Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 47 (27.11.1925)
- Date
- 1925-11-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 47 DIE WAHRHEIT Seite 5 jedermann wohlbekannte ungarische Mentalität, welche jede Einmischung in ungarische Verhältnisse entschieden ablehne. Eine solche sei eine Gefahr für das ungarische Judentum, da das selbstbewußte Magyarentum es den Juden nie verzeihen würde, wenn mit ihrer -Hilfe die ungarische Gesetzgebung unter ausländischem Druck beeinflußt wurde. Paul Sandor gab der unerschütterlichen Hoffnung Ausdruck, daß es den Bemühungen der Vertreter der ungarischen Juden bestimmt gelingen wird, das ungerechte Gesetz zu beseitigen. In diesem Sinne führen die ungarischen Juden ihren Kampf. Dieser Kampf ruhte auch nicht bei den erhebenden Festlichkeiten. Kein einziger der Redner unterließ es, gegen den Numerus clausus in der energischesten Weise zu protestieren und seine ehebaldigste Abschaffung zu fordern. Männer und Frauen — auch diese haben an den Reden teilgenommen — waren einig in dieser Forderung und jeder Satz wurde mit lauten stürmischen Zurufen aufgenommen. Auch die Generalversammlung des Ung. Kulturhilfsvereines faßte einstimmig den beschluß, für die Abschaffung des Numerus clausus einzutreten. Auf der Grundlage der ungarischen Verfassung stehend, heißt es in der Resolution, erwarten wir den Sieg der Gleichberechtigung von dem Wiedererstehen der 'edlen ungarischen Traditionen. Die Sache des Numerus clausus wollen wir mit der eigenen Regierung und mit der eigenen Gesetzgebung erledigen. Wir haben und werden uns an keine ausländischen Faktoren um Hilfe wenden und lehnen diese Hilfe, selbst wenn sie wohlgemeint ist, ab. Noch eines: Die Wiener Abgeordneten haben die Reiseaufträge der „Wiener Morgenzeitung' wohl zur Kenntnis genommen, sie waren aber nicht in der Lage, die ihnen aufgetragenen Grüße an die bestimmten Adressen zu leiten. Es wurde ihnen vor allem eine Enttäuschung bereitet. Herr Horthy, dem die Grüße der Zionisten in erster Linie galten, war nicht gekommen; es scheint, daß man doch nicht angesichts der treuen Gefolgschaft seines Budapester Gemeindevorstandes gefaßt sein mußte, ihm die Reverenz zu erweisen". Die besondere Taktlosigkeit, die Herren Hejjas und Marffy in Verbindung mit diesem Feste zu bringen, liegt so klar zutage, daß es einer Erwiderung wohl nicht bedarf. Wenn aber endlich die „Wiener Morgenzeitung" noch von dem Budapester Oberrabbiner Dr. Hevesi spricht, der nach ihrer Darstellung „den greisen Szegediner Oberrabbiner Immanuel Low den Folterknechten Horthys ausgeliefert haben soll", so darf eine Episode nicht unerwähnt bleiben. Bei der Festfeier saß neben Dr. Ornstein in unmittelbarster Nähe des Oberrabbiner Dr. Hevesy ein Bruder des Oberrabbiners Low, welcher dem Delegierten gegenüber wohl die Verdienste des Oberrabbiner Hevesy in auszeichnenden Worten pries, aber allerdings nichts von dessen Intervention zum Nachteil seines Bruders sprach. Auch der Verteidiger des Oberrabbiners Low, der Budapester Advokat Marcel B a r a s s hielt bei dem gleichen Festbankett, bei dem Oberrabbiner Hevesy gesprochen hatte, eine Toastrede, in der er gleichfalls die Abschaffung des Numerus clausus forderte. Die glanzvolle Feier hat klar und deutlich bewiesen, daß die ungarische Judenheit sich ihrer Tradition voll und ganz bewußt ist, ist aber gleichzeitig eine Anklage gegen diejenigen, welche ihr ..entgegen jedem jüdischen Solidaritätsgefühle", um mit den Worten Strickers zu reden, „in den Rücken gefallen sind". O. H. Ein Epilog zu den Wahlen-in der Tschechoslowakei. Als in den Jahren 1906/07 im alten Oesterreich die Wahlreform für das Parlament auf der Tagesordnung stand, deren Endziel das allgemeine Wahlrecht bildete, lag es angesichts der damaligen Struktur des Staates sehr nahe, daß neben den politischen, sozialen und religiösen Gegensätzen der Parteien „die nationalen Gegensätze einer flotten Finalisierung des Reformwerkes hinderlich in den Weg standen. Während die damalige Regierung Beck mit den Parteien über die Wahlreform verhandelte, tauchte bei einigen wenigen Herren im damaligen Wiener zionistischen Lager der Gedanke auf, ob es nicht angehe, die Situation auszunützen und den Standpunkt Theodor Herz 1 s, daß Zionismus sich mit der Betätigung von Inlandpolitik nicht gut vertrage, einer Revision zu unterziehen. Die Wahlkreiseinteilung, besonders jene in Galizien und in der Bukowina, hatte es ihnen angetan und nach vielen Kämpfen innerhalb der Partei selbst entschloß man sich festzustellen, daß die diesbezügliche politische Maxime lierzls nicht mehr zeitgemäß sei, und man bildete eine jüdischnationale Partei für Oesterreich, unter deren Flagge man in den Wahlkampf zog. Knapp vor Erledigung des neuen Wahlgesetzes bestürmte die neugebildete nationale Partei die Regierung mit Memoranden, zu deren Inhalt der bekannte Freiheitskämpfer Dr. Adolf F i s c h h o f unfreiwillig herhalten mußte, und Resolutionen, in welchen sie die Anerkennung einer jüdischen Nation just in diesem Stadium verlangte. Die führenden Kultusgemeinden Oesterreichs, mit der Wiener an der Spitze, die österreichischisraelitische Union, der damalige Abgeordnete Dr. Julius 0 f n e r, Hof rat K u r a n d a und nicht zuletzt Dr. Josef Samuel Bloch, der erste und einzige jüdische Abgeordnete in Europa, der jüdische Interessen in einer Art vertrat, die nur die Geschichte des Judentums richtig zu würdigen verstehen wird, hatten nicht viel Mühe aufzuwenden, um die jüdische Bevölkerung und die Regierung ge^en die Verwirklichung dieses Planes zu stimmen. Ihr Veto lag im Interesse der Juden, und, was das Wesentlichste ist, es hat auch heute noch an Berechtigung nichts eingebüßt. Der Krieg zertrümmerte den alten österreichischen Staat. An seiner Stelle entstanden Nationalstaaten mit demokratischen Verfassungen, in denen nur die Souveränität des Volkes Geltung hat. Die Nationaljuden in diesen neuen Staaten erklärten, mit der Zertrümmerung des alten Oesterreich sind auch die alten Anschauungen der Juden zunichte geworden. Wir müssen im kleinen Oesterreich, das jetzt zwar national der homogenste Staat unter den neugeschaffenen Staaten ist, eine eigene politische Nation repräsentieren mit dem Rechte auf Vertretung in allen gesetzgebenden Körperschaften. Das Recht wird ihnen wohl nicht genommen, aber die Vertretung derjenigen, die zunächst berufen, zu entscheiden, ob sie jüdischnational vertreten sein wollen oder nicht, nämlich der jüdischen Bevölkerung, die können sie trotz der geänderten Verhältnisse nicht erreichen. In Wien, wo die jüdische Bevölkerung nach dem verlorenen Kriege und durch die wirtschaftlichen Verhältnisse verleidet, müde ist, noch politische Kämpfe auszufechten, gelang es vor zwei Jahren eine jüdische Wahlgemeinschaft anläßlich der Nationalratswahlen herzustellen, viel Aufwand an Kraft und Geld wurde dabei geopfert und das Ergebnis wa~, daß nicht ein Mandat erzielt Wirde, obwohl d'e Zahl der Juden inzwischen erheblich gestjeren?st. Mehr als das nur auf zwei Parte;er> herüber de Wahlsystem in Oesterreich trug die jüdischnationale Bevormundung in dem damaligen Wahlkampf zu dem Leerausgange bei. Wir zogen aus diesem Referendum der Wiener Judenschaft jene Konsequenzen, welche d'e ~!xen. als reaktionär verschrienen jüdischen Korrorationen und Persönlichkeiten vorauszusehen in der Lage