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Die Wahrheit · 1925-11-20 · Heft 46 (20.11.1925) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 46 (20.11.1925)
Date
1925-11-20
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 46 EHE WAHRHEIT Seite 9 nicht jene Achtung vor dem gegebenen Worte besitzen, wie sie den Angehörigen jener auf der untersten Kulturstufe stehenden Völkern eigen ist. Zur Illustration diene folgender Vorfall, der sich auf akademischem Boden abgespielt hat, und zwar vor den Augen des Rektors und des Bundespräsidenten. Es ist ein alter akademischer Brauch, daß der Amtsantritt des neuen Rektors in festlicher Weise begangen wird, wobei die farbentragenden Studenten aller Schattierungen in Paradeausrüstung teilnehmen. Die deutschvölkischen Studenten erklärten sich bereit, mit den gegnerischen Korporationen gemeinsam in voller Wichs auszurücken und gaben nach anfänglicher Weigerung knapp vor Beginn der Inaugurationsfeier dem Rektor das ehrenwörtliche Versprechen, die Ruhe und Ordnung bei dem gemeinsamen Aufmarsche zu garantieren. Wie nun haben die völkischen Studenten ihr Ehrenwort gehalten? Als die deutschfreiheitlichen Studenten in voller Wichs vor der Universität erschienen und in den Festsaal gelangen wollten, wurden sie von den hakenkreuzlerischen, farbentragenden Studenten mit Fäusten und Stöcken traktiert, Gummiknüttel und Drahtstöcke schwirrten durch die Luft und eine Pause in der Schlacht trat erst ein, als die Hakenkreuzler den letzten Liberalen buchstäblich die Treppe hinuntergeworfen hatten. Schließlich erschien Rektor Professor Dr. Luik selbst im Vestibül und richtete an die randalierenden Studenten folgende Worte: „Deutsch sein heißt treu sein. Ich erwarte von Ihnen, daß Sie Ihr Ehrenwort erfüllen werde n". Doch von der „deutschen Treu e", die die Hakenkreuzler immerfort im Munde führen, war nichts zu sehen. Schreien, Lärm und Stöckeschwingen war die Antwort, welche die wackeren Burschen dem Rektor erteilten. Den deutschfreiheitlichen Studenten wurde auch fernerhin der Eintritt verwehrt und diese mußten schließlich wieder abziehen, ohne an der Festlichkeit teilgenommen zu haben. Mit fanatischem Siegesjubel feierten die hakenkreuzlerischen Studenten den Abzug der freiheitlichen Kommilitonen, Schmerz und* Trauer aber muß alle die erfüllen, die daran denken, wie tief bereits ein Teil unserer .studierenden Jugend im Zeichen des Hakenkreuzes gesunken ist. Unlängst war eine schöne Gegenüberstellung im Anschlagekasten des „Deutschen Kulturamte s" zu finden: .Juden, Neger und Chinesen". Wir wollen nicht von „Hakenkreuzler, Buschmännern Fidschiinsulänern" sprechen; denn wir wollen diese Völker nichf*in ihrer Ehre kränken; eine Hakenkreuzehre hingegen scheint nach dem Vorgefallenen nicht vorhanden zu sein. Eine gerechte Sühne hat eine schwere Beleidigung gefunden, die von einem aktiven Offizier der österreichischen Wehrmacht einem ihm ganz unbekannten Juden zugefügt wurde. »Der Beleidigte ist der Pelzhändler Heinrich Herlinger, der Beleidiger der Oberstleutnant im vierten Infanterieregiment Adolf Bauer, welcher von dem bekannten Antisemiten Dr. Walter Riehl verteidigt wurde. Der vom Klagevertreter Dr. Valentin Rosenfeld erbrachten Ehrenbeleidigungsklage lag folgender Sachverhalt zugrunde: Herlinger ging am 25. September, 12 Uhr mittags, an der Markthalle auf der Landstraße vorbei, drehte sich zu seinem etwas zurückgebliebenen Freund um und bekam in demselben Augenblick einen Stoß in den Rücken von dem ihm bis dahin unbekannten Oberstleutnant, der ihm zurief: „Mach Platz, du Saujud!" Ganz verblüfft blieb Herlinger stehen, sah den Herrn Offizier nur an und sprach kein Wort. Da hob der Herr Offizier den Säbel, ohne ihn allerdings aus der Scheide herauszuziehen, bis zur halben Armhöhe und rief jetzt: „Schau, daß du weiterkommst, du Saujud!" Womit verantwortete sich nun der tapfere , säbelklirrende, harmlose Zivilisten attakierende und arglose Passanten molestierende Herr Offizier? Er machte das, was seine Gesinnungsgenossen gewöhnlich in solchen Fällen zu tun pflegen: lügen und weiterschimpfen. Das Lügen ist ihm nicht gelungen, da eine ganze Reihe von Zeugen den Tatbestand bestätigen konnte, und das Weiterschimpfen leider auch nicht, da der Richter den Angeklagten während der Verhandlung oftmals ermahnte, Ausfälle gegen eine bestimmte Konfession zu unterlassen. Die geradezu unglaubliche Verlogenheit und Frechheit verschlimmerten nur die Situation des Herrn Oberstleutnant. Schließlich wurde er der tätlichen und wörtlichen Ehrenbeleidigung im Sinne der Klage schuldig erkannt und zu drei Tagen Arrest verurteilt. In der Urteilsbegründung heißt es: Der objektive ^Tatbestand ist einwandfrei nachgewiesen worden. Zwar habe der Angeklagte eine abweichende Darstellung des Sachverhaltes gegeben, aber das Gericht hatte keinerlei Ursache, aifllen Angaben der Zeugen und des Klägers zu zweifeln, sondern sah vielmehr die Verantwortung des Angeklagten als unglaubwürdig an. Der Oberstleutnant hatte nicht den geringsten Grund, den Kläger zu insultieren und dann noch zu beschimpfen. Seine Behauptung, daß der Kläger ihm „Dreckoffizier" zugerufen habe, müsse als glatte Erfindung bezeichnet werden, da weder die Zeugen, die ruhig und leidenschaftslos aussagten, das gehört haben, noch der Angeklagte selbst mit Sicherheit den Wortlaut der angeblichen Beleidigung angeben konnte. Der Angeklagte hat ferner mit keinem einzigen Wort bekundet, daß er die Unzulässigkeit seiner Handlungsweise, die eines anständigen und gesitteten Menschen unwürdig ist, einsehe, im Gegenteil, auch noch bei seiner Verantwortung den Standpunkt eingenommen, daß er im Rechte sei. Diese Handlungsweise stellt sich als ein tief bedauerlicher, eines Offiziers unwürdiger Exzeß dar. Der Urteilsbegründung haben wir kein Wort hin• zuzufügen. Eine bescheidene Frage jedoch an den Herrn Heeresminister Vaugoin wollen wir nicht unterlassen: Wird der tapfere Soldat mit der hohen Auffassung von Offiziersehre auch weiterhin unsere Wehrmacht durch seine Anwesenheit zieren oder wird ihm der Säbel, den er gegen vorübergehende Zivilisten zu erheben geneigt war, endgültig weggenommen werden? Eine unerhörte Verunglimpfung des alten Testamentes findet sich in der „K a r 1 s r u h e r Z e i t u n g", dem offiziellen badischen Staatsanzeiger. In der Beilage „Wissenschaft und Bildung" der Ausgabe vom 26. September 1925 ist ein Aufsatz des verantwortlichen Chefredakteurs dieser Zeitung Curt Amen et veröffentlicht, der den Titel trägt: „Nibelungensage und pädagogische Moral". Der Verfasser des übrigens herzlich unbedeutenden Artikels zieht auch das alte Testament in den Bereich seiner Betrachtungen, offenbar nur zu dem Zwecke, um seinen Haßgefühlen gegen das Judentum Ausdruck zu geben. Er schreibt: „Eines der schlimmsten literarischen Werke in bezug auf pädagogische Moral ist das alte Testament . . . Gewiß, das alte Testament enthält zur Hälfte schöne und gewaltige Kapitel, wie sie in der gesamten Weltliteratur nicht mehr zu finden sind. Aber zur anderen Hälfte ist es voll von Unflätigkeiten und voll von so fürchterlichen Offenbarungen menschlicher Roheit und Grausamkeit, daß man auch als erwachsener Mensch förmlich entsetzt davor zurückschaudert. Wenn von Entsetzen und Zurückschaudern gesprochen werden kann, dann wohl nur in bezug auf die Unbildung und Verblendung eines Menschen, der sich berufen fühlt, über Erziehung und Moral zu sprechen, ohne auch nur eine Ahnung von den Grundlagen der abendländischen Kultur zu besitzen. Wir halten Herrn Amend nicht für wert, uns mit ihm über Fragen auseinanderzusetzen, die heute Gemeingut aller Gebildeten sind und wollen nur, was das Nibelungenlied betrifft, einige Bemerkungen machen, Dieses ergreifende Epos, dessen gewaltige Kraft und Schönheit wir nicht „zur Hälfte", sondern voll und ganz würdigen, enthält dennoch die Erzählung vom erbärmlichen Verrat Hagens und der grausamen Rache Kriemhildens, den Bericht über das furchtbare Blutbad am Hofe des Königs Etzel. Niemandem wird es einfallen, ob dieser „so fürchterlichen Offenbarungen menschlicher Roheit und Grausamkeit" den Wert dieses Werkes, das zu den herrlichsten Schöpfungen der Weltliteratur gehört, auch nur im mindesten herabzusetzen. Ein Vergleich mit dem Alten Testament jedoch ist schon aus dem Grunde ausgeschlossen, weil beide einen ganz verschiedenen Charakter tragen. Dennoch aber muß auch der, für den die Bibel nicht das Fundament der gesamten Ethik und Religion ist, wie für Juden und Christen in gleicher Weise, wofern er das Alte Testament nur einigermaßen kennt, vollkommen darüber im klaren sein, daß jener moralische Geist, auf welchem die Bibel aufgebaut ist und den jeder Satz desselben durchzieht, im Nibelungenlied nicht zu finden ist. Diese Tatsache kann durchaus nicht als Mangel des letzteren gedeutet werden, da es ja auch gar nicht in der Absicht seiner Verfasser gelegen war, ein ethisches Standardwerk zu schaffen. Mit Kanonen austreiben! Die Bukarester „Facla" beschäftigt sich in einer ihrer letzten Nummern eingehend mit den internationalen antisemitischen Plänen. „Wir sind", schreibt sie „heute in der Lage, minutiöse Einzelheiten zu bringen über den Kampfplan der Antisemiten. Dieser Kampfplan überschreitet bei weitem die Grenzen einer gewöhnlich nationalistischen Kampagne. Eine höhere Persönlichkeit kam nämlich in den Besitz eines Dokumentes, aus dem hervorgeht, daß die Antisemiten unter anderen Projekten auch eine antisemitische Internationale ins Leben zu rufen beabsichtigen. Diese Information stützt sich auf folgendes: Beim Budapester Antisemitenkongreß haben die polnischen Delegierten den Antrag gestellt, eine Versöhnung mit den Juden durch Assimi-

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