Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 47 (27.11.1925)
- Date
- 1925-11-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite « DIE WAHRHEIT Nr. 47 waren. Deutlich erklärte bei dieser Gelegenheit das Wiener Judentum, daß jüdisch fühlen und auch Sinn für jüdische Institutionen in Palästina haben, noch lange nicht identisch sei mit jüdischnationaler Politik im österreichischen Nationalrat. Nun glauben wir in unserer Annahme nicht fehlzugehen, wenn wir behaupten, daß außer jener Gruppe von Zionisten, welche vor kurzem sich als offener Gegner der Inlandspolitik der österreichischen Zionisten deklarierte, ihnen sogar den Kampf ansagte, es sehr viele gibt, die sich sagen: Ja hier in Wien haben wir es mit einer national homogenen Bevölkerung zu tun, da richten wir nichts aus und schaden der ökonomischen Entwicklung der österreichischen Judenschaft damit mehr, als wir ihr durch eine Vertretung im Nationalrat nützen könnten. In der Tschechoslowakei, dem alten Oesterreich im modernen Format, dort neben sechs Nationen müssen wir es durchsetzen, als siebente in die gesetzgebenden Körperschaften einzuziehen. Zum drittenmale seit dem Umsturz entsandten die Nationen der Tschechoslowakei ihre Volksboten in den Nationalst und Senat, alle dreimal traten die dortigen Jüdischnationalen mit einem Nationalprogramm in den Wahlkampf. Die herrschende Nation in diesem Staate, die tschechische, begünstigt im wohlverstandenen eigenen Interesse überall dort, wo sie eigene politische Interessen wahrnimmt, die Stellung der Jüdischnationalen. Einzelne politische Persönlichkeiten der Tschechen werden von den Zionisten aller Länder glorifiziert, und all das vermochte es nicht ein einziges jüdischnationales Mandat in diesem Staate zu erobern. Ist dieser Leerausgang in den vorhergegangenen Wahlperioden nur als eine Enttäuschung der Jüdischnationalen zu bewerten gewesen, so hat das Ergebnis der Wahlen vom 15. November 1925 leider eine viel einschneidendere Pedeutung, besonders für die Juden der Slowakei. Durch das neue Wahlgesetz, laut dem die Stimmen jener Parteien, welche nicht in der Lage sind, die vorgeschriebene Anzahl von Stimmen in einem Wahlkreise zu erreichen, den Tschechen zufallen, war es natürlich, daß gerade in der Slowakei, wo die meisten Juden dieses Staates konzentriert sind, ihre Stimmen den Tschechen zufielen. Wir können uns es lebhaft vergegenwärtigen, welche Gefühle den dortigen Juden gegenüber diese Tatsache im Herzen der Slowaken auslöste. Trotz der schwerwiegenden Folgen, welche die politischen Machtgelüste einzelner politisierender Jüdischnationalen verursachen, stimmt es heiter, wenn man die Stimmen im Lager der Jüdischnationalen nach den Wahlen hört und liest. Die Regierung der tschechoslowakischen Republik wird so dargestellt, als wäre sie zu den Statthaltern Galiziens in den Zeiten Badenis in die Schule gegangen. All das, was wir Jahrzehnte lang von den polnischen Wahlen hörten, wird ihr zum Vorwurfe gemacht und nur deswegen, weil die jüdische Bevölkerung der Tschechoslowakei nicht bis auf den letzten Mann jüdischnational wählte. Wir können bei dieser Gelegenheit nicht die Frage unterdrücken, warum denn eigentlich die jüdischnationale Politik ausschließlich nach dem österreichischen oder tschechoslowakischen Parlament verlegt werden sollte. Wir sind ebenso der Meinung, daß das englische Unter- und Oberhaus, die parlamentarischen Körperschaften jenes Staates, unter dessen Schutz das jüdische Palästina aufgebaut werden soll und wo die Zahl der Juden beinahe so groß ist wie die in der Tschechoslowakei, zumindest nicht kleiner wie in Oesterreich, weit eher geeignet wären für jüdischnationale Politik. Nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch heute sind Juden hervorragende Parlamentarier in England, nehmen auch an der Regierung teil, manche sind sogar bekannte Zionisten, wie das Mitglied des Unterhauses Sir Alfred Mond, aber jüdischnationale Politik scheinen sie in beiden Häusern trotz der Balfourdeklaration nicht betreiben zu wollen. Die Engländer und mit ihnen das englische Judentum sind die Klassiker der Politik; solange die englischen Juden es nicht für notwendig erachten, in ihrem Lande jüdischnationale Politik zu treiben, kann man es uns nicht verargen, wenn sie uns in diesem Belange als Vorbild dienen. I. G r o b t u c h. Der Antisemit oder Wirkung der Aufklärung. Eine Reisebegebenheit von Heinrich Fischer. (Schluß.) — Ihrer Offenheit alle Achtung! Wenn jeder Antisemit so offenherzig wäre, wie Sie es sind, würde es einen Antisemitismus — überhaupt nicht geben. Dieser verträgt nämlich die Sonne nicht Stellen wir zunächst fest, daß Sie, gleich Ihren Sinnesbrüdern, nicht Heiden, sondern Monotheisten sind, ebenso wie die Juden, die diesen Monotheismus als erste begründet haben und auf deren Religion, auf deren Altem Testamente Jesus seine Lehren, deren Kern ebenfalls die zehn Gebote Moses sind, aufgebaut hat. Steht nun dem christlichen Glauben der mosaische am nächsten, wozu wendet sich der Haß, dessen Gift, an Stelle der durch Christus gepredigten Liebe, wie Sie selbst gestanden, schon in die zarte Kinderseele geträufelt wird, gegen die religionsverwandten Juden und nicht gegen die in humaner, religiöser und sittlicher Hinsicht weit abseits stehenden Götzenanbeter, die doch noch lange nicht alle sind? Einfach darum, weil die Juden bequem bei der Hand, die Götzenanbeter aber ferne sind. Und warum, glauben Sie, wird ein solcher Haß überhaupt gezüchtet? Nun, weil er wohl das verwerflichste, aber immerhin wohlfeilste, bequemste Mittel der Machtbestrebungen und der politischen Eingebungen — notabene: nicht der Bedürfnisse des Tages! — einzelner ist, dem immer und immer wieder neue Vorwände, zur frischen Erhaltung, unterschoben werden können. Um den Janhagel, der stets blind war und den man wohl nie überzeugen, aber selbst durch die sinnwidrigsten Phrasen desto leichter begeistern kann, zu ködern, könnten wohl auch olympische Spiele, Feuerwerke usw., arrangiert werden, doch das zieht weit nicht so, wie etwas, wobei „noch 'was herausschaut". Das Losungswort des Juden und Christen gleichermaßen zu Tode folternden blutrünstigen Generalinquisitors Torquemada: „Der Zweck heiligt die Mittel", hat lange vorher schon der ebenso bestialische Nero in die Tat umgesetzt, als er, im Interesse der Stadtverschönerung, den Brand Roms angezettelt und dafür eine Unmasse unschuldiger Menschen, nur weil sie Christen waren, vor einer schaulustigen, entmenschten Menge der Wut wilder Tiere preisgegeben hat. Vermögen nun die sich Antisemiten nennenden Hetzer von heute solche Ungeheuerlichkeiten von gestern irgendwie zu entschuldigen? Und schließlich: können die seinerzeitigen Ankläger Jesu nicht ebensogut auch Ihre Vorfahren gewesen sein, auch wenn Sie auf einen tausendjährigen arischen Stammbaum sollten zurückblicken können? Oder vermögen Sie irgendwie nachzuweisen, daß Sie nicht von den seit vielen Jahrhunderten zwangsweise zum Christentums bekehrten Juden, sondern, als rassenreiner Arier, direkt von den bekehrten Heiden stammen? Doch angenommen, dem wäre so. Um wieviel mehr Ehre steckt darin, seine Herkunft von jenen herzuleiten, die wie der evangelische Priester Rever. Dr. S. W. Purvis in seiner in der Kathedrale zu Philadelphia gehaltenen, hochinteressanten