Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-11-27 · Heft 47 (27.11.1925) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 47 (27.11.1925)
Date
1925-11-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064066--14147-3081690
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 DIE WAHRHEIT Kr. 4? und zwar mit Rücksicht auf die Stellung des Betreffenden geschwiegen; sie hat dadurch eine für die „Wiener Morgenzeitung" unfaßbare Höflichkeit an den Tag gelegt. In das Schimpfkonzert der „Morgenzeitung" mischte sich der Mißklang eines neuen Instrumentes, das bisher selten mit den Tönen der „Morgenzeitung" harmonisch geklungen hatte. Der Immer ausgezeichnet informierte „Abend" weiß zu melden, daß die „Union" die Vertretung „der reichen Juden, Bankdirektoren und Großhändler" darstelle, und glaubt damit, sich offenbar eine besondere Weisheit geleistet zu haben. Jeder Unvoreingenommene weiß, daß die „Union" tatsächlich den jüdischen Mittelstand vertritt, jedoch die Interessen aller verfolgten und unterdrückten Glaubensgenossen, welchen Standes immer, zu ihren eigenen gemacht hat. Von der Hilfe der „Bankdirektoren" weiß kein Blatt in den Annalen ihrer Geschichte zu berichten, nur der „A b e n d" — und der muß es wissen. Für den schlichten, gerade denkenden jüdischen Bürger von Wien sind die Vorgänge, die sich jüngst innerhalb der Kultusstube abgespielt haben, vollkommen unverständlich. Er wird sich die Frage vorlegen, welches cuVeigentlichen Beweggründe für das ablehnende Verhalten der Jüdischnationalen gewesen sein mögen, und wird nach den Ursachen forschen, welche diese zu ihrer intransigenten Haltung veranlaßt haben. Die Antwort auf diese Fragen wird er'vergeblich in der Rede des Herrn Stricker suchen, denn diese liegt auf einem ganz anderen Gebiete. Um es kurz zu sagen: Die Einladung der Pester Religionsgemeinde bot den Jüdischnationalen den schon lange herbeigesehnten Anlaß, sich an dieser für die ablehnende Haltung, die sie gegenüber dem jüdischen Nationalismus bekundet, zu rächen. Daß damit der Wiener jüdischen Kultusgemeinde — der österreichischen — ja der gesamten Judenheit überhaupt ein schlechter Dienst erwiesen wurde, was ficht das überzeugte Jüdischnationale an, wenn sie es aus Parteigründen für zweckmäßig halten? Um so weniger darf man es daher von ihnen verlangen, daß sie auf die „Union" Rücksicht nehmen, mit der sie bei den letzten Kultuswahlen eine „Einheitsfront" gebildet haben. Sollten vielleicht doch diejenigen Recht behalten, die schon damals diesem Bündnis keine lange Dauer prophezeit haben? * * * Die beiden Abgesandten der Mehrheitspartei, Dr. Jakob O r n s t e i n und Dr. Josef T i c h o, sprechen mit hoher Befriedigung und großer Freude von den Festlichkeiten in Budapest, die tatsächlich ein Fest nicht nur der großen Schwestergemeinde, sondern auch des ganzen ungarischen Judentums waren. Mit tiefer Dankbarkeit erfüllt sie die hohe Auszeichnung, mit welcher sie in Budapest empfangen wurden, und die Erinnerung an die echt ungarische Gastfreundschaft, die ihnen nicht nur von den Spitzen der Gemeinde, sondern von jedem einzelnen Teilnehmer des Festes entgegengebracht wurde. Die Festlichkeiten am Samstag, den 21. d. M. — ein Festgottesdienst am Vormittag, ein Jugendgottesdienst am Nachmittag und die feierliche Eröffnung des neuen Beth Hamidrasch — schloß am Abend die Generalversammlung des Ungarischen KulturhilfsVereines ab, dem die Sorge für die jüdische Studentenschaft obliegt, die gezwungen ist, im Ausland ihren Studien nachzugehen. An xlieser Generalversammlung nahmen die Wiener Delegierten nach einem überaus freundlichen Empfang durch den um die Budapester israelitische Religionsgemeinde sehr verdienten Gemeindepräsidenten Dr. Sandor L e d e r e r teil, und zwar, wie übrigens bei allen Veranstaltungen, auf der Präsidententribüne. Sie wurden von dem Vereinsleiter herrn Oberrabbiner Doktor Simon H e v e s i in deutscher -Sprache in besonders ehrenvoller Vveise begrüßt. Die in dieser Versammlung gehaltenen Reden, insbesondere die des Oberrabbiners, des Uemeindepräsiuenten Dr. Lederer und des Abgeordneten und ehemaligen Justizministers Dr. Wilhelm Vazsonyi, sowie des Sohnes des Begründers und derzeitigen Herausgebers der jüdischen Wochenschrift „Egyenlöseg", Dr. Ludwig S z abolcsy, wurden mit stürmischen Beifall der Versammlung aufgenommen. Den Olanzpunkt der Festlichkeiten bildete die große Festversammlung am Sonntag, den 22. d„ in dem schönsten Saale Budapests im Gebäude der städtischen Redoutensäle. Tausende von Mitgliedern der Kultusgemeinde standen dichtgedrängt im Saale, in den Logen und auf den Galerien. Die Ehrengäste sammelten sich zunächst in dem Kuppelsaale und betraten dann in feierlichem Zuge das Podium. Die Schöpfer der Rezeption, der Präsident des Verfassungsgerichtshofes Baron Julius Wlasics und der Präsident der Akademie der Wissenschaften Albert v. Berzeviczy, wurden wiederholt enthusiastisch akklamiert. Auch dem Oberbürgermeister von Budapest Franz Ripka wurde brausender Beifall zuteil. Die Regierung war durch den Kultusminister Grafen Bruno Klebelsberg vertreten. Der Festrede des Gemeindepräsidenten Dr. Lederer folgten zahlreiche Ansprachen, so die der Oberrabbiner Doktor He vesi und Dr. Fischer, dann des Abgeordneten V as zouy; Oberbürgermeister Ripka brachte die Glückwünsche der Hauptstadt, Minister Klebelsberg die der Regierung zum Ausdruck. In dieser Versammlung sprach weiters Herr Dr. Josef Tic ho, Mitglied des Vertreterkoiiegiums unserer Gemeinde, welcher der großen Freude unserer Abgesandten Ausdruck gab, an dem Feste des ungarischen Judentums teilzunehmen, die Bedeutung der Gemeinde und ihrer Anstalten würdigte und ihr die besten Wünsche des überwiegenden Teiles der Wiener jüdischen Bevölkerung überbrachte. Die Wiener Vertreter waren ein wenig beschämt, als nunmehr dem Abgeordneten der Berliner Gemeinde das Wort erteilt. wurde, denn er war in. der Lage, sich als Delegierter der ganzen Gemeinde einzufinden. (Die Zionisten, die der Berliner Gemeindevertretung angehören, haben eben' ein besseres Verständnis als ihre Wiener Gesinnungsgenossen für die Pflicht der internationalen Höflichkeit und der Courtöisie bewiesen, welche im Verkehr zwischen ganzen Völkern, demnach auch zwischen einzelnen Gemeinden am Platze ist.) Den Abschluß der Festlichkeiten bildete das Festbankett im Redoutensaale. Weit über 700 Personen nahmen an diesem Abend teil und lauschten gespannt den einzelnen Rednern, von welchen besonders der Abgeordnete Wilhelm Vaszony die Begeisterung der Zuhörer weckte. Bei diesem Festbankett sprach der zweite Wiener Abgeordnete, der Vizepräsident unserer Gemeinde Dr. Jakob Ornst ein, der in seinem Toaste insbesondere von dem am selben Tage im Pester Lloyd erschienenen Artikel des Gemeindepräsidenten Dr. Leder er über die Geschichte der ungarischen Juden ausging und der Hoffnung Ausdruck gab, daß, wenn auch das staatliche Band, das die Juden der beiden Länder früher verbunden, zerrissen sei und wohl nie mehr geknüpft werden könne, das Band der Einheit der Gesinnung immer ein unzerreißbares, bleiben wird, jener Gesinnung, die in der Betätigung für das Judentum, aber in gleicher Weise auch für das Vaterland ihren Ausdruck findet. Mit lebhaftem Danke verabschiedete sich die Delegation von ihren Gastgebern, insbesondere von dem Gemeindepräsidenten Dr. Lederer, dem Oberrabbiner Dr. Hevesi und dem Abgeordneten Vaszony. Diese Herren aber wiesen den Dank zurück, weil sie im Gegenteil für die durch die Teilnahme der Delegierten erwiesene Ehrung dem Wiener Judentum zu Dank verpflichtet seien. Die Delegierten nahmen die Wahrnehmung mit sich, daß der Kampf der ungarischen Judenschaft gegen den Numerus clausus zäh© und nachhaltig, mannhaft und mu&g Igejöihrt wird. Die Art -und Weise, wie diese Männer unter schweren Verhältnissen und großen Gefahren während des roten und weißen Terrors das Judentum vertreten haben, bedingt größere Opfer als die, welche mit der Opposition im Wiener Kultusvorstand verbunden sind. Und deshalb müssen alle Anwürfe gegen diese wackeren Kämpfer mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen werden. Einer der beiden Delegierten hatte Gelegenheit, mit dem Abgeordneten Paul San d o r, der im Parlament, aber auch sonst überall furchtlos für das Judentum eingetreten ist, zu sprechen. Er erklärte dem Wiener Gast die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.