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Die Wahrheit · 1925-12-04 · Heft 48 (4.12.1925) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 48 (4.12.1925)
Date
1925-12-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 48 DIE WAHRHEIT Seite 9 Wahrheiten vom Tage |l| Das Ende Walter Gattermeyers. Vor zwei Wochen war es den Lesern der „Wahrheit" vergönnt, einige Blicke „hinter die Kulissen des Hakenkreuzes" zu werfen, doch der Anblick, der sich darbot, war wahrlich kein erbaulicher. Wir können es daher den wüsten Akteuren der Hakenkreuzbühne nicht verargen, wenn sie die Vorgänge, die sich hinter der Bühne des „arischen" Theaters vollzogen, möglichst verdunkeln wollen. Besonders der erste Heldendarsteller, Harr Walter Gattermayer, Schriftleiter der „Deutschen Arbeiterpresse" und Hauptschreier in antisemitischen Versammlungen, erschien hierbei in einem wenig romantischen Lichte. Herr Walter hat es uns zwar erspart, im Wege eines gerichtlichen Wahrheitsbeweises noch tiefer in die Geheimnisse des Hakenkreuzes einzudringen, wohl aber in seinem Leibblatt eine Erklärung „In eigener Sache" veröffentlicht, die wir auch unseren Lesern nicht vorenthalten wollen: „Die fünf entlassenen Angestellten der D. A. P. halten es für notwendig, zur Vertretung ihrer ihnen gerecht erscheinenden Sache Flugblätter hinauszugeben, die sämtlich auf dem Wege des Vervielfältigungsbüros den Weg in die jüdisch-marxistische*Presse fanden. Ich hätte mich mit dieser Angelegenheit, die bei dem zuständigen Parteiforum behandelt wird, nicht beschäftigt, wenn sich das von »Idealismus' durchtränkte dritte Flugblatt nicht auch mit meiner Person in wenig (!) freundlicher Weise beschäftigt hätte. Es kann niemand von mir verlangen, daß ich den Kot, der auf mich geschleudert worden ist, aufhebe und zurückwerfe. Dieses Schauspiel wird die gegnerische Presse nicht erleben. (Schade!) loh erkläre aber, daß sämtliche in diesem Flugblatte gebrachten Anwürfe unstichhältig sind und, soweit sie ehrenrühriger Natur sind, in das Gebiet der Lüge und Verleumdung gehören. Mich weiter in ein Gezänke einzulassen, habe Ich keine Zeit (!), meine Kraft gehört der positiven Aufbauarbeit und nicht der negativen Zerstörung." Die „positive Aufbauarbelt" hat HeTr Gattermayer damit eingeleitet, daß er, wie von ihm eine Woche später am gleichen Orte mitgeteilt wird, sein Mandat und die Schnftleitung der „Deutschen Arbeiterpresse" niedergelegt hat, und zwar, wie es scheint, deshalb, um der „negativen Zerstörung" der Partei keinen Vorschub zu leisten. Wie dem auch sein mag, jetzt dürfte Herr Gattermayer wohl die nötige Zeit finden, um allen „Lügen und Verleumdungen" wacker entgegenzutreten. Mit Walter Gattermayer scheidet einer der hervorragendsten Vertreter des Nationalsozialismus aus der politischen Arena, gestürzt durch seine eigenen undankbaren Parteigenossen. Er. der noch zur Zeit des Zionistenkongresses als begeistert umjubelter Führer seine Anhänger zu Kampf und Steg geführt hat, ist den tückischen Pfeilen seiner einstigen Freunde zum Opfer gefallen. Er war, ungeachtet des freundschaftlichen Verkehres mit Juden und Jüdinnen, der ihm zum Vorwurf gemacht wird, ein überzeugter Antisemit und wütender HakenkreuzleT. Sein Scheiden bedeutet daher einen unersetzlichen Verlust für den österreichischen Nationalsozialismus. Gemeinhelten. Jawohl, das sind sie, die letzten Preßexzesse des Grazer „Macher'; mit keinem anderen Worte kann man die Roheiten dieses unverschämtesten aller antisemitischen Hetzblätter bezeichnen. Mit tiefster Anteilnahme hat ganz Wien das tragische Ende des jüdischen Arztes Dr. Gabriel Wolf vernommen, welcher einer erschütternden Familientragödie zum Opfer gefallen ist. Im „Michel" vom 29. d. M. wird nun der Gemordete In der rohesten Welse beschimpft und die Tat verherrlicht. Ein abscheuliches Bild und ein noch häßlicheres Gedicht sind die äußeren Zeichen dieses tiefsten geistigen und sittlichen Verfalles. Der "Name des Dichters lautet Rotbart, das klingt ähnlich wie Rothstock und ruft die Erinnerung an ein ebenso trauriges Ereignis hervor, die Ermordung Hugo Bettauers. Rothstock hat aus Ueberzeugung gemordet und wurde dann wegen Irrsinn freigesprochen, Rotbart beschimpft und besudelt einen Menschen, der einem Attentat zum Opfer gefallen ist, doch hat er es nicht notwendig, Irrsinn zu heucheln, um eine Entschuldigung für seine nicht weniger schändliche Handlungsweise zu konstruieren. — Eine zweite Gemeinheit des gleichen Blattes ist die tendenziöse Lügenmeldung über eine „Berufung von Wiener Professoren an die Universität Jerusalem". Wir bringen diese vom eisten bis zum letzten Wort erlogene Mitteilung samt Kommentar, um unseren Lesern die Schreibweise dieses Blattes vor Augen zu führen: „In zionistischen Kreisen verlautet, daß die jüdischen Professoren der Wiener Hochschule Hans Kelsen und B r a ß 1 o f f an die Universität Jerusalem berufen werden. Warum nur diese zwei? Eine Ausmistung (!) unserer Hochschulen von jüdischen Professoren wäre dringend geboten. Wir fürchten, daß nicht einmal diese zwei Jerusalem mit Wien vertauschen. Bettauers „Die Stadt ohne Juden" bleibt einstweilen noch — Sehnsuchtstraum." In seinem fanatischen Judenhaß scheut der „Michel" also auch davor nicht zurück, unsere Hochschulen aufs schwerste zu beleidigen; denn nichts anderes als eine schwere Beleidigung unserer höchsten Bildungsanstalten ist es, von „Ausmistung" zu sprechen. Daß es gerade die jüdischen Profesoren sind, welche „ausgemistet" werden sollen, und nicht jene arischen Radaubrüder, welche die Wände der Universitäten mit Hakenkreuzen beschmieren, Studenten verprügeln und den guten Ruf unserer Hochschulen vernichten, das wundert uns nicht bei einem Blatte, das in seinem Judenhaß keine Grenzen kennt. Doch, weil wir schon vom ..Ausmisten" sprechen: Wann endlich werden in Oesterreich Blätter von der Art des ..Michel" ausgemistet werden, warnt endlich wird die ganze Hakenkreuzlerei auf den Misthaufen der Politik geworfen werden? Kein anderer Platz gebührt nämlich einer Bewegung, die Mord. Totschlag, Lüge und Verleumdung für erlaubte politische Kampfmittel ansieht. Endlich. Das GrabHeinrich Heines auf dem Montmartre-Friedhof in Paris wurde seit 1897 durch opferwillige Bemühungen der „Frankfurter Zeitung" unterhalten, die dem Pariser Begräbnisinstitut Desclert die Kosten für die Pflege bezahlte. In der Zeit der Inflation mußten diese Zahlungen eingestellt werden, aber das Haus Desclert sorgte auch welter für die Instandhaltung des Dichtergrabes. Dieses Verhalten eines französischen Bürgers verdient'um so mehr Anerkennung, als damals die Erbitterung gegen Deutschland In Frankreich groß war. Heute hat sich die Stimmung geändert und Deutschland löst eine Ehrenschuld ein. Im Auftrage des Berliner auswärtigen Amtes ist. wie aus Paris gedrahtet wird, dem Hause Desclert der Betrag für die Unterhaltungskosten mit Dank zurückgezahlt worden. Das „Berliner Tageblatt" drückt die Hoffnung aus. daß die Sorge für das Grab In Paris auch weiter als eine Pflicht der deutschen Republik betrachtet werden wird- Wenn die WdhnachtSRlocken läuten! Diesen für fromme christliche Gemüter bestimmten Satz finden wir nicht etwa In der „Reichspost", in der JKirchenzeitung" oder in irgendeinem anderen christlichen Blatte, sondern in einer Zeitung, die sich ausschließlich an jüdische Leser wendet und gerade in jüngster Zelt viel von jüdischer Würde geschrieben hat. Man ist baß erstaunt — und auch ein nicht jüdischer Leser würde dieses Erstaunen teilen — beim Lesen der „Wiener Morgenzeitung", dem jüdischnationalen Parteiblatt, auf einmal In mächtigen Lettern die Ankündigung zu finden, daß die Welhnachtsglocken bald läuten werden. Man frägt sich, was eine solche Ankündigung in einem jüdischen Blatte zu bedeuten habe und wundert sich noch mehr, diese Im Zusammenhange mit einer Geschäftsreklpme zu finden, in welcher das Modehaus Kruppnilk .,3 Schleudertage" anekündigt. Dieser in dter Handelswelt geradezu verpönte Ausdruck wird auch dadurch nicht mundgerechter, daß man ihn in ein schönes christliches Gewand kleidet, mag es auch aus dem Hause Krunpnik stammen, dessen Besitzer nicht nur ein „überzeugter" Jud£ ist, sondern sogar bei den seinerzeitigen Wahlen in die Kultusgemeinde auf der Liste der Mlsrachi kandidiert hat, ^um den echt jüdischen Geist in die Gemeinde zu bringen". Es ist klar, daß jeder Geschäftsmann in der heutigen Zeit des Stillstandes vom Geschäft eine Verbesserung des Absatzes erhofft und ebenso klar ist es. daß er durch ausgebreitete Reklame die Kauflust des Publikums zu heben sucht. Wenn diese Reklame jedoch darin besteht, daß sie das Verschleudern der Warenvorräte anzeigt oder gar in einer jüdischen Zeitung zu Weihnachtskäufen auffordert, dann verfehlt sie einerseits ihren Zweck und erregt anderseits gerade in jenen Kreisen Aergernis, auf deren Kundschaft die Firma Wert zu legen scheint. Dies beweist eine ganze Reihe von Zuschriften, die wir erhalten haben und die sowohl an der Form als an dem Inhalt besagter Anzeige Anstoß nehmen. Ein bemerkenswerter Freisprach. Eine einfache, schlichte Judenfrau stand jüngst als Angeklagte vor einem ungarischen Richter unter der schweren Beschuldigung, die ungarische

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