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Die Wahrheit · 1925-12-18 · Heft 50 (18.12.1925) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 50 (18.12.1925)
Date
1925-12-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Ht, 50, blB WAHRtffBT Seite i Wahrheiten vorn Tage Der Numerus clausus vor dem Völkerbund Bei seiner letzten Tagung beschäftigte sich der Völkerbund auf Veranlassung des Joint Foreign Comitte mit der Frage des Numerus clausus. Er ging hierbei von den international kodifizierten Minoritätsgesetzen aus und erörterte zunächst ganz allgemein das Verhältnis von Ausnahmegesetzen, gegen wen immer sie sich wenden mögen und von wem immer sie eingeführt werden sollten, gegenüber den international gültigen Verträgen. Besonders beschäftigte sich der Völkerbund, der zu seinem Berichterstatter über dieses Gebiet den, Brasilianer Mello Franco erwählt hatte, mit dem Numerus clausus in Ungarn, doch nur mit aller Zurückhaltung vor der Souveränität dieses Staates; er erörterte nicht einmal die Rechtsfrage! In einer längeren Rede legte der Referent Mello Franco den Tatbestand1 dar, ohne im übrigen auf die inneren Verhältnisse Ungarns einzugehen. Auf diese Rede antwortete der Vertreter Ungarns, Unterrichtnxnister Graf Klebeisberg. Gewiß ist es peinlich, eine schlechte Sache vertreten zu müssen, und Graf Klebeisberg hatte als Verteidiger des ungarischen Staates, der als Angeklagter vor dem Völkerbund erschienen war, eine sehr schlechte Sache zu verteidigen, ein Gesetz, das nicht nur den internationalen Verträgen widerspricht, sondern auch allen Geboten der Kultur und Humanität ins Gesicht schlägt. Denn der Numerus clausus, das heißt, die willkürliche Beschränkung der Zahl jüdischer Studenten nach dem jeweiligen Dafürhalten der herrschenden Parteien, ist unvereinbar auch mit dem Friedensvertrage von Trianon, der in seinem achtundiünfzigsten Paragraphen festsetzt, „d a ß jeder ungarische Staatsbürger ohne Unterschied der Rasse, Muttersprache und Religion die gleichen bürgerlichen und politischen Rechte genießen solle"; er ist aber auch unvereinbar mit den modernen Rechtsanschauungen, mit jenen Gesetzen von Recht und Sittlichkeit, die in allen kultivierten Staaten zum Durchbruch gelangt sind. Und so blieb Herrn Klebelsberg nichts anderes übrig, als durch Entstellungen die Dinge in ihr Gegenteil umzukehren. Er leugnete, daß der Numerus clausus gegen die Juden gerichtet sei und vergaß hierbei, daß dieses Gesetz im Jahre 1920, zur Zeit der imgarischen Pogrompolitik, vom damaligen Unierriehtsminister Stephan Ha Her geschaffen wurde, um, wie es in der Begründung heißt, die Vorherrschaft der Juden' zu unterdrücken. Er behauptete, daß das Gesetz bloß aus wir tschaftspoü tischen Gründen geschaffen worden, und übersah, daß es der ungarischen Wirtschaft durchaus nicht zuträglich sein könne, wenn hunderte ungarische Studenten jüdischen Qaiubens gezwungen sind, fern "der Heimat ihre Studien zu vollenden; ja Herr Klebeisberg wagte sogar (ohne Widerspruch der Völkerbunddiplomaten!) zu behaupten, daß die konfessionelle Kontingentierung geradezu zum Schutze der Juden vorhanden sei, denn sonst könnten vielleicht noch weniger jüdische Studenten die 'ungarischen Hochschulen besuchen. Durch diese Rede hat Grai Klcbtlsberg dem ungarischen Staate wahrlich einen sehr schlechten Dienst erwiesen, er hat das Ansehen seines Landes vor aller Welt herabgesetzt. Er, der gewissennialJen als ein umgekehrter Bileam ausgezogen ist, um zu verteidigen, hat wider Willen und Absicht eine Anklagerede halten müssen. Denn jeder Satz, jedes Wort in seiner Rede vor dem Völkerbund, die das Ausnahmegesetz gegen die jüdischen Bürger beschönigen sollte, war eine Anklage gegen die Zustände, die noch heute, sechs Jahre nach dem Krieg und Revolution in Ungarn herrschen. Und weil er dies vielleicht selbst einsah, erklärte er schließlich, daß das Numerus-clausus-Gesetz ohnedies eine Uebergangsmaßnahme darsteile und Bestrebungen im Gange sind, dasselbe in kürzester Zeit abzuändern. Diese vor einem internationalen Forum abgegebene Erklärung war den ungarischen Juden schon lange vorher gegeben worden, deren Loyalität gerade in dieser Frage sich auf diese von der Regierung gegebene Zusage stützt und sich erst vor kurzem bei den Budapester Feierlichkeiten trotz des Berliner „Makkabäers" Dr. K1 e e, über den noch zu sprechen sein wird, dokumentierte. Und so wie die ungarischen „Kastratenjuden" nahm auch der Völkerbund diese Erklärung zur Kenntnis und gab der Erwartung Ausdruck, daß das den Numerus clausus beinhaltende Gesetz in naher Zukunft abgeändert werde. Das Urteil, das somit nun auch der Kompromiß-Völkerbund über den Numerus clausus gefällt hat, war bereits längst gefällt Alle Gebildeten, alle rechtlich denkenden Menschen der Welt waren sich längst darüber einig, daß ein solches dem Hasse und der Verfolgungswut entspringendes Gesetz, wo immer es eingeführt werden sollte, ein Schandmal der Kultur, einen Rückfall in die finstersten Zeiten des Mittelalters darstellt. Möge die Stellungnahme selbst des Völkerbundes endlich auch jenen die Augen öffnen, die auch in anderen Ländern mit Ausnahmegesetzen gegen die Juden sympathisieren, mögen sie sich dessen bewußt werden, was der einstimmig gefaßte Beschluß des internationalen Forums bedeutet: Das Prinzip des Numerus clausus ist gefallen! Sein wirksamstes Argument Die „Berliner Jüdisch- Liberale Zeitung" hatte sich an den bedeutenden Schauspieler Karl E 11 i n g e r, dessen Werk „Moiitzchens Tagebuch" (Verlag Louis Lamm, Berlin) — von Geheimrat Professor Dr. Ludwig Geiger, als eine der wirksamsten Humoresken deutscher Sprache bezeichnet — das Entzücken aller jüdischen Leser gebildet hat. mit der Bitte um Mitarbeit gewendet. Darauf sandte Etiinger, der als Schriftsteller unter dem Namen „Karlchen" schreibt, diesen Beitrag: „Als achtjähriges Kind habe ich — (ich bin nämlich Arier, Christ) — meine erste antisemitische Aeußerung getan, worauf mein Onkel (ebenfalls Arier und Bauerasohn) einen Ochsenziemer nahm und mir eindrucksvoll urad! schlagend erklärtest „Wie der Nächste zu lieben sei!" Diesem so empfangenen körperlichen Eindruck bin ich mit den Jahren geistig nachgekommen und halte nunmehr als reifer Mann die Methode meines Oheims für die einzige Form der geistigen Auseinandersetzung mit diesem Problem." Antisemitismus. Unter dieser Ueberschrift berichtet Erich Leopold in der Berliner Zeitschrift „Die W e 11bühn e" das folgende bezeichnende Erlebnis: „Ich kenne eine evangelische Oberlehrerin an einer höheren Mädchenschule im Westen Berlins. Die erzählte: Seit etwa einem Jahr ist in unserer Schule eingeführt, daß die Mädchen für eine benachbarte Gemeinideschule Frühstück sammeln, das heißt: entweder ein Frühstück für die unbemittelten Kinder mitbringen oder von ihrem was abgeben. Die Frühstücksportionen werden morgens beim Schuldiener eingeliefert und von einem Kinid der Gemeindeschule zu bestimmter Zeit abgeholt. Es wurden im Durchschnitt täglich 30 bis 40 Portionen gezählt Am jüdischen Feiertag stellte sich heraus, daß beim Schuldiener nur ein einziges Frühstück, nämlich das meine, abgegeben war. Ich befragte meine Schülerinnen, warum heute weiter kein Frühstück abgeliefert sei, und erhielt die einstimmige» Antwort: „Dafür sorgen doch immer die jüdischen Schülerinnen." Düese jüdischen Schülerinnen büden den dritten Teil d-er Schule und sind von den andern zwei Drittein gemieden. Woher stammt Antisemitismus? Welch alberne und müßige Frage wird man sagen. Solange Gehässigkeit, Nekl und Dummheit übet menschliches Gemeinsamkeitsgefühl triumphieren, gab es ihn, wird es ihn geben. Wie aber ist das Wort— als zusammenfassende Bezeichnung aller nach Vernichtung des Judentums zielenden Strebungen — in die Politik gekommen? Das ist fast unbekannt. Und doch hat J. Landau, der jetzt im wohlverdienten Ruhestand lebende Chefredakteur des Berliner „Börsen-Courier", als erster und einziger die Entstehungsgeschichte des Wortes „Antisemitismus" aufgezeigt. In einem von Georg Büchmann zitierten Vortrag, den er in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts hieit, sagte Landau: „Einer der Gründer des Norddeutschen Lloyds, Meyer, der kein „Antisemit" war, hatte einmal im Reichstage über die Judenschaft zu sprechen. Es war ihm peinlich den Ausdruck „Jude" zu gebrauchen. Deshalb sprach Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detail verkauf: Wien IL, Giockengasse 84 Wien II., Taborsfraße 44

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