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Die Wahrheit · 1925-12-25 · Heft 51 (25.12.1925) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 51 (25.12.1925)
Date
1925-12-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 51 Juden, erworben hat. Die „Union'4 war sich der Pflicht bewußt, die sie gegenüber ihrer ruhmvollen Vergangenheit in der traurigen Gegenwart für eine ehrenvolle Zukunft zu erfüllen hatte, und sie, die treue Wächterin und Schirmerin der österreichischen Juden trat gerade im richtigen Moment hervor, als sie im vergangenen Herbst die Initiative zur Vereinigung aller realpolitisch denkenden Juden Oesterreichs ergriff. Realpolitik, das ist das Gebot der Stunde, das ist die einzig mögliche Politik in Oesterreich. Angesichts der Tatsache, daß das Judentum in Oesterreich bei seiner großen Zahl offener und versteckter Feinde keinen wahren Beschützer besitzt, fand die Parole der „Union" in den Kreisen der österreichischen Juden begeisterten Widerhall: Wir österreichischen Juden wollen als Bürger dieses Staates mit gesetzlichen Mitteln unsere Bürgerrechte wahren. Wir lehnen jede Sonderstellung ab und wollen unser Recht nicht durch einen von außen auf unseren Staat geübten Zwang, sondern durch eine im Inneren geübte Freiheit gewährleistet haben. Ein äußeres Zeichen dafür, daß diese Politik die Zustimmung der weitesten Kreise der österreichischen Judenschaft besitzt, bot der glänzende Verlauf der letzten Versammlung der „Union", die am 16. d. M. im Festsaale des Gemeindehauses im IL Bezirk stattfand. Von nah und fern eilte die Wiener Judenschaft zu dieser Versammlung und ein befreiendes Aufatmen ging durch die große Zahl der Versammelten, als das Programm der „Union" verkündet wurde. Es war ein Schritt aus dem Dunkel und der Verworrenheit der Partei- und Kompromißpoütik in das Licht der reinen politischen Erkenntnis, es war der Beginn der Selbstbesinnung der österreichischen Juden. Besonders eines ist ein untrügliches Zeichen für die Bedeutung, die der von der „Union" eingeleiteten Bewegung zukommt. Man sah unter den Anwesenden auch viele junge Leute, ein deutlicher Beweis dafür, daß nunmehr auch die Jugend, der nationalen Schlagworte überdrüssig, dorthin geht, wo ihr eigentlicher Platz ist, an die Seite ihrer Väter. Und das erfüllt uns mit großer Zuversicht: „Denn", wie Medizinalrat Dr. Haase in seiner Eröffnungsrede treffend gesagt hat, „w e r d i e J u g e n d h a t, d e m gehört die Zukunft." * Der Vorsitzeade der Ortsgruppe II. der „U n i o n", Medizinalrat Dr. Heinrich Haase, eröffnete die Versammlung mit einer Begrüßung der Mitglieder und zahlreichen Gäste. Er begrüßte insbesonders die Jugendgruppe, derem Existenz ein Beweis diafür ist, daß die Ideen der „U n i o n" bei der jüdischen Jugend Anklang finden. „Diese Tatsache erfüllt uns mfft freudiger Genugtuung, da wir uns der Jugend und damit der Zukunft versichert haben." Wenn die Ortsgruppe IL, führte der Redner weiter aus, nicht jene Aktivität entfaltet hat, die ihrer numerischen Größe entsprechen würde, so sind dafür sowohl innere als auch äußere Gründe maßgebend. Der wichtigste dürfte wohl darin gelegen sein, daß der Freisinn und zumal der jüdlische Freisinn in hundert verschiedene Gruppen und Schattierungen zersplittert ist. Die Politik der „U n S on" ist einzig und allein ein« Abwehrpolitik. Die Abwehr besteht indessen in einem zähen und unablässiges Kampf für unser Recht und in diesem Sinne ist die Abwehr keineibloß negative, sondern eine positive, aufbauende Tätigkeit. Unser Kampf muß gegen zwei Fronten geführt werden: Der eine Feind ist die hundertköpfige Hydra des Antisemitismus, eines uns in unserer Existenz bedrohenden: Judenhasses. In unserem Kampfe für die soziale und politische Gleichberechtigung und die vollkommene Gleichstellung der Angehörigen der jüdischen Konfession mit denen aller übrigen Glaubensbekenntnisse ist uns leider auch im eigenen Lager ein Gegner entstanden, der an Stellte des schwer erkämpften Rechtes der politischen Gleichstellung ein Minoratätenrecht setzen will, das uns zu Staatsbürgern zweiter Klasse machen würde. Die Partei, welche solches will, sind die Jüdäschnationalen. Vielleicht war deshalb der von der „U n i o n" seinerzeit unternommene Versuch, mit dieser Gruppe zusammenzuarbeiten, ein Fehler, vielleicht hätte diei Wahlgemeinschaft nicht geschlossen werden sollen. Jetzt wässen wir es: Ein weiteres Zusammenarbeiten mit dieser Partei des Terrors ist fernerhin unmöglich. Meine Damen und Feuilleton In der Hungersnot. „Josef versorgte seinen Vater und seine Brüder und das ganz Haus seines Vaters mit Brot nach Verhältnis der Kinder." I, 47, 12 Die biblische Gestalt Josefs hat Lobredner und Tadler gefunden. Bekannt ist, daß die Gegner in ihm den Kornwueherer sehen, der das Getreide dein hungernden Volke vorenthält und nur verkauft, indem er nach und nach alles, was Wert hat, aus dem Volke herauszieht, bis er die Menschen selbst d!em Pharao zu Sklaven erworben hat. Wird die schwierige Aufgabe1, im der Zeit der Hungersnot Brotverteiler zu sein, mit feindseligem Auge angesehen, so braucht solch ein Urteil niemand in Staupen zu setzen. Immerhin verzeichnet die Heftige Schrift: „Josef versorgte seinen Vater und seine Brüder und das ganze Haus seines Vaters." Wie soll man das verstehen? Soll das Lob oder Tadel sein? Wenn ersteres, so Ist es kein besonderes Verdienst, wenn ein Sohn, dem es gut geht, seinen alten Vater und dessen Haus versorgt, uarisoweniger, da er ja ausdrücklich, versprochen hat: „Ich werde dich dort versorgen." Wenn letzteres, so wird er leicht damit entschuldigt, daß man doch nicht erwarten darf, daß er, der alle versorgt sich um die Seinen nicht gekümmert haben würde. Weder dieses noch jenes soll mit den Worten der Schrift gesagt sein. Der Nachdruck liegt auf den Worten: „nach dem Verhältnis der Kinder" und sehr richtig bemerkt ein alter Erklärer: „Obwohl es im der Macht Josefs stand, den Seimgen reichlich und überreichlich Nahrung zukommen zu lassen, so gab er ihnen nur in dem ihnen zukommenden, auskömmlichen Maße." So hatte auch Josef versprochen:. „Ich werde dich dort versorgen, damit du nicht verarmst". Einzelne brauchen nicht reich werden, wenn die Allgemeinheit hungert. Wenn allenthalben Not und Elend herrscht; sollen einige wenige nicht an üppigen Tafeln schmausen. Das entspricht dem, -was der Talmud sagt: „Wenn eine Allgemeinheit in Not ist, soll der einzelne nicht sagen: Ich werde essen, trinken in meinem Hause und es mir gut gehen lassen." R. Jehuda lehrte im Namen Raws: „Wer in Jahren der Hungersnot selbst hungert, ist bewahrt vor einem gewaltsamen Tode". Ein Beispiel dafür, daß sich niemand zu gut dünken dürfe, mittzuledden und mitzuentbehren, ist das Verhalten, das Moses in der Zeit des Kampfes gegen Amalek bekundete. Bekanntlich betete er unablässig mit erhobenen Händen um den Sieg Israels. Aber die Hände Moses' erlahmten unidi es war, wenn Moses die Hände erhoben hielt, so siegte Israel, und wenn er sie sinken ließ, so siegte Amalek. Da brachte Arpn und Hur einen Stein und stützen die Hände Moses. „Gab es denn", so fragt der Talmud, „keinen Polster, kein Kissen, daß man einen Steäh nehmen mußte?" .Die Antwort lautete: „Da Israel ini Not und Bedrängnis ist", sprach Mosesi. „so wäl auch ich mit ihnen in Not sein!" Die Solidarität in Not und Entbehrung ist nicht nur sittlich schön, sie ist auch ein Gebot sozialer Klugheit, weil man nie ungestraft dile begehrlichen Blicke reizen darf. Sagt ja die Geschichte von Josef, dem Sohne des berühmtem Samuel ha-nagid, daß seine Prachtliebe in Verbindung mit dem Mangel an Vorsicht und Bescheidenheit den Haß der maurischen Bevölkerung erregte, der sich bald zu offener Feindschaft und Empörung steigerte. Er selbst, aber auch die ganze jüdische Gemeinde von Granada fiel im Jahre 1066 der neidischen Menge zum Opfer. Darum sind viele durch Erfahrung klug gieworde* und zeigen in schweren Zeiten die Tugend der Entbehrung nach außen hin, während sie sich im Geheimen nichts abgehen

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