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Die Wahrheit · 1925-11-27 · Heft 47 (27.11.1925) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 47 (27.11.1925)
Date
1925-11-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Kr. 47 Wahrheiten vom Tage Christlichsoziales. Die Gemeinderatssitzung dauerte bereits sechs Stunden und war mit ebenso fruchtlosen wie langweiligen Debatten über Kanalräumergebühren und ähnliche Dinge ausgefüllt. Um nun in die trostlose Oede der Sitzung einige Abwechslung zu bringen, veranstalteten christiichsoziale und sozialdemokratische Abgeordnete eine Schimpfszene. Dies ist im üemeinderat nichts Seltenes und wäre weiter nicht zu erwähnen, denn leider gehört das Schimpfen zum Inventar des österreichischen Politikers. Auf einmal schleuderte der christlichsoziale Abgeordnete Haider seinem sozialdemokratischen Kollegen E i s i n g e r das Schimpfwort „jüdischer Verleumder" zu und glaubte offenbar mit diesem Worte einen besonderen Geistesblitz von sich gegeben zu haben. Wir aber fragen: Erstens, was hat das Judentum damit zu tun, wenn ein dem Judentum fernestehender sozialdemokratischer Abgeordneter mit einem dem Christentum offenbar nicht näher stehenden Abgeordneten in persönliche Auseinandersetzungen gerät? Zweitens, was veranlaßt Herrn Haider „jüdisch" und „Verleumder" in einem Atemzuge auszusprechen? Wenn er wirklich der Ansicht sein sollte, daß es zu den Wesensmerkmalen eines Juden gehöre, andere Menschen zu verleumden, so wollen wir seinem Gedächtnisse nachhelfen und ihn an die unzähligen Verleumdungen und falschen Beschuldigungen erinnern, welche gerade wir Juden während unserer langen Leidensgeschichte haben erdulden müssen und die ausschließlich von den Glaubensgenossen des Herrn Haider ausgegangen sind. Die Beschuldigungen der Hostienschändung, des Ritualmordes und der Brunnenvergiftung haben viele unschuldige OpfeT unter uns Juden gekostet und es ist noch nicht so lange her, seitdem gerade die christlichsoziale Partei das Ritualmordmärchen zu politischen Zwecken wieder hervorgeholt hat. Gerade heute wird ein erbärmlicher Verleumdungsfeldzug von antisemitischen Politikern aller Schattierungen gegen das Judentum unternommen, für dessen Niedertracht die „Protokolle der Weisen von Zion" den besten Beweis liefern. Es liegt uns vollkommen ferne, deshalb eine andere Religion als „verleumderisch" zu bezeichnen, weil wir wissen, daß diese mit den Ausschreitungen niedrigsten Hasses nichts zu tun hat, wenn sie auch gerade von denen immer im Munde geführt wird, die uns und unsere Religion mit allen Mitteln der Verleumdung bekämpfen. Denn wenn wir uns in der gleichen Weise dieser anderen Religion gegenüber verhalten würden, wie es Herr Haider dem Judentum gegenüber getan hat, dann, ja dann würden wir das Schimpfwort, das in offener Gemeinderatssitzung gefallen ist, verdienen. — Aber nicht allein in erregten Auftritten im Gemeinderat sondern zuweilen auch in ruhigen Ausschußberatungen kommt die wahre Gesinnung mancher christlichsozialer Politiker zum Durchbruch. So hat unlängst der christlichsoziale Nationalrat Dr. Jerzabek in einer Sitzung des Budgetausschusses bei der Beratung über das Kapitel „Fremdenverkehr" folgende Aeußerung getan: „Der Fremdenverkehr aus dem Osten ist für Oesterreich und Wien von keinem besonderen Nutzen gewesen. Die Gäste, die wir aus dieser Himmelsrichtung bekommen haben, haben keineswegs daran gedacht, Geld nach Oesterreich zu bringen, sondern waren bestrebt, möglichst viel hinauszutragen. Es ist nur zu bedauern, daß es nicht schon vor Jahren möglich gemacht wurde, Mittel und Wege zu schaffen, um diesen Zustrom aufzuhalten. So aber ist alles mögliche geschehen, um diesen Leuten den Aufenthalt in Oesterreich angenehm (!) zu gestalten, so zwar, daß sich auch jetzt noch Scharen aus dem Osten nach Oesterreich wenden, um hier ihre parasitäre Tätigkeit auszuüben. Wenn Oesterreich von den Fremden gemieden wird, so liegt die Ursache darin, daß es bei uns eine Schar gewissenloser Publizisten gibt, die über Oesterreich alle möglichen Tatarennachrichten verbreiten und Oesterreich in einer Weise darstellen, als ob eine Reise hierher mit Gefahren für Leben und Eigentum verbunden wäre. Diese Uebertreibungen haben dem Fremdenverkehr ungeheuer geschadet. Auch über den Zionistenkongreß ist in einer Weise berichtet worden, als ob in Wien die ärgsten Judenpogrome ausgebrochen wären, während in Wirklichkeit einige harmlose (!) Passanten, die zu den Demonstrationen gekommen sind, von der Polizei geschlagen und verletzt wurden." Das klingt nicht wie das ernste Wort eines ernsten Mannes zu einem Gegenstand, der für unser Land von größter Wichtigkeit ist, sondern wie eine wüste Hetzrede aus einer antisemitischen Vorstadtversammhrag. Oesterreich und vor allem Wien ist die Brücke zwischen Osten und Westen und diese günstige geographische Lage ist eines der wenigen Aktiva, die unser armer Staat besitzt. Wir müssen darauf bedacht sein, den Fremdenstrom sowohl aus dem Westen als aus dem Osten in unser Land zu lenken, damit Handel und Verkehr, die trotz der sogenannten Sanierung heute fast vollkommen brach liegen, wieder erweckt werden, und müssen die Käufer unserer Waren, die Abnehmer unserer industriellen Erzeugnisse ohne Rücksicht darauf» ob sie aus dem Osten oder Westen kommen, und ohne Stammbaum und Nasenrücken vorher zu untersuchenl freundlich empfangen. Vielleicht sind es gerade die von Herrn Jerzabek beschimpften Vertreter der weiten und warenhungrigen Gebiete des Ostens, die unseren Industriellen Aufträge, unseren Arbeitslosen Beschäftigung und unseren. Hungernden Brot bringen werden, wenn einmal die unsinnige Absperrungspolitik ein Ende gefunden hat. Daß die traurigen Vorfälle, die sich zur Zeit des Zionistenkongresses in Wien abgespielt haben, nicht günstig auf die österreichische Handelsbilanz — wir wollen hier nur von ihr und nicht von unserem guten Ruf sprechen — eingewirkt haben, muß selbst Herr Jerzabek anerkennen; allerdings schreibt er die Schuld selbstverständlich auf die „gewissenlosen Publizisten" (gemeint werden natürlich nur die jüdischen), während die eigentlichen Urheber der Ausschreitungen in ihren Augen nur „harmlose Passanten" gewesen sind. Jerzabek findet es sogar tadelnswert, „daß in Oesterreich alles geschehen ist, um diesen Leuten aus dem Osten den Aufenthalt angenehm zu machen" und bedauert es unendlich, „daß keine Mittel und Wege geschaffen wurden, um diesen Irrtum aufzuhellen." Das alles in einer Debatte über die „Hebung des Fremdenverkehrs"! Das Hakenkreuz und sein Widerspiel. Durch das Hakenkreuz wird in unserem Uemüte augenblicklich ein Vorstellungskomplex ausgelöst, welcher Haß, Gewalttätigkeit und Roheit in engster Verbindung umschließt. Wer das Wort Hakenkreuz ausspricht, denkt sofort notwendigerweise an Gewalttaten, Mord und Totschlag, die Verbindung zwischen diesem Symbol und den in seinem Namen begangenen Greueltaten ist eine so innige geworden, daß eine Trennung'zwischen beiden Richtungen nicht mehr möglich ist. Die gleiche Bedeutung, die das Hakenkreuz in deutschen Landen besitzt, hat der Ku-Klux- Klan jenseits des Ozeans. In Amerika ist Ku-Klux-Klan der Schreck der Neger, Deutschen, Juden und aller nicht hundertprozentigen Amerikaner, so wie das Hakenkreuz der Feind aller nicht hundertprozentigen Arier ist Mit Entsetzen wird man Berichte über die Enthüllungen lesen, die der letzte Prozeß gegen den Führer des Ku-Klux-Klan-Ordens gebracht hat, mit tiefstem Mitleid wird man von den unglücklichen Opfern des Ku-Klux-Klan vernehmen, unter denen sich viele Deutsche befinden. Davis Stephenson, das ist der Name des menschlichen Ungeheuers, war der Großmeister des Ku-Klux-Klan im Staate Indiana. Er hat seit einigen Jahren ein wahres Schreckensregiment entfaltet und sich zahlreicher Verbrechen -schuldig gemacht, ohne daß man bisher gegen ihn gerichtlich vorgehen konnte, da er sehr mächtige politische Hintermänner hatte und alle Anzeigen gegen ihn stets durch geheimen Einfluß zum Verschwinden gebracht wurden. Stephenson, der ursprünglich Vertreter einer New-Yorker Firma war, die sich mit dem Vertrieb landwirtschaftlicher Geräte befaßte, wußte sich bald Eingang in den Ku-Klux-Klan-Orden von Indiana zu verschaffen, wo er alsbald durch sein radikales Auftreten und sein „aktivistisches" Programm gegen Farbige zu mächtigem Einflüsse gelangte. Die geheimen Mordtaten an begüterten Negern und Mischlingen nahmen immer mehr überhand, auch nutzte er seine Stellung zu Drohungen gegen die Farmer des Staates aus, die gezwungen waren, ihm große Bestellungen auf landwirtschaftliche Geräte aufzugeben. Bei Kriegsbeginn gründete er die sogenannte „Liga der Patrioten" und wetterte in furchtbarer Weise gegen die Deutschen, indem er alle Abkömmlinge von Deutschen sowie auch naturalisierte Deutsche einfach als Verräter erklärte und von den deutschen Kolonien in Indiana große Summen für angeblich „patriotische" Wohlfahrtszwecke erpreßte. Angesichts der erregten Stimmung, die damals im Lande herrschte, konnte Stephenson beinahe unbeschränkt sein Regiment ausüben, er präsidierte in den. geheimen Gerichten des Ku-Klux-Klan- Ordens, ließ bei hellichtem Tage Verhaftungen vornehmen und marterte seine Opfer in einer ihm gehörigen Farm in der Nähe der Stadt Nöblesville zu Tode. Ueberhaupt waren über die Zustände in seiner Farm, wo auch viele Sitzungen der Ku-Klux- Klaner abgehalten wurden, die schauerlichsten. Gerüchte verbreitet, da es insbesondere hieß, daß zahlreiche junge Frauens-, Personen farbiger Abstammung unter dem Vorwande unpatriotischer Haltung dorthin verschleppt und den grausamsten sadistischen Martern unterzogen worden seien, an denen Stephenson und einige seiner Gesinnungsgenossen teilgenommen hätten. Die armen-Opfer wagten es , jedoch nicht, wenn sie wieder fortgejagt wurden, gegen den allmächtigen Mann

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