muß nrt seiner Gemeinde, seiner Stadt und seinen Mitmenschen Leid und Not teilen." K. ladung anzunehmen, zumal wir mit der jubilierenden Gemeinde seit vielen, vielen Jahren die innigsten Begehungen aufrechterhalten. Die Jüdischnationalen jedoch benützten die Einladung zu einer absolut unpassenden politischen Kundgebung, welche s*ch zu einer direkten Explosion gestaltete Durch eine Zufallsabstimmung gelang es der Minorität in der Kultusgemeinde, der Majoritätspartei sowie der überwiegenden Mehrheit der Wiener Judenschaft 'hren Willen aufzuoktroyeren, und so kam es, daß dfe Wiener Kultusgemeinde bei den Budapester Feierlichkeiten nicht vertreten sein konnte. Der Klub der Mehrheitspartei beschloß hierauf, Herrn Dr. T i c h o und mich nach Budapest zu senden, um der jubilierenden Gemeinde sowie der gesamten ungarischen Judenschaft dfe Glückwünsche des überwiegenden Teiles der Wiener Juden zu übermitteln. Ich will betonen, daß es uns nicht bloß darum zu tun war, einer selbstverständlichen Höflichkeitspflicht zu genügen, sondern den ungarischen Juden, dfe so Furchtbares in den letzten Jahren zu überstehen hatten, die Bruderhand zu drücken und ihnen zu sagen: Wir kommen zu euch als Brüder! (Lebhafter Beifall.) Es gehört sicherlich mehr Mut dazu, in der Zeit des roten und weißen Schreckens sein Judentum nicht zu verleugnen, als hier tn Wren in Versammlungen und in der Gemeindestube große Reden zu halten und Abwesende mit Kot zu bewerfen. In diesem Zusammenhange kann ich es nicht unterlassen, auf die Taktlosigkeit eines Herrn, ich meine Herrn Dr. Klee aus Berlin, hinzuweisen, der als Gast in einem fremden Lande sich nicht gescheut hat, die Handlungen einer öffentlichen Körperschaft dieses Landes zu kritisieren, und im Zusammenhang mit einer uns befreundeten Gemeinde von „K a s t r atentum" zu sprechen. Meine Damen und Herren! Ich war vor einem Jahre in Budapest und zwar auf Veranlassung gerade des Herrn Lucien Wolf, eines Nichtzionisten, der im Namen der größten jüdischen Vereinigung der Welt die Akt'on gegen den Numerus clausus vor dem Völkerbund eingeleitet hat. Schon damals haben die ungarischen Juden den Standpunkt vertreten, daß es nicht angehe, sich auf das Ausland oder auf eine Aktion des Auslandes zu stützen; wenn eine Angelegenheit im eigenen Hause auszutragen ist. Schon damals haben die verantwortlichen Vertreter der ungarischen Judenschaft mir gesagt, daß die Abschaffung des Numerus clausus auf Grund ein'es Diktates des Auslandes zur Folge haben könnte, daß dfe fünf Prozent Juden, die derzeit an der Budapester Universität studieren dürfen, glatt erschlagen werden. Diese Verantwortung können die ungarischen Juden nicht auf sich nehmen, zumal sie das Versprechen von ihrer eigenen Regierung erhalten h^ben, daß der Numerus clausus in kürzester Zeit abgeschafft werden soll. Ems gleiche Erklärung gab der Vertreter Ungarns vor dem Völkerbund ab, welcher nicht einmal die Rechtsfrage erörterte, sondern sich mit der Kenntnisnahme dieser Erklärung zufriedengab. So diplomatisch handelte der von den Jüdischnationalen so hoch gepriesene Völkerbund, er schloß nichts anderes als ein faules Kompromiß. Das kann uns von diesem Forum nicht weiter wundern, das so oft versagt hat (Zwischenruf Mossul). Ja, Mossul, aber auch deutsches Land! ObeTSchlesien! Als Reisebegleitung haben wir nun einen Artikel der „M o r g e n z e i t u ra g" mit auf den Weg bekommen, der, wie mir von einem Augenzeugen berichtet wird, in jenem Moment entstanden ist, als in der Kultusgemeinde-Sitzung, in weicher die Reise nach Budapest vereitelt wurde, eine hochwillkommene Unterbrechung eintrat Die Argumente des jüdischnationalen Redners wurden einfach mit einigen Kraftausdrücken gewürzt und der .Xeitarttkel" war fertig. Es ist ja bezeichnend, daß in Oesterreich die Politik hauptsächlich in ..Leitartikeln" betrieben wird, und warum sollen sich die Jüdischnationalen diese beaueme und so wirksame Art des Polit'kums entereben lassen? ... In einem zweiten Artikel, dessen niederträchtige, gemeine Beschimpfungen nicht genug scharf zurückgewiesen werden können, wurden die ungarischen Juden als .,e h r 1 o s" bttzeichnet und ebenso die. welche nach Budapest resen. Ich will darauf in Bezug auf die ungarischen Juden nur erwidern, was mir S^n-tor Pal. ein Mann, der mindestPns soviel Mut besitzt als die üidischnationalen Schreier, gesagt hat: ..M e 1 d e n. S i e in Wien daß wir stolze und aufrechte Juden sind!" Was uns anbelangt, so überlasse ich d?s Urte'l eetrost Ihnen! Meine Damen und Herren! Wir haben in Budapest echtes und rechtes jüdisches Leben gesehen und ich kann Ihnen nur sagen, daß wir uns in vielen Beziehungen an der ungarischen

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