Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 49 (11.12.1925)
- Date
- 1925-12-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 wurde zum Tage der Weihe. Die heldenmütigen Sieger entzündeten Lichter und sangen ein neues Lied, denn eine neue Zeit war angebrochen, der Stein hatte sich gelöst, besiegelt war das Geschick des Heidentums, das jüdische Volk hatte sich selbst wieder gefunden. Auch unsere Zeit gleicht in mancher Hinsicht der Zeit vor der Erhebung der Makkabäer; wenn es auch nicht der Geist des heidnischen Altertums ist, der das Judentum zu verschlingen droht, so befindet sich das Israel der Gegenwart in einer ungleich schlimmeren und unheilvolleren Lage; es ist der heidnische Geist des Materialismus, in dessen Fesseln die idealen Güter des Judentums schmachten und die für den Fortbestand von Israels Lehre eine große Gefahr bedeuten. Wenn auch die Taufbewegung der letzten Jahrzehnte stark zurückgegangen ist, kann doch nicht geleugnet und übersehen werden, daß Gleichgültigkeit, Teilnahmslosigkeit jüdischen Interessen gegenüber bei vielen unserer Glaubensgenossen sehr groß sind und in erschreckendem Maße zunehmen. Man bekennt sich zwar voll Stolz zum Judentum, aber um die Pflege und Unterstützung seiner ideellen Güter bekümmert man sich wenig. Schuld an diesem Indifferentismus ist vor allem die Zeitströmung des Materialismus; dieser ist die Bildsäule aus Gold, Silber, Kupfer und Eisen, vor der auch die Judenheit des 20. Jahrhunderts in die Knie sinkt; doch ruht dieses Gebilde nur auf tönernen Füßen. Wo ist der Stein, der wieder imstande ist, dieses Wahn- und Blendwerk zu zermalmen und an dessen Steile ein neues vom Geiste edler Vergangenheit und vom Hauche einer reineren, besseren Zukunft durchwehtes Werk zu setzen, welches das alte, auch zur Makkabäerzeit gesprochene Prophetenwort zur Wahrheit macht: „Nicht durch Kraft, nicht durch Macht, sondern durch den Geist wird das Schwerste vollbracht!"*) Wir brauchen *) Sach. 4,6. Männer und Frauen, die gleich den Hasmonäern von edler und glühender Begeisterung für die idealen Güter des Judentums erfüllt, den Mut und den Enthusiasmus aufbringen, die tote, leblose Masse der Indifferenten mit sich fortzureißen und dem Zeitgeiste in dem Rücken fallend, dem jüdischen Geiste, dem Geiste der Propheten und Gottesmänner, neues Leben einhauchen, auf daß wie einst zur Makkabäerzeit ein neues Licht in Israel erstrahle, das Licht des reinen, geläuterten, durch die Weihe echter Religiosität gehobenen Idealismus, den ein uraltes Volk, welches der Menschheit kostbare Güter geschenkt hat, verloren und nach langem Suchen und manchen Irrwegen wieder gefunden hat. „Das Volk, das lange ZeitinFinsternis gewandelt, sieht ein großes Licht"!*) Diesen Weg des strahlenden- Lichtes zu beschreiten, der uns aus dem Wirrsalen einer trüben Gegenwart einer besseren Zukunft entgegenführt, dafür sei uns das Chanukkafest, das Fest der Lichter, ein ernster Mahner! Nikolsburg, Kislew 5686. Dr. A. W i 11 m a n n. *) Jes. 9,1.! Keren-Hatora I Gegründet im Jahre 5683 mit der Aufgabe/die religiösen! Erziehungs- und Lehranstalten im heiligen Lande und in § | den Ländern der Diaspora zu unterstützen sowie die Lehrer | I und Schüler derselben karitativ zu fördern und mit I allem Notwendigen zu versorgen. Unterstützt insgesamt | | über 500 Thoralehranstalten in Palästina, Oesterreich; < s g Litauen, Lettland, Polen, Rumänien usw. mit insgesamt i : 250.000 Schülern g ■ Spendet anläßlich des Chanukafestes für j Keren-Hatora. Postsparkassenkonto 143.056. S S (Keren Hatora der Agudas-Jisroel.)! Keren-Hatora-Zentrale 1 Wien II , Malzgasse 12a J 1:10! „Da sprach Juda zu seinen Brüdern: Was ist der Gewinn, daß wir unseren Bruder erschlagen und verdecken sein Blut?" I, 37, 26 Der Talmuclehrer Rab warnte, ein Kind vor den anderen auszuzeichnen, denn wegen zwei Sela, die das bunte Gewand wert war, beneideten die Brüder Josef, nahm das Verhängnis seinen Anfang und mußten die Ahnen nach Aegypten ziehen. Gleichsam wie eine Fortsetzung und Vererbung der Feindschaft zwischen Jakob und Esau, tritt die Gegensätzlichkeit in der Familie im heuen Geschlechte wieder auf. Josef auf der einen Seite, die anderen zehn Brüder auf der anderen- Wieder ist es eine Gehässigkeit und Abneigung, die so weit geht, daß sie nicht einmal vor Mord und Totschlag zurückschreckt. Schließlich findet sich die Unbrüderlichkeit damit ab, Josef als Sklaven zu verkaufen. Kein Mitleid mit dem alten Vater, keines mit dem Bruder! Was es hieß, im Altertum als Sklave verkauft werden, was das Los eines solchen unglücklichen, entrechteten, jeder Laune und Willkür ausgelieferten Geschöpfes, in fremdem Lande unter fremden Menschen war, kann unsere Zeit kaum mehr begreifen. Die h. Schrift erzählt von dem Fehler des Vaters, der ein Kind vor dem anderen bevorzugte, auch von der kindischen Sucht Josefs, über seine Brüder üble Nachrede zu hinterbringen, und schließlich von den etwas überheblichen Träumen Josefs; Man muß schon ein gut Teil Verteidigertalent besitzen, wenn man behaupten will, daß diese Gründe die Brüder für ihre Handlungsweise genügend rechtfertigen und Josef ausreichend belasten. Alles, was vorgebracht wurde, genügt für einen Vörwa'nd, aber ist und bleibt keine Entschuldigung oder Begründung für einen so tödlichen Haß, der selbst vor dem letzten schrecklichen Schritte nicht zurückschreckt. Hier ist ein Wort Salomons am Platze: „Schon im kindlichen Spiele gibt sich ein Knabe zu erkennen, offenbart sich sein Charakter, ob lauter, öb recht sein Tun." Wenn man die ganze unglückselige Tat der Brüder als einen törichten, unüberlegten Streich der Jugend auffaßt, so ist eben „das kindische Spiel" ein Spiegel, in dem der Charakter der Kinder als deutliches Bild erscheint. Josef ist ein Träumer, der Mensch, der durch sein Tun Und Reden Spott und Haß auf sich lenkt, weil er die Charaktere seiner Brüder,' die nüchterne, sachliche Vorteilsmenschen sind, nicht kennt oder erkennt und ihnen seine Gedanken, seine Träume, seine Ideen offenbart. Ein ungleich besserer Menschenkenher ist Juda. Er kennt seine Brüder und schätzt sie richtig ein: Er weiß, daß sie weder Mitleid noch Erbarmen von ihrem Plane abhalten ward. Aber er weiß etwas, das auf sie wirkt —"das Wort: „Aussicht auf Gewinn" und er spricht es aus: „Was ist der Gewinn?" Dies Wort macht sie aufhorchen, läßt sie sogar das Essen unterbrechen, denn sie sind Gewirtntnenschen. Vorteil, Nutzen, Geld ist ihnen alles. Sofort sind sie bereit zu folgen. Die Brüder, die nicht hörten, als ihnen gesagt wurde: „Vei gießet kein Blut";"die kein Gehör schenkten der Mahnung: „Unser Bruder, unser Fleisch ist er", gehorchen willig der Aufforderung: „Kommt, laßt uns ihn verkaufen!" Der Vorteil,