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Die Wahrheit · 1925-12-11 · Heft 49 (11.12.1925) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 49 (11.12.1925)
Date
1925-12-11
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 49 DtE WAHRHEIT Seite d Den Boykott gegen jüdische Geschäftsleute verkündet der in Salzburg erscheinende „Eiserne Besen" seit Jahr und Tag. Zu diesem Zwecke veröffentlicht er allwöchentlich einen Judenkataster, das ist ein Verzeichnis aller in Salzburg befindlichen Aerzte, Rechtsanwälte und Geschäftsleute jüdischen Glaubens. Besonders in den letzten Wochen führt er einen wütenden Kampf gegen die jüdischen Geschäfte, die er insgesamt der Ausbeutung und Beschwindelung der arischen Kundschaft beschuldigt. Unter der Parole „Ein Christgeschenk und keine Judasgabe" bezeichnet der „Eiserne Besen" jeden Einkauf in einem jüdischen Geschäfte als „Verrat und öffentliche Schande" und erklärt, „daß er keinen Verräter schonen werde". Er stößt also eine öffentliche Drohung aus gegen alle Salzburger, denen es einfallen sollte, einen Einkauf in einem jüdischen Geschäfte, welcher Art immer, zu besorgen und erklärt jeden als „Verräter", der es nicht einsieht, „daß der Kampf gegen die jüdische Seuche eine Volksnotwendigkeit ist, der sich kein arischer Christ entziehen darf." Die Boykottierung aller erwerbstätigen Juden Salzburgs durch die christliche Bevölkerung stellt eine vom Strafgesetze verpönte Handlung dar. Nach mehrfachen oberstgerichtlichen Entscheidungen (P. E. vom 27. Oktober 1896, Zahl 12.384 und 12.385, Sg.-Nr. 1988 und 1989) fällt nämlich auch der Boykott unter jenen Begriff der „Feindseligkeit", welcher nach § 302 Strafgesetz das Vergehen der Aufreizung wider die verschiedenen Nationalitäten (Volksstämme), Religions- oder andere Gesellschaften, Einzelklassen oder Stände begründet. Des Vergehens der Aufreizung in seiner krassesten Form macht sich der „Eiserne Besen" aber auch deshalb schuldig, weil er zur Begründung seiner Boykottpropaganda das Judentum in Bausch und Bogen als größten Feind des arischen Volkes darstellt und so eine wahre P o g r o m s t i m m u n g in der Bevölkerung hervorzurufen sucht. „Das Hebräertum hat unser Riesenelend verursacht und knechtet durch ihre (sie!) Geldmacht das arisch-christliche Volk! Juden schachern, wuchern, beschwindeln und betrügen uns täglich und stündlich. Wer daher noch sein Geld zum Juden trägt, vergrößert das Elend der hungernden' und bettelnden Arier unseres Landes und der Stadt." Wo ist der Staatsanwalt, der diese offenbaren Vergehen gegen das geltende Recht unter Anklage stellt? Wo ist der Richter, der diese nichtswürdigen Beschuldigungen gegen eine anerkannte Religionsgemeinschaft, diese unerhörten Aufreizungen zu Haß und Feindseligkeiten verurteilen würde? Wo bleibt die Behörde, deren Pflicht es ist, die jüdischen Bürger Salzburgs zu schützen? Die jüdischen Kaufleute Salzburgs sind allgemein als reell und anständig anerkannt und auch die christliche Bevökerung dieser Stadt weiß diese Eigenschaften vollauf zu würdigen. Ein Beweis dafür ist, daß es dem „Eisernen Besen" trotz seiner schon seit langem betriebenen Hetze nicht gelungen ist, die christliche Bevölkerung zu veranlassen, ihre gewohnten Einkaufsquellen zu verlassen. Trotz aller Propaganda, Kataster und Verleumdungen genannten Blattes werden die Salzburger dort einkaufen, wo sie bessere, billigere und dauerhaftere Waren erhalten und wo sie besser und befriedigender bedient werden. Der wahre Grund für die erbitterte Preßhetze des „Eisernem Besen" gegen die jüdischen Geschäftsleute ist nicht so sehr der Kampf gegen die „jüdische Seuche" als vielmehr der eigenen Inseratenhunger. In dem gleichen Artikel und zwar unmittelbar auf eine Flut von Beschimpfungen gegen das „jüdische Händlertum" folgt die „dringende Aufforderung an alle Volksgenossen" nur in jenen Geschäften die Einkäufe zu besorgen, „die im Kampfblatte „Der Eiserne Besen" inserieren! Das also ist der Grund, warum anständige Geschäftsleute, steuerzahlende Bürger unseres Staates, mit Kot beworfen, öffentlich beschimpft und boykottiert, warum die Gesetze unseres Staates mit Füßen getreten und verhöhnt werden: damit der „Eiserne Besen" genügend Inserate bekommt Er begleitet diese merkwürdige Art der Inseratenakquisition mit Erpressungs- und Einschüchterungsversuchen gegenüber den eigenen „Volksgenossen" und schreckt nicht davor zurück, diesen gegenüber Drohungen auszustoßen, falls sie bei Juden kaufen. Der Staatsanwalt aber schaut diesem Treiben ruhig zu! Morarescu. Grauenerregend sind die Berichte über die Massenmorde, dfie der rumänische Oberleutnant Morarescu an schütz^ und wehrlosen jüdischen Flüchtlingen vollbracht hat, fassungslos steht man dieser Ausgeburt teuflischer Bestialität gegenüber. Wenn der große Dichter des Mittelalters Dante AUgieri die Qualen der Hölle in bewegten Worten schildert, die Berichte über die Leiden jener armen Juden, die kaum den ukrainischen Pogromen entronnen, dem rumänischen Henker in die Arme gefallen sind, sie übertreffen die Schilderungen des großen Italieners. „Mit dem Kopf nach unten an einen Balken gehängt . . . mit nassen Stricken zu Tode geschlagen.. von rückwärts niedergeschossen . . . acht Juden auf einmal niedergemacht ... ins Wasser geworfen". So lauten die Aussagen der Zeugen, unter anderen auch der Soldaten, deren sich Morarescu zur Ausführung seiner Bluttaten bediente. Der Soldat Onufrei gibt an, daß der Befehl Morarescus gelautet habe „nur jüdische Flüchtlinge zu erschießen". Ein anderer Zeuge sagt unter Eid aus, „Morarescu habe unter anderem ein eineinhalbjähriges Kind in den Armen seiner Mutter erschossen". Dieser Bluthund hat somit gegen Mutter und Kind, die heiligsten Geschöpfe Gottes, seine grausame Waffe gerichtet. Ist ihm, der, wie er angibt, ein gläubiger Christ ist, nicht der Gedanke an das Heiligste gekommen, das Christen verehren? Oh nein! An ganz andere Dinge hat Morarescu gedacht, während er marterte, quälte und hinschlachtete. Auch hierüber geben ims Zeugenaussagen Rechenschaft: .JDurch hohe Summen vom Tode losgekauft . . . gegen hohes Lösegeld freigelassen . . . die Taschen der Getöteten durchsucht . . . nach der Ermordung beraubt und ausgeplündert". Wieviele jüdische Flüchtlinge von diesem Unhold unter furchtbaren Martern getötet wurden, konnte bei der Verhandlung nicht festgestellt werden, da die eingeschüchterten Soldaten begreiflicherweise nur sehr zaghaft mit ihrem furchtbaren Wissen herausrückten. Sichergestellt wurde, daß Morarescu eine große Zahl Juden über das Ufer gelockt habe, das die rumänische Grenze bildet, ja seinen Soldaten sogar den Befehl erteilte, die Flüchtlinge in Kähnen herüberzubringen, um sie bis auf den letzten Mann auszuplündern und hinzuschlachten. Morarescu hat demnach systematischen Mord betrieben. Denkende Menschen geben sich nicht zufrieden mit der Kenntnisnahme von Tatsachen und beruhigen sich selbst dann nicht, wenn es gelungen ist, alle Zusammenhänge klarzulegen, vielmehr kann auch gegenüber Erscheinungen, die so unbegreiflich sind, wie die des menschlichen Ungeheuers Morarescu, die Frage nicht unterdrückt werden: Wie sind derartige Greuel selbst in einer Zeit, die noch unter den Nachwirkungen des grausamsten aller Kriege steht, überhaupt möglich? Die Beantwortung dieser unser Gemüt beunruhigenden Frage soll lediglich versucht werden und zwar durch Aufweisung der Voraussetzungen, bzw. Umstände, unter denen die Massenmorde sich abgespielt haben. Die Bevölkerung Rumäniens besteht zum größten Teil aus Bauern und diese stehen auf tiefster geistiger und kultureller Stufe, abergläubisch und unwissend sind sie die Sklaven der reichen rumänischen Grundbesitzer, für die sie ihr ganzes Leben lang roboten, müssen. Dieser Schichte gehörten auch die Soldaten Morarescus an. Der „kultivierte" Rumäne jedoch, der auf den armen Bauern wie auf ein Tier herabsieht, ist nur äußerlich von französischer Kultur angehaucht. Unter Pelzwerk und kostbarem Geschmeide verbirgt sich oft ein schmutziger Körper, hinter einer oberflächlichen Geistigkeit oft ein niedriger und grausamer Instinkt, der in der Behandlung der Bauern und — Juden zum Vorschein kommt. Leichtsinnig und arbeitsscheu, vergnügungssüchtig und brutal, so treten uns die führenden rumänischen Schichten entgegen, nicht anders verhält es sich mit dem Gros der rumänischen Studenten und Offiziere, der Hauptträger des rumänischen Antisemitismus. An diesen Eigenschaften kann auch ein kurzer Aufenthalt in Paris nichts ändern, dieser kann bestenfalls die innere Roheit äußerlich übertünchen, etwa so wie man ein häßliches Gesicht mit Schminke bedeckt oder einen ungewaschenen Körper mit kostbaren Kleidern. Dies zeigte sich deutlich beim Empfang, welcher dem französischen Dichter und Menschheitsapostel Henry Barbusse von der rumänischen Studentenschaft bereitet wurde, die ihre Franzos nfreundischaft stets im Munde führt. Die dünne Schicht europäischer Kultur reißt also bald entzwei und es offenbart sich uns die ungeschminkte Wirklichkeit; ein stierer Blick, blutunterlaufene Augen, eine haßerfüllte Miene zeigen uns dann das wahre Gesicht des rumänischen Antisemiten; eine teils psychopathische, teils sexuelle Züge aufweisende, ausgesprochen sadistische Grausamkeit gepaart mit Geldgier und gemeinster Habsucht vervollständigen das Bild. Morarescu gab zu seiner Verteidigung an, er habe über höheren Auftrag gehandelt. Mag dies nun richtig oder erlogen sein, der Gedanke allein ist bereits niederschmetternd, daß es im zwanzigsten Jahrhundert einen europäischen Staat gibt, in dem ein des Raubes und vielfachen Mordes angeklagter Verbrecher es. wagen kann, seine Freveltaten mit einem „höheren Auftrag" zu verantworten. Auf diesen „höheren Auftrag" hin wurde Morarescu wahrscheinlich auch freigesprochen.

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