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Die Wahrheit · 1925-12-04 · Heft 48 (4.12.1925) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 48 (4.12.1925)
Date
1925-12-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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4 DIE WAHRHEIT Kr. 48 Glossen. Ein hakenkreuzlerisches Wochenblatt, das seine Aufgabe darin erblickt, allwöchentlich die Luft m einem Teile Niederösterreichs mit seinen Hetzartikeln gegen die Juden zu verpesten, veröffentlicht, woh| als Introduktion zu dem Weihnachtsfeste, eine Rede, die der englische Rabbiner John Readcliffe im Jahre 1880 gehalten haben soll. In dieser priesterlichen Enunziation wird erklärt, daß die Juden sich zu alleinigen Besitzern alles Qoldes der Erde machen müssen, um das einzige Ziel des Judentums, die Weltherrschaft, zu erreichen. Es hat nie einen englischen Rabbiner dieses oder eines ähnlichen Namens gegeben, die blödsinnige Rede, deren einziges Ziel die Aufreizung gegen die Juden ist, wurde überhaupt niemals gehalten, sondern ist eine Erdichtung, ein Kapitel aus einem antisemitischen Roman, der im Jahre 1868 das Dunkel dieser Welt erblickte. Das hakenkreuzlerische Wochenblatt gibt ehrlich zu, daß es die Rabbinerrede aus dem „Deutschen Volksblatt* vom Jahre 1909 abgedruckt hat, in welchem sie zu einen blutrünstigen Leitartikel gegen die Juden ausgeschrotet wurde. Aber das hakenkreuzlerische Wochenblatt verschweigt es sorgfältig seinen Lesern, daß schon dem „Deutschen Volksblatte" die infame Fälschung nachgewiesen worden war. Ja, wenn die antisemitischen Blätter so viel Schamgefühl hätten, die längst als Lüge und Verleumdung widerlegten Anklagen gegen das Judentum nicht immer wieder aufzuwärmen, wären sie wohl schon längst alle eingegangen. Also muß weiter frisch, fröhlich und frech gelogen werden. * * * Auch das „Deutsche Volksblatt" hat natürlich seinerzeit seine Leser in dem frommen Glauben gelassen, die schuftige Rabbinerrede sei eine echte Kundgebung, obwohl es sich darauf hätte berufen dürfen, die Fälschung sei nicht Eigenbau, sei nicht auf ihrem Mist gewachsen. Die tückische Lumperei war in der Tat schon im Jahre 1901 in der Berliner „Antisemitischen Korrespondenz", dem Zentralorgan der deutschen Antisemiten, ausgebeutet worden. Der Antisemit Hermann Qoedsche, der unter dem Pseudonym John Retcliffe seine Romane veröffentlichte, hatte 1868 in einem gruseligen Romankapitel den Verlauf eines Synhedrions geschildert, das alle hundert Jahre einmal um Mitternacht auf dem Prager Friedhof tagt, und bei einer so seltenen Gelegenheit habe ein Rabbiner die erwähnte blödsinnige Rede gehalten. Es braucht wohl nicht erst gesagt werden, daß in dem Romankapitel alles, die Existenz des Friedhofes ausgenommen, reine oder richtiger gemeine Erdichtung war. Die „Antisemitische Korrespondenz" hatte nichts anderes zu tun, als die Rabbinerrede des Antisemiten Goedsche, der unter dem Namen JohnRetcliffe dichtete und hetzte, einem englischen Rabbiner John Retcliffe in den Mund zu legen «nd das tat sie auch getreulich. Da es nach dem unbestreitbaren Zeugnis eines Papstes auch schon bewährte Judenfeinde gegeben hat, die sogar einen „Ritualmord" an christlichen Kindern nicht nur erdichteten, sondern tatsächlich vollbrachten, wird man die kleine Fälschung mit der Retcliffe-Rede eigentlich nicht gar so hart verurteilen dürfen. Ein John Retcliffe hat sie gehalten, war er kein Rabbiner, nun so war er halt ein antisemitischer Fabulist. * * * Man sieht aber, daß die Antisemiten auch heute noch Retcliffe nicht als nichtswürdigen Antisemiten, sondern als ehrwürdigen Rabbiner fungieren lassen. Ge^en die Juden darf man sich auf wen immer berufen. Es ist ja auch schon vergessen, daß dieser Herr gelegentlich auch einmal, als es sich nicht um die Judenfrage handelte, vor Gericht als ein höchst bedenklicher Zeuge entlarvt wurde. Es war dies in dem Prozeß gegen den edlen Demokraten Waldeck, den der Staatsanwalt selbst als ein „Bubenstück, ersonnen, einen Ehrenmann zu verderben" gekennzeichnet hatte. John Retcliffes Rabbinerrede muß auch das Verdienst zuerkannt werden, daß sie, als sie im Jahre 1906, begleitet von einem blutrünstigen ApDell, in hunderttausenden Flugblättern in Rußland verbreitet wurde, wesentlich zu den grauenhaften Exzessen beitrug, denen so viele Menschenleben zum Opfer fielen. Der russische Pöbel sorgte in gründlicher Weise dafür, daß die Juden, die ihm unter die Hände kamen, nicht die alleinigen Besitzer des Geldes bleiben, und die erfundene Rabbinerrede wurde zur wirklichen Grabrede für tausende ermordete Juden. Ueberzeugender kämm man für die Echtheit eines Dokumentes nicht demonstrieren. * * * * Welcher einsichtige Antisemit wird es nach solchen Erfahrungen dem Herrn Gottfried zur Beek, dem erfolgreichen Herausgeber der „Geheimnisse der Weisen von Zion" noch verübeln, daß er es wagte, auch den sogenannten „Judenbrief von Toledo" — die Briefe des Rabbiners von Arles und die Antwort des Fürsten der Juden in Konstantinopel aus dem Jahre 1489 — als wichtige Urkunde gegen die Juden auszuspielen. Ueberflüssig war die Angst, daß auch der vertrotteltste Dummkopf einen Brief nicht für echt halten werde, in welchem den Juden z. B. befohlen wird, „ihre Kinder Domherren und Geistliche werden zu lassen, damit sie die christlichen Kirchen zerstören". Gottfried zur Beek weiß, was ein Antisemit wagen darf. Er druckt auch weiter die Briefe ab, die mit der Anrede beginnen: „Vielgeliebte Brüder in Mose!", obwohl ihm inzwischen doch klar gemacht worden sein dürfte, daß der unverschämte Fälscher sich durch diese Anrede als trügerischer Lump offenbart hat. Nie hat ein Jude diese Anrede gebraucht, die nur eine Nachbildung der „Brüder in Christo" ist. Gottfried zur Beek geht aber unerschrocken noch weiter. Er stilisiert die Mitteilung, daß diese Briefe auch in einer jüdischen Zeitschrift abgedruckt wurden, in einer Weise, daß antisemitische Leser zu der Vermutung kommen könnten, deren Echtheit wird gar nicht oder nur zart in Abrede gestellt: Er schreibt: „Im Jahre 1880 wurden die Briefe in ,,L'Armana prouvencau" abgedruckt; im' selben Jahre erschienen sie in der „Revue des etudes juives", die 1880 unter der Gönnerschaft des Barons James Rothschild entstanden waren." Ich gestehe, daß mir nicht bekannt ist, welche Stellung die L'Armana prouvencau zu den Briefen einnimmt, aber ich stehe nicht an, zu erklären, daß eine beispiellose antisemitische Frechheit dazu gehört, den Anschein erwecken zu wollen, als ob die „Revue des etudes juives" die blöde Fälschung nicht gerader

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