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Die Wahrheit · 1925-12-04 · Heft 48 (4.12.1925) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 48 (4.12.1925)
Date
1925-12-04
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 48 Wehrmacht beleidigt zu haben und — wurde freigesprochen. Dieser Freispruch ist nicht nur allein deshalb bemerkenswert, weil er in einem Lande gefällt wurde, das man mit bestem Willen nicht als judenfreoindlich bezeichnen kann, sondern auch deshalb, weil er gleichzeitig eine Verurteilung bedeutet, #eine Verdammimg des gleichen säbelklirrenden Antisemitismus, *der jüngst auch in Oesterreich durch den Rechtspruch im Prozesse gecen einen aktiven Oberstleutnant aufs schärfste verurteilt worden ist Der Vorfall, der zmr Erhebung der Anklage und sodann zur Freisprechung der ungarischen Judenfrau geführt hat, war folgender: Die Gattin des Kaufmannes Arnfn M i 11 g r a m. der in einer Budapester Vorstadt trti kleines Geschäft besitzt, stand vor dem Laden ihres Mannes. Da marschierte unter dem Kommando des Oberstleutnants Franz Horvath eine Komt>a«mie des Honvedregiments Nr. 1 vorüber. Die Soldaten sangen das antisemitische Hetz'ned ..Erger — Berger", dessen Refrain auf Deutsch tmcefähr lautet: ..Jeder Jud' ist ein Schuft". Als die Soldaten der Judenfrau ansichtig wurden, riefen sie ihr den ScWuRvers höhnend ins Gesiebt. In der Erregung über diese Beleidigung antwortete Frau M'illerram mit den Worten: ..Ihr seid größere Schufte als die Juden". Oberstleutnant. Horvath ließ die Frau festnehmen und überstellte sie der Polizei. Es wurde rnun sreeen diese d^s Strafverfahren eingeleitet In der stattrefundenen Gerichtsverhandlung gab Frau Millgram zu, die ihr zur Last geleerten Ausdrücke gebraucht zu haben. „Ich fühle mich jedoch nicht schnitte." rechtfertigte sie sich, „denn ich war über die mir zurofüffte Beleidigung sehr aufsrereart. Me'n erster Gatte ist am Krieee gefallen, mein zweiter war 36 Monate an der Front Beide haben haben für das Vaterland gekämpft und gelitten." Der als Zeuge einvernommene Oberstleutnant eab an. daß die Soldaten auf seinen Befehl das antisemitische Lied gesuneen hatten. Er sei der Meinunsr, daß die Soldaten singen könnten, was ihnen beliebt. Uehrigens sei der Autor des Liedes seinerzeit nicht bestraft worden, es könne daher auch nicht beleidigend sein. „Das ist ein Irrtum." erklärte der Vorsitzende. „Die Tatsache, daß der Autor seinerzeit nicht eingesnerrt wurde, berechtig niemanden, e'-'n beleidigendes Lied zu singen. Was würden Sie. Herr Oberstleutnant dazu sacen, wenn jemand ein Lied singen würde, das mit den Worten endet: Jeder Unscar ist ein Schuft'?" „Das ist etwas ganz anderes/' meinte Oberstleutnant Horvath. „die Juden sind ja bloß eine Rasse . . .!" ..Darüber werde ich mit Ihnen nicht debattieren," fiel ihm der Vorsitzende ins Wort. ..nehmen Sie iedech zur Kenntnis, daß die Juden ebensolche Ungarn sind wie wir, daß die Juden im Kriege ebenso geblutet haben, wie wir. und nehmen Sie zur Kenntnis, daß man niemanden beleidigen darf!" Nach durchgeführter Verhandlung wurde die Angeklagte m*t der Begründung freigesnrochen, daß sie zu Ihrer Aeußerung durch das von den Soldaten eresunsrene Hetz- Hed. das eine Beleidigung der Judenschaft darstelle, provoziert worden sei. In der k. u. k. Armee ha^en eine e-mRe Anzahl österreichischer und ungarischer Soldaten und Offiziere jüdischen Glaubens p^dient und das damals noch gemeinsame Vaterland unt^r Einsatz von Leben und Gesundheit . verteidiet. Zahlreiche Glaubenseenossen haben ihren Heidenmut und ihre Tapferkeit mit dem Leben bezahlt Während aber in der alten Armee, die nicht frei von Antisemitismus war. solche Ausbrüche antisemitischer Roheit wie wir sie jflnest in Wien und Budapest erlebt haben, ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre, sehen wir zu unserem Schmerze, daß in den kleinen Heeren Oesterreichs und Uneams, die wbmgen Reste einer einst machtvollen Heeresmacht, e?n wüster. v<m manchen Offizieren gerichteter Judenhaß herrscht Wo hätte es sich ein k. u. k. Offizier erlaubt auf offener Straße harmlose Passanten anzuremoeln und zu beschimpfen? Daß dies nicht der Fa1l sein konnte, ist allerdings •kern Beweis für die judenfreundlicbe Gesinnung der a'ten Armee, sondern für deren höhere Auffassung von Standesehre und Soldatenpf^cht Juden haben Schulter an Schulter mit ' trichtjüdischen Kameraden gekämpft Junden ruhen in den Massengräbern im Norden und im Süden, iüdisebe Krieererwftwen und Kriegerwaisen. Kriegsblinde und Invaliden eibt es in allen Staaten, in denen Juden wohnen. Und der Refrain zu diesem traurigen Lied? Die Soldaten des Herrn Oberstleutnant Horvath haben ihn gesungen! Heiteres In ernster Zelt Wohin immer man jetzt in Europa seinen B'ick wendet, überall das gleiche Bild elender wirtschaftlicher Verhältnisse, wie ein schwerer Alpdruck lastet fast auf jedem die wirtschaftliche Depression. Unter diesen Umständen ist es naheliegend, daß die Juden, welche jhren Lebensunterhalt beinahe ausschließlich im Handel und Gewerbe sowie in der Ausübung der freien akademischen Berufe suchen müssen, dabei am schlechtesten abschneiden. Elend schlecht ist es um die drei Millionen Juden Polens bestellt. In dem gegenwärtig dort herrschenden wirtschaftlichen Chaos zählen sie zu den ersten Opfern. Nicht um vieles besser sind die Juden Oesterreichs daran. In der Tschechoslowakei, dem einzigen Nachfolgestaat, der die Nachwehen des Krieges bis nun am besten bestand, zeigen sich schon sehr deutliche Smiren des wirtschaftlichen Niederganges. Das Resultat der letzten Wahlen in diesem Nationalitätenstaate beweist, daß selbst die dortise Bevölkerung des nationalen Kampfes schon ein wenig müde zu werden besannt und ihr Heil in der Betätigung wirtschaftlicher Politik suchen will. Das Bedürfnis, die Neuerscheinungen der Nachkriegszeit einer gründlichen Revision zu unterziehen, macht sich überall ge'tend. So manche politische Institution und ebenso einzelne politische Persönlichkeiten werden a's ©phemäre Erscheinungen ge wertet, die nur im politischen Wirr war der ersten N*chkrieestasre sich zur Geltung bnneen konnten. Der indische Nationalrat in der Tschechoslowakei gehört ebenfalls zu diesen Erscheinungen, den Tschechen dortselbst hat er wohl in den Taeen der jungfräulichen Republik keine schlechten Dienste geleistet, damals waren aber die nationalen Verhältnisse dieses Staates noch n'cht in dem Maße wie heute konsolidiert. Allmählich verschwanden die privaten, nationalen, poetischen Institutionen, denn die Nationalitäten haben ihre legitime Vertretung im Nationalrat und im Senat. Kein emster Politiker in der Tschechoslowakei dachte noch an die Existenz eines jüdischen Nationalrates dortselbst und wenn auch, wußte wahrlich niemand Bescheid, welche Geltung man ihm im Rahmen der tschechoslowakischen Verfassung verschaffe. Drollig muß auf jeden Politiker, dem die Verhältnisse in der Tschechoslowakei nicht ganz fremd sind, der Beschluß der dortigen Jüdischnationalen wirken, ihre Mandate als Mitglieder des jüdischen Nationalrates zurückzulegen, um dadurch dem Präsidenten der Republik und der Regierung Verlegenheit zu bereiten, weil die Jüdischnationalm bei den letzten Wahlen ebenso leer ausgingen wie hei allen vorhergehenden. Die Herren haben ihre Mandate wohl niedergelegt, eine Regierungskrise entstand aber dadurch nicht, auch der Präsident der Republik, für den die Entwicklung des tschechoslowakischen Staates keine Kleinigkeit bedeutet, scheint nicht der Ansicht zu sein, daß durch diesen politischen Akt die Existenz des Staates gefährdet sei. Wäre die Zeit, besonders für die Juden, nicht eine gar so ernste und ihr Kampf um dlas tägliche Brot kein furchtbarer, könnte man sich über die -politische Naivität dieser Herren weidlich amüsieren, so aber müssen wir uns fragen, ist es nicht jammerschade, wenn Menschen ihre Kraft, ihre materiellen Mittel und ihren sonst vielleicht brauchbaren Einfluß in einer derartigen Weise verschwenden? Den verschiedenen heimischen jüdischen Institutionen, auch dem Aufbau Palästinas, fehlen noch sehr viele materielle Mittel und dienstbeflissene freiwillige Kräfte ihnen zuzuführen wäre vielleicht emnfehlenswerter und im Interesse des Judentums eher gelegen, als einen jüdischen Nationalrat in Prag zu bilden, um ihn nachher als leere Demonstration, welche nur Heiterkeit erregt, zu benützen. I. Grobtuch. 1,1 ■■■^■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■H [ Danksagung! | ■ Für die uns anläßlich des erfolgten Ablebens 5 J unseres inniest geliebten, unvergeßlichen Vaters, j ■ respektive Schwiegervaters, Großvaters und Bru- ■ ■ ders des Herrn 5 i Markus Neumann 3 ■ so zahlreich zugekommenen Beweise aufrichtiger S J Teilnahme, sprechen wir hiermit allen Korporationen J ■ Freunden und Bekannten unseren herzlichsten, ■ ■ tiefgefühltesten Dank aus. 5 ■ Im Namen der tieftrauernden Familien S ■ Siöonie HirschfeiÖ ■ 1 Wien im Dezember 1925. 5

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