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Die Wahrheit · 1925-11-27 · Heft 47 (27.11.1925) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 47 (27.11.1925)
Date
1925-11-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Hr. 47 DIE WAHRHEIT Seite 3 Dr. Josef Ticho und Baurat Wilhelm Kempler in ihrer Entgegnung auf die Rede Strickers aufgeworfen und zu bedenken gegeben, daß der von den Jüdischnationalen gestellte Antrag auf Nichtbeteiligung an dem Feste der benachbarten Religionsgegemeinde eine den Geboten internationaler Höflichkeit hohnsprechende Herausforderung darstellen würde. All das machte auf Stricker und Konsorten keinen Eindruck; sie blieben dabei: Die Gemeinde hat sich an diesem Jubiläum in Budapest unter keinen Umständen zu beteiligen. Unsere Gemeinde stand bisher im Rufe äußerster Höflichkeit und größten Taktes. Höflichkeit und Taktgefühl machen es jeden einzelnen sowie auch einer 'Korporation zur selbstverständlichen Pflicht, auch denen gegenüber Hochachtung zu bekunden, die anderer Gesinnung sind. Unsere Gemeinde ist sich bisher stets dieser Pflicht bewußt gewesen und hat dies erst jüngst dadurch bewiesen, daß sie die in Wien weilenden Teilnehmer des XIV. Zionistenkongresses feierlich empfangen hat. Unsere Gemeinde, die in ihrer überwiegenden Mehrheit den jüdischen Nationalismus auf das schärfste ablehnt, zögerte nicht, ihren ersten offiziellen Empfang denen zuteil werden zu lassen, die sich zu ihm bekennen, und kein noch so entschiedener Gegner des jüdischen Nationalismus hätte es gewagt, ihr diesen Akt der Höflichkeit zum Vorwurfe zu machen. Damals handelte es sich um einen reinen Höflichkeitsakt und diesmal wäre es auch nichts anderes gewesen. Der Unterschied liegt nur darin, daß es den Jüdischnationalen damals überaus willkommen war und es ihnen diesmal gegen den Strich ging. Also kam es zur Abstimmung, bei der zufälligerweise einige Mitglieder der Majoritätspartei nicht anwesend waren und so wurde der Antrag der Majorität auf Beteiligung an den Budapester Feierlichkeiten mit einer einzigen Stimme Mehrheit abgelehnt. Diese dem Zutall zu verdankende Majorität setzte sich zusammen aus den jüdischnationalen Mitgliedern des Vorstandes, den von diesen bei den letzten Wahlen aufs schärfste bekämpften und beschimpften Mitgliedern der Gruppe für soziale Tätigkeit und dem Herrn Schar Ist ein, der gleichzeitig Obmann und einziges Mitglied des Klubs A c h d u t h ist. Dieser überwältigende bieg ist allerdings auch dem loyalen Verhalten des Kultuspräsidiums zu verdanken, dessen Mehrheit ohne weiters berechtigt gewesen wäre, der Einladung Folge zu leisten und nur durch den Einspruch eines Präsidialmitgliedes sich veranlaßt gesehen hat, über die Angelegenheit im Vertreterkollegium entscheiden zu lassen. Nur die Einladung allein sollte dem Plenum zur Kenntnis gebracht werden. Aber es galt, billige Lorbeeren zu pflücken, und so kam es, wie es gekommen ist. Die Vertreter der Majoritätspartei zogen sich hierauf zu einer Beratung zurück und faßten schließlich folgende Resolution, welche Dr. T i c h o als Obmann des Klubs der „Union" in der wiedereröffneten Sitzung zur Verlesung brachte: „Der von mir vertretene Klub protestiert gegen die allen Geboten der internationalen Höflichkeit und den Gefühlen der Majorität der Wiener Judenschaft widersprechende Ablehnung des Antrages auf Beteiligung an den Feierlichkeiten zur Erinnerung an die Rezeption der israelitischen Religion m Ungarn und der Gründung der Pester israelitischen Religionsgemeinde, begrüßt aus diesem Anlaß dde Schwester gemeinde, die bei allen Anlässen ihre Anhänglichkeit an das Wiener Judentum bekundet hat, aufs herzlichste und begleitet ihre weitere Entwicklung mit den Gefühlen der innigsten Anteilnahme an ihren ferneren Schicksalen." * Nach dieser Erklärung wurde auf Verlangen der Maioritätspartei die Plenarsitzung geschlossen. Im Sinne dieser Resolution und eines einstimmig gefaßten Parteibeschlusses haben sich der Präsident der „Union deutschösterreichischer Juden*' Dr. Jakob Ornstein und der Klubobmann der Majoritätspartei Kultusvorstand Dr. Josef Ticho nach Budapest begeben, um an den Feierlichkeiten der dortigen Religionsgemeinde teilzunehmen. Dieser Beschluß ist um so begrüßenswerter, als die „Union" mit der Pester Gemeinde, sölange noch die Oesterreichisch-ungarische Monarchie bestand, in innigster Verbindung gestanden ist und auch heute noch die freundschaftlichsten Beziehungen aufrecht erhält. Mit dieser Reise, welche von der Mehrheit der Wiener Juden entschieden gebilligt wird, beschäftigte sich nun die „W iener Morgenzeitun g", das offizielle Organ der Wiener Jüdischnationalen, in einer direkt unverschämten Art und Weise. Unter dem Titel „Beste Grüße" erlaubt sie sich, den Vertretern der „Union" „Reiseaufträge" zu erteilen, obwohl sie gewiß nicht hierzu berufen erscheint. Die Art dieser Aufträge ist eine rohe Verhöhnung zweier Männer, die sich um das Wiener Judentum mehr Verdienste erworben haben als alle nationalistischen Heißsporne und Versammlungsschreier zusammen. Die „Wiener Morgenzeitung" scheut sich nicht, wörtlich folgendes zu schreiben: Die Herren Ornstein und Ticho haben offenbar das dringende Bedürfnis, Herrn Horthy ihre Reverenz zu erweisen; es liegt ihnen offenbar auch viel aarun, mit Herrn Heijas an einem Tisch zu sitzen; vielleicht werden sie auch die Ehre haben, den eben wegen seines Patriotismus freigesprochenen Bombenwerfer Marffy ergebenst zu begrüßen. Da dde Herren Ornstein und Ticho als Vertreter der nichtzionistischen Juden erscheinen, so mögen sie ja nicht vergessen, all diesen „Prominenten" im Namen der nlchtziontstischen Juden ihre Huldigung zu Füßen zu legen! Und noch einen Ehrenmann dürfen sie nicht übersehen: Den ehrwürdigen Budapester Oberrabbiner Hevesi, der es fertig gebracht hat, den greisen Rabbiner Immanuel Low in Szegedin Horthys Folterknechten auszuliefern, indem er ihn als Hochverräter verleumdete." Solche Auswüchse leistet sich das Blatt einer Partei, deren Wortführer ständig von „Würde" und „Würdelösigkeit" spricht. Traurig, aber wahr! Wenn das jüdischnationale Blatt schon unbedingt jemanden Reiseaufträge erteilen will, so möge sie sich hierzu lieber eine bekannte jüdische Persönlichkeit aussuchen, welche oft und gerne Reisen für die Zwecke ihrer Partei unternimmt. Obwohl die Mehrheit der Wiener Juden mit diesen sich häufenden Reisen nicht ganz einverstanden ist, so hat sie doch,

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