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Die Wahrheit · 1925-12-25 · Heft 51 (25.12.1925) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 51 (25.12.1925)
Date
1925-12-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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WAHRHEIT Österreichische Wochenschrift lOr ffidisdie lnferessen mt dem Bei&laff: Veroiienilichnngen der ..Union deutschösterreichisdier Jaden Redaktion und Administration: WScn MB., H<gigB«Bartr€»IS« 93. - Fernruf 42-2-16_ XLI. Jahrgang Wien, 25. Dezember 1925 Nummer 51 Realpolitik! Das abgelaufene Jahr hat für die österreichische Judenschaft mehrere bemerkenswerte Ereignisse gebracht. Inmitten einer großen wirtschaftlichen Not, von der ganz Oesterreich, insbesondere Wien betroffen wurde, ist das politische Leben in Oesterreich fortgeschritten im Sinne einer Verschärfung der politischen Gegensätze innerhalb und außerhalb der Judenschait, welche beklagenswerte Entwicklung in einer zunehmenden Verrohung und Entsittlichung des politischen Lebens zum Ausdruck kommt. Die antisemitische Hetze hat Formen angenommen, die bis zur offenen Aufforderung zu Mord und Totschlag gediehen ist; die Boykottbewegung in österreichischen Städten und die Vorgänge an den Hochschulen sind nur die Symptome einer weitgehenden Erkrankung, die unser staatliches und gesellschaftliches Leben ergriffen hat. Den Höhepunkt hat diese Erkrankung in den maßlosen antisemitischen Ausschreitungen gefunden, die sich zur Zeit des Zionistenkongresses in Wien abgespielt haben und die Oesterreich moralisch und, wirtschaftlich schwer geschädigt hatten. Haben auch infolge innerer Spaltungen im antisemitischen Lager und infolge abnehmender materieller Unterstützung von außen die wilden Ausbrüche fanatischen Hasses an Zahl und Stärke in letzter Zeit abgenommen, so darf uns das nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Antisemitismus in Oesterreich, mag er auch äußerlich weniger in Erscheinung treten, nach wie vor unser politisches und geistiges Leben vergiftet, nach wie vor unsere Hochschulen in seinem Banne hält, nach wie vor sich zu Gewalttätigkeiten verdichten kann. Ebenso wie gewissenlose Politiker die Kluft zwischen jüdischen und nichtjüdischen Bürgern unseres Staates vergrößern wollen, so machte sich auch im jüdischen Lager, verstärkt durch das Treiben mancher jüdischnationaler Politiker, gerade in der Zeit, die Einigkeit erfordert hätte, eine Spaltung bemerkbar. Die Schuldtragenden sind die gleichen Männer, die auch im zionistischen Lager stets Unruhe stiften. Sie waren es, die vor dem Zionistenkongreß, dessen Verlegung nach Wien mit Absicht geschah, in Versammlungen und insbesondere in ihrer Presse eine beispiellos demagogische Kampagne führten. So erreichte denn der Zionistenkongreß, der zugleich als Demonstration auch für das nichtnationale Wien geplant war, absolut nicht seinen Zweck; er hat nicht nur die längst bestehenden Gegensätze innerhalb des Zionismus geoffenbart, sondern auch die Methoden und Praktiken radikaler zionistischer Politiker innerhalb des Zionismus, deren Wortführer gerade Wiener Jüdischnationale waren, deutlich an den Tag gelegt. Durch diesen Radikalismus verlieren die Wiener Jüdischnationalen die Führung im eigenen Lager, was unter anderem in dem Abfall einer großen Gruppe bisheriger Parteigenossen und der Bildung einer „Freien zionistischen Vereinigung'1, die jede Landespolitik ablehnt, zum Ausdrucke kommt. Bei diesem Verhältnis im Inneren der jüdischnationalen Partei darf es uns nicht wundern, daß die Anziehungskraft der nationalen Idee auch nach außen hin geschwunden ist, daß sich die überwiegende Mehrheit der österreichischen Juden trotz ihrer Sympathien für den Wiederaufbau Palästinas in der vollkommenen Ablehnung der jüdischnationalen Politik und zumal der Politik der Wiener Jüdischnationalen e i n i g i s t. Es hat also der Zionistenkongreß gerade den entgegengesetzten Effekt gehabt, als ihn sich die Wiener Jüdischnationalen von seiner Abhaltung gerade in Wien erhofft hatten. Die Stellung der österreichischen Juden nach dem Kongresse war demnach in vieler Hinsicht sowohl nach außen als auch nach innen eine ungeklärte. Nach außen mangelte es nach dem Abschwenken von der jüdischnationalen Politik einer klaren und entschiedenen Stellungnahme zu den Problemen des Staates und der Gesellschaft, im Inneren herrschte Uneinigkeit, Zersplitterung und Parteiungen, welche durch die alibekannten Methoden der jüdischnationalen Politiker verschärft wurden. So mancher Jude, weicher mit offenem Blicke und frei von parteipolitischer Verblendung diese Verhältnisse beobachtete, mußte sich die Frage vorlegen: „Was nun? Was soll geschehen, um die Interessen der österreichischen Juden an diesem Staate und in diesem Staate zur Geltung zu bringen?" Allgemein war das Gefühl vorhanden, daß diese Verhältnisse ungesund sind und bei längerem Andauern von bösen Folgen für die Stellung der österreichischen Juden im allgemeinen und für die jedes einzelnen sein müssen. Es ergab sich somit gewissermaßen von selbst das Bedürfnis nach Zusammenschluß zur Verteidigung der gemeinsamen Interessen, zur Abwehr der gewaltig angewachsenen antisemitischen Bewegung und es war klar, daß dieser Zusammenschluß sich auch gegen jene Politiker richtete, die ihn aus persönlichen oder parteipolitischen Gründen mit allen Mitteln zu verhindern trachten. Der Zentralpunkt, um welchen sich die Gruppierung und Sammlung der nach einem neuen politischen Ausdruck ringenden Juden vollziehen konnte, war bereits gegeben, und zwar in der „Union deutschösterreichischer Jude n4\ welche Vereinigung seit nahezu vierzig Jahren für die Rechte der österreichischen Juden kämpft und sich bereits viele Verdienste um die österreichischen

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