Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 49 (11.12.1925)
- Date
- 1925-12-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DiC WAHRHEIT Seit» $ Glossen. Kardinal Dubois, der Erzbischof von Paris, hat in einem Interview, das er einem Journalisten gewährte, seine Ansichten über den Antisemitismus im allgemeinen und den Rassenantisemitismus im besonderen mit allem nur wünschenswerten Freimut geäußert. Der hohe Kirchenfürst hat selbstverständlich in erster Reihe vom religiösen Standpunkte aus gesprochen, er hat aber auch, da er ein hochstehender Gelehrter ist, seiner wissenschaftlichen Ueberzeugung Ausdruck verliehen. Als Priester erklärte der Kardinal, daß ein gläubiger Katholik in diesen Fragen keinen anderen Standpunkt einnehmen könne, als eben den der Evangelien und diese lehren, daß alle Menschen, gleichviel, welchem Volke oder welcher Religionsgemeinschaft sie angehören, Kinder eines einzigen gütigen Vaters seien, der die Liebe und nicht den Haß gebietet. Welcher wahrhaft gläubige Katholik dürfte da dem Kardinal widersprechen, auch wenn dieser sich nicht darauf berufen hätte, daß der Papst in Rom wiederholt diesem Gedanken Ausdruck verliehen habe. Und auch der ungläubige Jude weiß, daß der Kirchenfürst ruhig hätte hinzufügen dürfen, die Evangelien seien hierin nur das Echo der jüdischen Propheten, die alle verkündeten: „Wir haben einen Vater! Ein Gott hat uns erschaffen!" Der Kardinal Dubois hat auch nicht übersehen, daß der Antisemitismiis den Juden weh tut, ohne deren Religion zu schädigen, aber die Lehren des Christentums von Grund auf zerstört. * * * Als Priester konnte sich der Kardinal allerdings nur an die gläubigen Katholiken wenden und nicht an die Antisemiten, von denen ein großer Teil bereits mit anerkennenswerter Konsequenz gesteht, daß er das Neue Testament mit seiner mosaischen Nächstenliebe ebenso verabscheut wie das Alte Testament, auf dem es aufgebaut ist. Als Mann der Wissenschaft, der vielleicht noch immer glaubt, daß die Wahrheit, zweimal zwei sei vier, auf jeden überzeugend wirken müsse, versucht er jedoch, auch den Rassenfanatikern mit dem Rüstzeug der Wissenschaft entgegenzutreten. Der Kardinal weist darauf hin, daß das Bestreben, dem Antisemitismus mit rassentheoretischen Erwägungen eine wissenschaftliche Grundlage zu verleihen, als verfehlt erscheine, da auch die hervorragendsten französischen Naturforscher sich in der letzten Zeit dafür ausgesprochen haben, daß diese Theorie hohl und nichtig sei. Die Rassentheoretiker zu bekehren, diese Illusion wird Kardinal Dubois wohl aufgeben müssen. Mögen auch alle berufenen Forscher was immer sagen, eines werden sie doch nicht leugnen können: die antisemitischen Rassentheoretiker bilden wirklich eine besondere Rasse. * * * Die „Deutschösterreichische Tageszeitung" gab dieser Tage ihren Lesern bekannt, es stehe auf Grund offizieller amtlicher Daten fest, daß in Sowjet-Rußland dermalen 2,800.000 Juden leben, von denen 784.000 Personen sich im Staatsdienste befinden. Aus diesem perzentuellen Verhältnis wäre ersichtlich, daß, wenn nicht Säuglinge, wohl aber viele jüdische Bübchen, sobald sie die Spielschule verlassen, und wenigstens für ihre eigenen dringendsten Bedürfnis zu sorgen in der Lage sind, irgend ein, wenn auch bescheidenes Plätzchen im Staatsdienst erhalten. Aber die „Dötz" kann sich eine solche Anspruchslosigkeit bei Juden nicht denken und sie versichert daher mit aller Entschiedenheit, daß die 800.000 Juden ausschließlich die höchsten Stellungen in der Sowjet-Regierung bekleiden. Donnerwetter, müssen nach all dem die restlichen zwei Millionen Juden ein gottvolles und arbeitsloses Leben in Rußland führen! Sie können doch wirklich spielend leicht von ihren 800.000, die höchsten Stellungen und daher die höchsten Gehälter einnehmenden Glaubensgenossen erhalten werden. Wie schlecht ergeht es dagegen der übrigen 125—135 Millionen beiderlei Geschlechtes umfassenden nichtjüdischen Bevölkerung in der Sowjet-Republik! Wie die „Dötz" ausgerechnet, entfallen auf diese ungeheure Bevölkerungsmasse alles in allem 500.000 bis 600.000 Angestellte rusrischer Abkunft im Staatsdienst, die aber — wohlgemerkt — durchwegs nur die niederen Rangstufen einnehmen. Das erzählt die „Dötz" allen Ernstes ihren österreichischen Lesern, in der fröhlichen Erwartung, sie mit Erbitterung nicht gegen die russischen Juden, aber gegen die österreichischen zu erfüllen. Ich gebe ja gerne zu, daß die „Dötz" ihre amtlichen Daten einem der verläßlichsten Kretins, den man sich nur vorstellen kann, zu verdanken hat. Ich leugne auch nicht, daß dieser Kretin sich in der Hoffnung nicht getäuscht hat, die „Dötz" sei das berufenste Organ, um mit der eigenen Geistesschärfe und Schlagfertigkeit Kapital aus diesen empörenden Daten zu schlagen. Ueberraschend wäre nur, wenn die „Dötz" selbst unter ihren eiligsten Lesern fände, der sich bei dieser Gelegenheit nicht beiläufig gedacht hatte . . . Doch nein, meine Feder sträubt sich niederzuschreiben, was der hakenkreuzlerischeste Leser sich bei dieser Gelegenheit vom seinem Leibblatt gedacht haben muß. * * * Von Zeit zu Zeit werden überängstliche Verehrer Rothstocks, die ihn zu allen Zeiten als einen höchst idealen mustergültigen Jüngling verehrten, durch Mitteilungen über dessen Befinden in Sorge gestürzt. Jetzt verlautet wieder, der geschiiiz>Q Mörder werde nach Ablauf einiger Monate abermals vor einer Kommission einer Untersuchung auf seinen geistigen Gesundheitszustand unterzogen werden, von deren Ergebnis sein weiteres Schicksal abhängen soll. Die Befürchtung, daß Rothstock, falls man ihn jetzt für geistig gesund fände, nachträglich noch für seine Tat zur Verantworturg gezogen werden könnte, ist ganz grundlos. Wenn einer für die Zeit, da er einen Mord verübte, als irrsinnig erklärt worden war, kann ihm nichts Böses mehr passieren. Die Hauptsache bleibt, daß einer rechtzeitig verrückt ist. Vorher und nachher kann er so gescheit sein, wie er will. * * * Die königliche Kurie hat endgültig das Urteil über Herrn von Beniczky gefällt und es noch ein wenig verschärft. Es wurden ihm noch ein paar Monate mehr gewährt, darüber nachzudenken, wie