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Die Wahrheit · 1925-11-27 · Heft 47 (27.11.1925) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 47 (27.11.1925)
Date
1925-11-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 47 DIE WAHRHEIT Seite 7 Rede (siehe „Pester Lloyd" vom 30. Oktober 1920) ausführte, „noch in den Urwäldern lebten oder in Höhlen an einem Knochen nagten, als seine — des Juden — Ahnen bereits Fürsten aus dem Hause des Königs David waren"? Aus den soeben angeführten Gründen erweist sich auch die Theorie von der Rasse der im Verlaufe vieler Jahrhunderte mit anderen Rassen stark vermischten Juden als der krasseste Humbug, der je erdacht wurde, ist es doch erwiesen, daß selbst in den Adern so mancher Potentaten, ja selbst Kirchenfürsten — Papst Benedict VII., der Olmützer Erzbischof Dr. Cohn usw. — Judenblut rollte, geschweige denn bei Angehörigen des gewöhnlichen Volkes! Oder könnten vielleicht Ihre Rassentheoretiker den schiefäugigen und gelbhäutigen Juden Chinas vom chinesischen Confuctusbekenner, den Negerjuden vom Negerbuddhisten, den arabischen Juden vom arabischen Mohammedaner unterscheiden? Könnten sie das im allgemeinen auch nur bei den europäischen Völkern feststellen? — Dieses Nebeneinanderstellen von mir einleuchtenden historischen Tatsachen, versetzte der Junge, ist allerdings geeignet, zu tieferem Nachdenken anzuregen. — Was nun die Beschuldigung der Uebervorteilung betrifft, so ist zu'beachten, daß den Menschen stets die Verhältnisse bestimmen. Je ungünstiger die Existenzmöglichkeiten, desto häufiger tritt der Erhaltungstrieb durch Schwindel, Prostitution, Raub und Mord in Erscheinung. Es ist bekannt, mit welchen Existenzschwierigkeiten die polnischen Juden des zaristischen Rußland zu kämpfen hatten: einerseits standen sie unter dem religiösen Vorurteile eines in finstere Knechtschaft gebannten Volkes, anderseits waren sie ständigen Bedrohungen sowie schwersten Verfolgungen ausgesetzt. Ist es da zu verwundern, wenn sie, um den schwierigen Anforderungen eines solchen Hundelebens entsprechen zu können, zu verwerflichen, kleinlichen Praktiken Zuflucht nahmen? Ein Fisch, der im Schlamme lebt, riecht auch darnach. Derselbe „Ostjude", kam er in menschenwürdige Verhältnisse, hat sich alsbald assimiliert und die Achtung und Wertschätzung semer italienischen, englischen, holländischen, amerikanischen usw. Mitbürger erworben. Daß schließlich der Schwindel keine speziell jüdische Erfindung oder Eigenart, sondern konfessionslos und kosmopolitisch war und ist, das braucht den Herren Antisemiten nicht erst bewiesen zu werden — leben sie doch zumeist selbst davon. — Und was verstehen Sie, setzte ich fort, unter der Beschuldigung des Vordrängens? Etwa daß der Jude, der alle Pflichten, die ihm sein Vaterland auferlegte, getreulich erfüllt, sein Blut und Leben im Kriege zur Verteidigung jener Scholle, auf der er lebte, geopfert hat, sich erkühnt, auch die Rechte in Anspruch zu nehmen, die ihm die genug spät erfolgte Emanzipation brachte und sich seither in den verschiedensten Berufen bestätigt? Wo es Vordrängende gibt, muß es auch Verdrängte geben. Wo hausen sie? Wer hinderte sie daran, es der Legion weltbekannter Juden gleichzutun? Raub- und Mordlust den Juden anzudichten geht nicht, weil derlei fatalerweise Beweise erfordert, aber mit dem Worte „Vordrängen", das wohl keine Tatsache deckt, aber zur Bereicherung der Liste jener falschen Schlagworte, auf die der Pöbel und die Denkfaulen gerne hereinfallen, dient, zu lavieren, ist nicht riskant, das läßt sich ohne Beweiszwang leicht generalisieren. Wenn ein Nichtjude barfuß ins Land kommt, vermöge seiner Tüchtigkeit sich zu Ansehen und Reichtum emporschwingt — Haggenmacher, Mechwart, Prinz Eugen von Savoyen usw. — so ist er kein „Vordränger", er ist es nur als Jude, auch als Erbgesessener, mag er ehrlicher Patriot selbst bis zur Bewußtlosigkeit sein. Warum dieses zweierlei Maß? Weil der Jude ständiger Blitzableiter sein kann, die „Zugereisten" aber nicht. Der Antisemitismus, dessen Bekenntnis allerdings keinerlei Qualifikation, bloß die Vorliebe zur — Kloake erfordert, ist also weiter nichts als eine durch Neid gestützte, mehr oder minder verläßliche Leiter des Emporkommens solcher, die sonst aus der Obskurität ihres Erdenwällens nicht auf die Oberfläche oder nicht zu Ansehen, zu Popularität kommen zu können fürchten. Leute, die etwas Ordentliches gelernt und das ernste Streben haben, ihr Wissen, ihre Fähigkeit zu verwerten, haben es nicht nötig, aus der Pfütze Einzelne oder ganze Konfessionen zu bewerfen. — Also bliebe nur der „Ostjude", unter welchem Sie nicht den Ihnen unbekannten asiatischen, sondern den polnischen Juden verstehen, als Stein Ihres Anstoßes zurück. Ich gestehe, daß dessen Aeußeres nicht immer einladend ist. Aber wissen Sie auch, warum er sich so verwahrlost hält? Deshalb, weil er in Russischpolen, woher er stammt, ständigen Erpressungen ausgesetzt-war und so ein vitales Interesse daran hatte, als kümmerlich lebender armer Mann zu gelten. Würden Sie, unter den gleichen Verhältnissen, es etwa vorziehen, in Ihrer äußeren Tracht Wohlhabenheit zu verraten? Obwohl er in solcher Figur fortwährend die Zielscheibe des Spottes und Hohnes des Janhagels ist, trägt er sein Kreuz, wenn man so sagen darf, ein ganzes Leben hindurch in Gottergebenheit unverdrossen fort. Und diese Erniedrigung, die er duldet, dieses seinerseits auch in den häufigen Tagen schwerster Bedrückung und Bedrohung im felsenfesten Gottvertrauen, als Märtyrer seines Glaubens, frei und unerschrocken getragene, weithin sichtbare Zeichen seines Judentums: beweist das nicht einen Heroismus, wie er in der Geschichte der Menschheit wohl beispiellos dasteht? — Bitte, erklären Sie mir noch, welche besonderen Gründe der Ostjude eigentlich hat, sein angefeindetes Judentum in so auffälliger Weise hervorzukehren? — Es ist, versetzte ich, Selbstbewußtsein, es ist Stolz. Er ist eben in gesteigertem Grade erfüllt davon, daß sein Volk das älteste Kulturvolk ist, blickt es doch auf eine an glänzende Epochen reiche geschichtliche Vergangenheit von nahezu 4000 Jahren zurück, er ist erfüllt davon, daß seine Religion die Bahnbrecherin der Zivilisation war und in seinen Gebeten dankt der Jude Gott, daß er ihn zu einem solchen hat erschaffen. Sein reiches hebräisches Wissen ist dem Orthodoxen die Quelle seiner geistigen Potenz, die Heilige Schrift: ein Trost in Bedrängnis und in Nöten, eine ständige Erleuchtung, sein Berater, seine Erbauung. Mein Vortrag wäre >edoCh lückenhaft, wenn ich eines Punktes nicht spontan gedächte, nämlich jenes Umstandes, wonach man oft versucht, den Antisemitismus volkswirtschaftlich zu begründen und — mit Recht. Denn in Ungarn z. B. haben die Schaffung von Handel und Industrie vornehmlich Juden am Kerbholze und da sie dabei wohl nicht daraufgezahlt haben, so entstand ein Neid derer, die als völlig ungewappnete Zuschauer dasselbe Resultat aus dem — Lehnsessel gerne erreicht hätten. Könnten diese „volkswirtschaftlichen" Antisemiten es erklären, warum es einen solchen Begriff nicht auch in England, Italien, Holland, Amerika gibt und warum König Alfons die Juden nach Spanien zurückrief, nach jenem Spanien, aus dem sie, nachdem sie ihm zu Reichtum, Macht, Ansehen mitverholfen hatten, aus religiöser Intoleranz, durch Feuer und Schwert vertrieben wurden? Wollen Sie die Ansicht eines Geistesheroen über den Antisemitismus kennen? So lesen Sie die Aufsätze, die Llovd George in einem Buche zusammengefaßt (bei Hodder and Stouchton in London) erscheinen ließ — der ..Pester Lloyd" brachte einen Auszug hiervon am 8. Jänner 1924 — und wo dieser Wahnsinn eine Abfuhr erlitt, wie sie orägnanter, bündiger und geistreicher von maßgebender Seite kaum noch verlau tbart wurde. Ermüdet durch meinen langen Vortrag, suchte ich nun beim offenen Fenster des Waegonkorridors in der frischen Märzluft einige Erholung und wurde, ins Coupe zurückgekehrt, zu meiner Ueberraschung, seitens des Jungen mit folgenden Worten bedacht: — Erlauben Sie mir, Ihnen für Ihre wertvollen Aufklärungen meinen Dank abzustatten. Der Junge schien also von seinem Antisemitismus geheilt. Prof. Dr. Israel Abrahams. Einen unersetzlichen Verlust hat das gesamte Judentum erlitten, ein Großer hat vor kurzem für immer die Augen geschlossen. Dr. Israel Abrahams, Professor für talmudische und rabbiniscbe Literatur an der Universität Cambridge ist im Alter von 66 Jahren mitten aus einem arbeitsreichen, der Wissenschaft gewidmeten Leben abberufen worden. Mit ihm ist einer der hervorragendsten .jüdischen Gelehrten, ein Mann von internationalem Rufe, dahingegangen. Es fällt schwer, die Tätigkeit des Verstorbenen auch nur einigermaßen entsprechendzu würdigen, seine wissenschaftliche Bedeutung genau zu beschreiben. Wir wollen daher den Nachruf im folgenden wiedergeben, den die „Times" dem dahingeschiedenen jüdischen Gelehrten gewidmet hat und dessen Uebersetzung wir Herrn Siegmund Reich aus Baden verdanken. Verhältnismäßig wenig Menschen in irgend einem Lande dürften befähigt sein, die Tätigkeit Dr. Abrahams als Professor und Literat, die seinen Namen auf der ganzen Welt bekannt machte, voll und ganz zu

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